Full text: Hessenland (14.1900)

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Kassel und ihrer für jene Zeit phänomenalen Be 
leuchtung herablassend geäußert hat, zitirte Kinkel 
nicht ohne Behagen, als wir vom Rondel aus nach 
dem Königsplatz hinunterblickten. Die sarkastischen 
politischen und kulturhistorischen Ausfälle, die er 
dabei nach dem Gesetze der Jdeenassociatiou nicht 
unterdrücken konnte, will ich hier nicht wiedergeben. 
Psychologisch betrachtet erklärte ich sie mir aus der 
bekannten Erscheinung, daß im langjährigen Exil 
selbst hervorragende Geister zu stagniren pflegen 
iinb sich zumeist in Illusionen festrennen, soweit 
als die Politik in Frage kommt. Dies gilt 
übrigens nebenbei' gesagt auch unter Anderen 
von Fr eilig rath, den wir zusammen mit Max 
Müller von Oxford bei einem Abendessen im 
Kiukelffchen Hause in London kennen lernten. Die 
Architektur in Wilhelmshöhe wollte dem Kunst 
historiker Kinkel nicht gefallen. 1)6 gustibus rc. 
Sein Vortrag über L es sing im Kasseler Kauf 
männischen Verein war natürlich geistvoll, aber 
man sah dem Redner die Abspannung an. Er 
hatte nämlich über denselben Gegenstand schon in 
einigen anderen süd- und mitteldeutschen Städten, 
darunter auch Homburg vor der Höhe, zu sprechen 
gehabt und hatte sich für den nämlichen Gegen 
stand noch in einigen protestantischen westfälischen 
Städten gebunden. Sein schweizerischer Professoren 
gehalt war nicht bedeutend; und da er nach dem 
Tode der edlen Johanna zum zweiten Male ge- 
heirathet hatte, so mußten für die heranwachsende 
Generation auch aus diesem zweiten Ehebunde nun 
durch litterärische Ertraarbeit Mittel beschafft 
werden. Daß Kinkel's lyrische Muse zeitweise Jahre 
laug geschwiegen hat, ist wohl aus diesen und 
seinen sonstigen Lebensverhältnissen unschwer zu 
erklären. 
Uebrigens will ich zum Schlüsse einen Aus 
spruch nicht unerwähnt lassen, den er an jenem 
Abend nach dem Vortrage über Lessing über das 
Verhältniß zwischen Kurhessen und Preußen that, 
als wir uns in einem engeren Kreise inter pocula 
im Hotel du Nord zu ihm gesellt hatten. Er 
hatte mit uns von den Märztagen, dem badischen 
Feldzuge und der doppelten Rolle, die das hessische 
Militär und die Hanauer Freischaarenturuer dabei 
spielten, und von Karl Schurz iu Washington 
gesprochen. Dann zur Einverleibung des Kur 
staates in den preußischen übergehend, sagte er 
langsam und bedächtig: „Ich weiß nicht, was ihr 
Kurhessen gegen Preußen verbrochen habt. Im 
dreißigjährigen Kriegsgewühl, im siebenjährigen 
Krieg lind erst recht unter Napoleon habt ihr dem 
größern deutschen Bruderslamme jedes Opfer ge 
bracht, was doch weder Sachsen noch Baiern gethan 
haben. Aber: 8ie vo8 non vobis mellificatis apes. —" 
Unsere Lebenspsade haben sich seit jenen Kasseler 
Tagen nicht wieder gekreuzt; aber ich habe später 
noch manchen interessanten ausführlichen Brief von 
ihm aus der Schweiz nach Thüringen und Eng 
land erhalten, die ich gern denjenigen Freunden 
des Dichters von Otto dem Schützen zur Dis 
position stelle, die sich für Autographien interessiren. 
Uon der Jahresversammlung des Grschichtsverriiis 
Wissenschaftlicher Bericht über die gehaltenen Vorträge von Dr. W. Lange. 
Bei der im August stattgehabten Jahresversamm 
lung des Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde sprach als erster Redner der Direktor 
des Kestnermuseums zu Hannover,Dr. Schuch Hardt, 
über eine alte B e f e st i g u n g s l i n i e, welche er 
auf dem rechten Diemeluser unlängst auf 
gefunden hat. Zunächst erinnerte er daran, daß 
weiter südlich eine von ihm und Dr. Böhlau ent 
deckte Linie bei Knickhagen an der Fulda zwischen 
Kassel und Münden beginnt und über Holzhansen, 
Meimbressen, den Schartenberg nach Arolsen zu 
zieht, die iu der Gegend von Usseln endigt. 
Während nun der erste Abschnitt bis in die Gegend 
von Grebenstein mit kleinen Kastellen besetzt war 
und die alte karolingische Befestigungsweise zeigt, 
ist die alte Linie in ihrem weiteren Verlaus im 
Mittelalter ganz überarbeitet und verwischt, hat 
vielleicht auch eine ganz andere Richtung gehabt, 
deren Feststellung durch das öftere Verschieben der 
Stammesgrenzen in dieser Gegend erschwert wird. 
Nachdem Dr. Schuchhardt nun eine von Marburg 
aus nach Norden bis zum Osning sich erstreckende 
andere Kette von großen zusammengehörigen Volks- 
burgen entdeckt hat, welche in der Vorzeit nicht 
durch einen Wall und Graben mit einander verbunden 
waren, kam er aus die Vermuthung, daß eine 
derartige Befestigungsweise auch weiter südlich zur 
Anwendung gebracht sei, und richtete sein Augen 
merk ans die von der Natur selbst gegebene Grenz 
linie zwischen Sachsen und Franken, die Tiemel. 
Es gelang denn auch, längs des unteren Laufes 
dieses Flusses die gesuchte Kette von Befestigungen 
wirklich anszufinden. Als erstes Glied derselben 
ist die Sieburg anzusehen, welche aus dem nörd-
	        

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