Full text: Hessenland (14.1900)

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England ging, wurde ich in die Kinkel'schen Kreise 
und von ihm selbst in die deutsche Gesellschaft für 
Kunst und Wissenschaft eingeführt. Die imposante, 
machtvolle Persönlichkeit Kinkels, des Hünen mit dem 
klassischen Antlitz, hat keiner wieder.vergessen, der 
jemals mit ihm verkehrt hat. Auch unseren deutschen 
Londoner Turnverein, wo viele Hessen, darunter 
Kasselaner, neben der Gymnastik gemüthliche deutsche 
Geselligkeit fanden, besuchte er gelegentlich im 
Interesse des landsmannschaftlichen Lebens. Ich 
selbst habe damals auch den schon oben erwähnten 
wackeren Kasseler Gardisten Zinn, Dr. Kellner's 
Befreier, kennen gelernt. Er war Buchdrucker und 
lebte später in recht guten Verhältnissen, wie ich 
mir 1889 auf der Redaktion des „Hermann", der 
von Kinkel gegründeten Zeitung, sagen ließ. 
Das Interesse, welches Kinkel den Kurhessen im 
Versassnngskampfe und seinen Folgen allzeit widmete, 
bekundete er mir im Jahre 1865 persönlich durch 
die Bitte, ich möge in einer Versammlung von 
Teutschen in Seyd's Hotel auf dem Finsbury 
Square in London, wo er selbst über die zer 
fahrenen mecklenburgischen Zustünde zu reden hatte, 
einen kurzen Bericht über Kurhessen geben. Ich 
that es und verwob damit auch die Angelegenheit 
des Kasseler Bürgers Wachenfeld und seiner 
Reitbahn, die unserm Vater, dem Obergerichtsanwalt 
Henkel, als Vertheidiger Wachenfeld's wegen 
seines freimüthigen Auftretens eine Festnngsstrafe 
zuzog, die allerdings durch die bald darauf ein 
ziehenden Preußen aufgehoben wurde. 
Kinkel wurde im folgenden Jahre nach 16jährigem 
Exil aus englischer Erde als Professor der Kunst 
geschichte nach Zürich berufen. Bon dort aus schrieb 
er mir häufig über politische und literärische Dinge 
und überraschte mich eines Tages auch mit der 
Nachricht, daß er aufgefordert sei, eine Reihe von 
Vorträgen auch in unserm Hessenlande, namentlich 
in Kassel, zu halten. 
Ich befand mich auf der Ferienreise nach England 
vorübergehend in Kassel, als ich unerwarteterweise 
vor dem Museum am Friedrichsplatz die Hünen 
gestalt Kinkel's gewahrte, und zwar zwischen zwei 
jugendlichen Trabanten, deren liliputartiger Körper 
umfang ein auffallendes Relief gegen Kinkel's 
Figur bildete. Nach der ersten Begrüßung erfuhr 
ich, daß der Kasseler Kaufmännische Verein, wo 
er am Abend jenes Tages einen Vortrag über 
Lessing halten sollte, ihm jene beiden Jünglinge 
als Wegeweiser beigegeben habe und daß es den 
selben nicht gelingen wolle, die Bildergallerie und bie 
Landesbibliothek zu finden. Tie beiden Satelliten 
waren froh, in Gnaden entlassen zu werden. Ter 
Museumsinspektor L. hatte die Güte, uns persönlich 
herumzuführen und war nicht wenig überrascht. 
als ich ihm den Begleiter vorstellte. „Prinz Wil 
helm ist gerade im Museum," sagte er, „ich will 
die Herren bekannt machen." Kinkel stutzte einen 
Augenblick, des irrthümlichen Glaubens, es handle 
sich um einen Hohenzollern. Der Inspektor be 
richtigte: „Sohn des ehemaligen Kurfürsten von 
Hessen" und stellte dann vor. Nach flüchtiger 
Besichtigung der Kuriositäten, die dem heiter aus 
gelegten Dichter einige Sarkasmen entlockten, zeigte 
L. dem Prinzen das hessische Krönnngsschtvert mit 
einer lateinischen Inschrift, worin übrigens Realschul 
direktor P., der sich uns angeschlossen, einen gram 
matischen Schnitzer entdecken wollte. Auch reichte er 
uns den Hut von Otto dem Schütz, wohl in der 
Erwartung, Kinkel werde demselben ausnehmende 
Aufmerksamkeit zollen. Da aber sowohl der letztere 
wie der Prinz die erhoffte Huldigung unterließen, 
schienen P. und der Inspektor einigermaßen be 
troffen. Ich war aber von England her bei 
Kinkel daran gewöhnt, daß er sich in Aus 
stellungen und Sammlungen lediglich dem künstlerisch 
Bedeutenden, niemals den „Merkwürdigkeiten" zu 
wandte. Bewunderung und Anerkennung dagegen 
zollte er in reichem Maße der Bildergallerie an 
der Bellevue, wo er uns denn auch mittheilte, daß 
es ihm von Zürich aus gelungen sei, von den 
Finanzmagnaten und Mäcenaten der Schtveiz weit 
über hunderttausend Franken für die Gründung 
eines Kunstmuseums in Zürich zu „erbetteln". 
Kinkel wohnte im Hotel du Nord, wo er P. und 
mich zur Wirthstafel einlud, und da wir zufällig 
einer äußerst zahlreichen Töchterfamilie von den 
Gestaden Albions gegenüber zu sitzen kamen, so 
entspann sich sofort eine lebhafte Unterhaltung. 
Kinkel sprach das Englische natürlich mit idiomatischer 
Richtigkeit, aber mit so auffallend schleppendem 
Rhythmus, daß mich der paterfamilias aus seiner 
über den Tisch gereichten Visitenkarte fragte, was für 
ein Landsmann der interessante Riese sei. Beim 
Kaffee gab's ein überraschendes Intermezzo. Man 
vernahm ein Rauschen vieler Gewänder und ein 
Durcheinander weiblicher Stimmen im Nebengemache, 
worauf der Oberkellner aus einem Teller die Karten 
eines Schwarmes von Kasseler Damen brachte, die 
sämmtlich sich von Kinkel die Ehre eines Sprüchleins 
im Stammbuch erbaten. Kinkel ging zwar lächelnd 
hinaus, kam aber so bald wieder, daß er unmöglich 
in so knapper Frist den Wunsch der Schönen erfüllt 
haben konnte. Auf unserem zweiten Gange durch 
die Straßen Kassels, wo sich P. uns wieder an 
schloß, erregte der mächtige Mann im schneeweißen 
Lockenhaupt und Vollbart, mit der weithin dröhnenden 
Stimme und den Riesenschritten eben so viel Auf 
sehen wie weiland in London. Was Goethe in 
dem bekannten Reiseberichte von der Königstraße in
	        

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