Full text: Hessenland (14.1900)

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gemischt, aber nach der Lützener Schlacht trat 
bei ihnen immer stärker der Wunsch hervor, Herren 
und Bürger in dem Lande zu bleiben, das 
Schwedens König fallend sich erobert hatte. 
Bei aller Hochachtung für die thatkräftigen 
und klugen hessischen Regenten jener Zeitperiode 
müssen wir leider zugestehen, daß sie im Gegen 
satze zu den anderen evangelischen Fürsten und 
Städten in den hartnäckig fortgesetzten Sonder 
bündnissen mit Frankreich und Schweden nur 
ein Mittel sahen, die hessische Herrschaft über 
Westfalen bis nach Ostfriesland hinaus und 
südlich bis an die Maingrenze auszudehnen. 
Nur so ist es auch zu erklären, daß die hessi 
sche Ritterschaft, die noch in den Tagen Philipp's 
des Großmüthigen der Sache der Reformation 
die schwersten Opfer gebracht hatte, unter Land 
graf Moritz bereits, von Widerwillen und Miß 
trauen gegen die Fremden erfüllt, eine starke 
Schwenkung in das kaiserliche Lager angetreten 
hatte. Auch die hessischen Stände, diese vielleicht 
mehr instinktiv von einem gewissen Gefühl ihres 
Deutschthums durchdrungen, konnten sich mit der 
erobernden und starrköpfigen Politik ihres Regenten 
und seinem bald geheimen, bald offenen Abfall 
von Kaiser und Reich nur schlecht befreunden. 
Ja selbst des Landgrafen eigene schöne Gemahlin 
Juliane von Nassau war im Gegensatz zu 
ihrem, sie inngst liebenden Gemahl von Haß und 
Abneigung gegen die Einmischung der Fremden 
erfüllt. 
Wenn auch Landgraf Moritz beim Ausbruche 
des Krieges noch lediglich seiner Glaubenstreue 
und seiner Liebe zum Protestantismus folgte, so 
hatte er sich doch im Jahre 1626 bereits recht 
weit von der kaiserlichen Autorität entfernt und 
die Machtstellung des Reiches durch Verhand 
lungen mit Frankreich sowie sein Einverständniß 
mit Dänemark stark zu erschüttern gewußt. Des 
Landgrafen Berather und Freund in allen politi 
schen Angelegenheiten war der später durch das 
Schwert zu Ziegenhain hingerichtete vr. Wolf- 
gang Günther, auf dessen Veranlassung hin der 
Bruch mit der hessischen Ritterschaft ein voll 
ständiger geworden war?) Dieser unheilvolle 
Mann hatte durch eine feurige Proklamation 
alle Hessen zum Kampfe gegen Kaiser und Reich 
aufgerufen, damit die vorhandene Spannung der 
Geister vermehrt und durch seine Maßregeln für 
den Landgrafen wie für das Hessenland das 
schwerste Verhängniß heraufbeschworen. 
*) Ueber Wolfgang Günther s. „Hessenland", Jahr 
gang 1898, S. 226 ff. 
Am 8. Mai 1626 überschritt Tilly mit 8 
Regimentern bereits die hessische Grenze, besetzte 
Eschwege und Allendorf und wandte sich dann 
direkt nach der Festung Kassel. Der Landgraf 
und Wolfgang Günther waren angesichts des 
nahenden Sturmes in banger Sorge, da sie 
genau wußten, daß Tilly durch den hessischen 
Adel von der feindseligen Haltung des Landgrafen 
Moritz und den von ihm getroffenen Maßregeln 
unterrichtet war. Die Angst vor den kommenden 
Ereignissen war deshalb nicht unbegründet. 
Da aber geschah etwas ganz Unerwartetes! 
Tilly zog mit seiner ganzen Armee und deren 
endlosem Trosse dicht unter den Mauern Kassels 
still und ruhig vorbei nach Obervellmar und von 
da nach Grebensteiil, und Kassel blieb für 
dieses Mal von seinen Angriffen verschont. 
Aus dem königlichen Arch iv zu Ntarbürg 
ist mir nun ein sehr reiches, urkundliches Material 
gütigst zur Verfügung gestellt, auf Grund dessen 
ich einige bisher noch nicht bekannt gewesene 
Einzelheiten dieses Tilly'schen Zuges angeben 
kann. 
Auf dem Jagdschloß zu Weißenstein, das 
der Landgraf 1606 neu erbaut und mit Wall und 
Graben umgeben hatte, lag als Besatzung die 
hessische Kompagnie des Hauptmanns Lachdvrf, 
welche man beim Anmarsche des Tilly'schen Heeres 
dem Anschein nach einzuziehen vergessen hatte. 
Von einer starken, in der linken Flanke Tilly's 
marschirenden, feindlichen Abtheilung wurden die 
hessischen Soldaten überrannt, und ohne einen 
Versuch zu machen, „sich zu defendiren", wie es 
in dem Berichte heißt, wurden sie auseinander 
gesprengt. Als Kapitän Lachdorf, der selbst 
nicht anwesend war, nach Weißenstein eilte, um 
seinen Soldaten die fehlende Munition zu bringen, 
fand er den Weg dorthin bereits durch Verhaue 
und Tilly'sche Soldaten gesperrt und seine 
Kompagnie nach allen Richtungen der Windrose 
hin zerstreut. 
Auch ein Theil des Altstädter Ausschusses, 
d. h. der Kasseler Landwehr oder Miliz, war 
nach dem damals noch stark befestigten und ge- 
büudereichen Kloster Hasungen abgeschickt, um 
den Hasunger Berg zu vertheidigen. Indessen 
wurden die Offiziere gefangen, und die Mann 
schaften flüchteten sich vor der Uebermacht. In dem 
Kriegsrathe, der am 22. Mai unter dem Vorsitze 
des Generalaudienzirers Dr. Günther abgehalten 
wurde und dessen Protokoll mir vorlag, wurde 
die Sache, so wie erzählt, zur Sprache gebracht, 
und der Antrag gestellt, den Kapitän und die 
beiden Offiziere, welche Hasungen, bevor der
	        

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