Full text: Hessenland (14.1900)

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Feind eingefallen, deferirei und verlassen, später 
zur Verantwortung zu ziehen. Zu der Ent 
schuldigung des Verhaltens dieser schwachen und 
ungenügend ausgerüsteten Abtheilungen muß man 
allerdings sagen, daß nach Aussagen der Soldaten 
jeder Widerstand diesen starken Tilly'schen Heeres 
massen gegenüber, doch vergeblich gewesen sein 
dürfte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Gottfried Kinkels Beziehungen zu Hessen-Kassel. 
Erinnerungen von Di-. Wilhel m Henkel. 
D iejenigen von nuferen Kasseler Mitbürgern, welche 
fünfzig Jahre zurückdenken können und das 
Jahr 1850, das Jahr des Hassenpflug'schen Kriegs 
zustandes, noch in lebhafter Erinnerung haben, 
werden sich auch der helleu Fretlde erinnern, welche 
in jene, in allen deutschen Landen trüben Tage wie 
ein Sonnenstrahl aus der Wolkeufinsterniß herein- 
leuchtete, als sich die Kunde verbreitete, daß 
Gottfried Kinkel, der wegen seiner Träume 
und Kämpfe für die deutsche Reichseinigkeitsidee 
zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurtheilte junge 
rheinische Gelehrte, der besten lyrischen Dichter- 
einer, seine Ketten gesprengt und den freien Boden 
Englands erreicht hatte. 
Der seit den Stürmen des „Völkerfrühlings" 
1848 in allen deutschen Gauen vielgenannte jugend 
liche Professor an der rheinischen Hochschule 
Bonn war zwar sicherlich seinem ganzen Wesen 
nach zur thätigen Theilnahme an den Welthändeln 
ungeeignet unb hatte auch dadurch, daß er zu 
den Waffen griff, um den Traum der Wieder 
aufrichtung des deutschen Reiches verwirklichen zu 
helfen. der vaterländischen Sache mehr geschadet 
als genützt. Es war auch kein verheißungsvoller 
Wendepunkt in seinem vielbewegten Leben, als ihn 
die Universitätsstadt Bonn 1848 als Abgeordneten 
für die zweite preußische Kammer nach Berlin 
sandte, wo er seinen Platz aus der äußerste» Linken 
nahm, und noch schlimmer für ihn war es, daß er 
mit den Waffen in der Hand sich am Aufstande 
der Landwehr im Siegkreis betheiligte und sich 
dem pfälzisch-badischen Aufstaude anschloß. Aber 
die Gebildeten in Kurhessen, wie überall in Deutsch 
land, wußten und bedachten, daß der zu lebens 
länglicher Kerkerhast verurtheilte enthusiastische 
Hochschuldozent der Theologie und Kunstgeschichte, 
der geist- und gemüthvolle Lyriker, der auch das 
längst verklungene rheinische Epos in Otto dem 
Schütz wiederbelebt hatte, daß ein so idealistischer 
Geist zwar auf Irrwege in der Politik gerathen, 
aber kein Frevler sein konnte. In Kurhessen 
trauerten wir um Gottfried Kinkel als Gefangenen 
in Spandau, wie um Sylvester Jordan auf 
dem Bergschlosse Philipp's des Großmüthigen in 
Marburg, und um die Schaar verfassungstreuer 
Offiziere und Juristen, die für ihre Liebe zum 
Heffeulaude auf dein Felsenneste Spangenberg zu 
büßen hatten. Und wie es nun auf einmal 
überall jubelte „Kinkel ist frei!", da fand dieser 
Freudenruf auch in Kassel lauten Widerhall, und 
der Opfermuth seiner Gattin Johanna und seines 
Retters Karl Schurz wurde nicht weniger von 
nns allen gefeiert als die Unerschrockenheit des 
Kasseler Gardisten Karl Zinn, der dem genialen 
Verfassungskämpfer Di-. Kellner zur Befreiung 
aus den dumpfigen Zellen des Kastells in der 
Uuterneustadt verhalf. 
Kinkels Dichtungen erfreuten sich niemals größerer 
Popularität, als in jenen Tagen, und ich erinnere 
mich, daß unser verehrter Lehrer Dr. Wilhelm 
Falckenheiuer. der nachherige Pfarrer der fran 
zösischen Gemeinde der Oberneustadt und Regierungs 
rath im Provinzialschulkollegium, uns aus Kiukel's 
Otto dem Schlitz, als wir etwas älter geworden 
waren, Stücke vorlas und uns den geschichtlichen 
Zusammenhang zwischen diesem Nachkommen der 
heiligen Elisabeth und unserm Heffeulaude erzählte. 
Das so geweckte Interesse für die Dichterwerke 
eines Mannes, dessen vielgestaltige Eigenart alles 
umschloß, was ihm die Herzen namentlich der 
idealistisch gesinnten akademischen Jugend gewinnen 
mußte, wuchs und vertiefte sich noch bei uns, die 
wir eine kleine Schaar Hessen als Museusöhue 
die Universität bezogen, wo Gottfried Kinkel als 
Kunst- und Kirchenhistoriker gewirkt hatte. In 
jenen Jahren der politischen Unthütigkeit kümmerte 
sich die studirende Jugend wenig um die Außen 
welt, aber die Auditorien waren um so voller. In 
dem gastlichen Heim der Familie Georgi in Bonn 
vernahm ich häufig von Kinkels. Das Bild der 
geistreichen, thatkräftigen Johanna, die dem Gatten als 
Schriftstellerin und Komponistin das tägliche Brod 
in London erwerben half, stand noch lebendig vor 
aller Augen. Und als ich dann im Sommer 1863 
mit Empfehlungen von Bonner Familien und Do 
zenten, darunter Simrock und Otto Jahn, nach
	        

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