Full text: Hessenland (14.1900)

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MW 
Die Begründung der wnldenstschen Kolonie Waldensberg. 
Von A. Heilmann, Pastor in Göttingen. 
Quellen: 
1. Die Akten der früheren gräflich yfenbnrgifchen Regierung 
zu Wüchtersbach (R. A.). 
2. Die Akten des früheren gräflich ysenburgischen Kon 
sistoriums zu Wächtersbach (C. A-). 
3. Die Akten des ysenburgischen Gesammtnrchivs in Bü 
dingen: Neue Kolonien im Nsenburgischen. (Titel: 
Allerhand, Nr. 30.) 
4. Chronik der waldensifchen Kolonie Waldensberg, von 
ihrem Ursprung an bis zur gegenwärtigen Zeit, be 
arbeitet von Johannes Schmidt, zeitigem Pfarrer der 
Kolonie. 1826. Manuskript. 
5. Le livre des droits, das Buch der Rechte, enthaltend 
den Aufnahmevertrag. 
6. Die Akten des Waldensberger Kirchenarchivs (K. A.) 
u. a. m. 
1. Eine neue Heimath. 
Bon Wächtersbach nach Gelnhausen und Bü 
dingen hin erstreckt sich ein großer Wald, weite 
Flächen Landes bedeckend, ein alter Reichsforst, 
in den einst der Kaiser Friedrich Barbarossa 
von seiner lieben Pfalz Gelnhausen ans oft zu in 
fröhlichen Jagen zog: herrliche Buchen kleiden 
die steilen Berge und die tiefen Schluchten in 
ihr schönes Grün, ans de». Waldwiesen äst das 
zahlreiche Wild: in den Thülchen rinnen die 
Quellen zu Bächen zusammen und eilen hin nach 
der Kinzig oder nach der Nidder. An einzelnen 
Stellen tritt der Sandstein zu Tage, meist aber 
legt sich der Basalt über ihn her, zum Theil 
hohe Kuppen bildend. „Köpfe," wie man hier 
sagt. Schon von der Wetterau her sieht man 
das steil ansteigende Gebirge vor sich liegen, dessen 
südwestliche Ecke vom „Büdinger Wald" bedeckt 
wird; es ist der Vogelsberg, eine gewaltige, 
vulkanische Erhebung, die größte Basaltmasse der 
Erde. Jäh fallen seine Vorberge zur Wetterau 
ab, an ihren Abhängen, den Gelnhänser und 
Büdinger Weinbergen, reifen die Trauben, aber 
auf ihren Höhen, nur 800 Fuß höher, „muß man 
schon einen Rock mehr anziehen". Nach Westen 
und Südwesten hin blickt man in die gesegnete 
Wetterau, in der Ferne glänzen die Dächer von 
dem etwa 6 — 7 Stunden entfernten Hanau, 
deutlich sichtbar ist das absonderlich hohe Dach 
der französischen Kirche, weiterhin liegt das stolze 
Frankfurt da mit feinen Thürmen und großen 
Hünsermassen. Links begrenzen den Blick die 
Berge des Spessart, dann der Odenwald, der 
Taunus und die Lahnberge. Tritt man dann 
aus der Ostseite aus dem Wald, so liegt der 
Vogelsberg vor beni Auge, die Rhön mit ihren 
charakteristischen Formen, und dann schließen 
wieder bewaldete nahe Spessartberge den Halbkreis. 
Eine Hochebene, der Spielberg genannt, 
dehnt sich vor den Blicken aus, 1400 Fuß hoch 
gelegen, allen Winden preisgegeben, ans welcher 
Richtung sie auch kommen mögen. Rechts liegt ein 
Dorf Wittgenborn, links Leisenwald, in der Mitte 
der gräfliche Weiherhos an einem großen, wohl 
‘über eine halbe Stunde langen fischreichen Weiher. 
Wir versehen uns 200 Jahre zurück. Soweit 
die Hochebene damals nicht von Ackerfeld und 
Wiesen eingenommen war, bestand sie aus einem 
kleineren Wäldchen und Weidegang, der mit 
Wachholdern, Eichen und anderen einzelnen 
Bäumen bewachsen war. Diese Fläche war von 
dem Grasen F e r d i n a n d M a r i m i l i a n v v n 
Psenbnrg und Büdingen zu Wächtersbach 
ersehen, um den Ort der Niederlassung für einige 
Familien der Waldenser zu bilden, die um 
des Glaubens willen aus ihrem Vaterlande ver 
trieben worden waren. 
Es war an einem Angusttag (zwischen bent 
23. und 30. Tage des Monats) im Jahre 1699, 
als die erwarteten Flüchtlinge an dem Ort ihrer 
neuen Heimath ankamen. Der Graf war gerade 
zur Jagd in dem Büdinger Wald, herausreitend 
sah er einen Trupp Menschen gerade über den 
Berg heraufkommen, er sah, wer sie waren, und 
sagte zu seiner Begleitung: „Seht, da kommen 
meine Waldenser über den Berg." Dies Wort 
sei, so berichtet die Sage, die Veranlassung zu 
der Wahl des Namens für die neue Kolonie 
gewesen: Waldensberg*) wurde sie genannt. 
*y Valdemberg wird später oft geschrieben. „Waldeberg" 
(gemäß der wetterau-vogelsberger Mundart) jetzt gesprochen; 
„Wülsch-Dorf" wurde es früher und wird es oft 
noch jetzt von den Umwohnern genannt.
	        

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