Full text: Hessenland (14.1900)

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meinen drei Besprechungen nicht unzufrieden ge 
wesen sein, weil sie durchaus ruhig und unparteiisch 
gehalten waren. Der Schlußsatz der letzten Be 
sprechung lautete: „Hiermit nehmen wir von dem 
geehrten Künstler Abschied, und wenn es uns 
auch nicht einfallen kann, ihm den schmeichlerischen 
Nachruf eines Reformators zu geben, werden wir 
doch niemals unsere aufrichtige Achtung seinen 
Talenten versagen. Sein Besuch in Wien wird 
uns Allen unvergeßlich sein." Berlioz' Kompo 
sitionen sind, wenn auch nicht durchweg neu und 
originell, doch stets interessant, und so hört man 
das Meiste recht gern an, wenn auch ohne den 
Wunsch der Wiederholung. Seine Oper „Ben- 
venuto Cellini", woraus in den beiden ersten 
Konzerten Gesangsstücke mit und ohne Chor zu 
Gehör kamen, ist 1883 im Theater zu Leipzig 
aufgeführt und wie es hieß „mit Interesse" auf 
genommen. Sein „Carneval von Rom", seine 
„Symphonie phantastique“ und seine Symphonie 
„Harold", sowie seine Ouvertüren zu „König Lear" 
und zu den „Behmrichtern" bildeten außer einigen 
Gesangsstücken die namhaftesten Nummern seiner 
drei Konzerte." 
Bon größter Bedeutung für Hoffmeister war sein 
Verkehr mit Otto Nicolai, welchen er gleich 
zu Beginn seines Wiener Aufenthaltes durch Franz 
Hauser kennen lernte. Nicolai war erster Kapell 
meister des Kärnthnerthor-(Hofopern-)Theaters und 
kontraktlich verpflichtet, für diese Bühne alle zwei 
Jahre eine Oper zu komponiren. im Jahre 1845 
aber war wiederuni eine solche fällig. Mit scharfem 
Blick erkannte er in Hoffmeister eine geeignete 
Persönlichkeit für seine Zwecke und verband sich 
mit ihm zur Herstellung eines Operntextes. Nicolai 
selbst wählte hierzu Shakespeares „Lustige Weiber 
von Windsor" aus, und Hoffmeister machte, damit 
einverstanden, sich sofort an die Arbeit. Die 
Oper sollte drei Akte umfassen und er für jeden 
Akt zwanzig Dukaten in Gold erhalten. Bereits 
nach acht Tagen hatte Nicolai das erste ziemlich 
große Gesangsstück, das Hoffmeister ihm sehr bald 
übergeben, kompouirt, und einzelne seiner Verse 
gefielen bei der Probe, die in Nicolai's Zimmer 
stattfand, auch den vortragenden Sängerinnen 
ausnehmend. Hoffmeister hatte sich aber nicht auf 
zwei lustige Weiber beschränkt, sondern ein Klee 
blatt vorgezogen, indem er noch die Frau Hurtig 
als dritte im Bunde aufgenommen hatte, wie er 
auch Bardolph einführte. 
Die Arbeit wurde jedoch unterbrochen, da 
Nicolai in den wenigen Monaten, die bis zum 
Schluß des Jahres übrig waren, die neue Oper 
nicht fertig stellen konnte, und er griff deshalb zu 
dem Mittel, um seiner kontraktlichen Verpflichtung 
gerecht zu werden, seine alte Oper „Der Templer", 
welche er als Kapellmeister in Mailand mit ita 
lienischem Texte für das dortige Theater komponirt, 
umzuarbeiten, wobei Hoffmeister ihm hinsichtlich 
des Libretto behülflich war. Aber noch ehe der 
„Templer" Mitte Dezember zur Aufführung ge 
langte, mußte Hoffmeister Wien verlassen, da seine 
Zurückberufung nach Kassel erfolgt war. Unter 
dem Versprechen, die begonnene Oper gemeinschaft 
lich fortsetzen zu wollen, nahm er von Nicolai 
Abschied, die Sache sollte sich jedoch anders gestalten, 
als beide gedacht hatten. Unter'm 3. Juni 1846 
schrieb zwar Nicolai noch einen längeren Brief an 
Hoffmeister, in welchem er ihm mittheilte, daß 
Frau Hurtig sowohl, wie Bardolph wegfallen 
müßten, und sandte ihm ein vollständiges Szenarium 
der Oper, aber Hoffmeister hat außer dem Jntro- 
duktionsduett nichts weiter daran geschrieben. 
Vielleicht hatte er die Lust an der Arbeit verloren, 
nachdem Nicolai sich der Stähle'schen Symphonie 
gegenüber theilnahmslos verhalten hatte. Mosen 
thal hat das Libretto zu den „Lustigen Weibern" 
sodann zu Ende geführt; nicht mehr als billig 
würde es aber sein, wenn auf den Textbüchern 
und den Theaterzetteln Jakob Hoffmerster als 
Dichter des prächtigen Jutroduktionsduetts, in 
welchem der Stil des Werkes so glücklich charakteri- 
sirt ist, Erwähnung fünde. — 
Hoffmeister schildert Nicolai als sehr leiden 
schaftlich, dabei aber sehr eigen und streng-kritisch. 
Seine Heftigkeit zog ihm viele Gegner zu, und 
sein Waukelmuth in der Liebe ließ ihn unzählige 
zarte Verbindungen anknüpfen, von denen ihm 
aber keine tiefere Befriedigung gewährte. Als 
Zeichen für seine musikalische Eitelkeit kann der 
Umstand gelten, daß ein großes Konzert, welches im 
Redoutensaale der Kaiserburg von ihm veranstaltet 
wurde, außer zwei großen Märschen von Beethoven 
nur seine eigenen Kompositionen, namentlich seine 
Symphonie in O-äur enthielt. „Nicolai's Ruf", 
fügt Hoffmeister hinzu, „erhielt erst zwei Jahre 
später durch seine beliebt gewordene Oper „Die 
lustigen Weiber von Windsor" allgemeines An 
sehen. Seine Unbeliebtheit in Wien, woselbst er 
nur für den anerkanntesten Dirigenten galt, 
hatte sich auch der Ferue durch das geringe 
Interesse mitgetheilt, welches man an seinen bis 
herigen Tonwerken nahm." 
Weiter seien aus Hoffmeister's Handschrift noch 
die nachfolgenden Stellen mitgetheilt: 
„Als ich eines Abends an Nicolai's Arm zum 
Theater ging, überraschte mich der Gruß eines 
alten Herrn, welcher von Nicolai ganz flüchtig 
mit den Worten erwidert wurde: „Guten Abend, 
Herr Landgraf!" Ich flüsterte Nicolai zu: „Was
	        

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