Full text: Hessenland (14.1900)

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ganz nahe bei Marburg geschehen soll, daß die 
Fürsten nicht absteigen, sondern die Braut und 
Fürstinnen zu Roß ansprechen. Und weil Pfalz 
gras Wolfgang oder Pfalzgras Ludwig die Braut 
empfangen werden, so will der Herzog die 
Danksagung selbst thun oder durch einen er 
betenen Fürsten thun lassen. Was den Einzug 
belangt, so soll die Freundschaft mit Reisigen 
den Vorzug oder Nachzug bestellen. Es soll 
jeder Marschall mit Junkern vorziehen und ihnen 
die Grasen und Herren, auch Jungherren, welche 
zum Abstehen im Schloß alle hinter den Wagen 
bleiben sollen, folgen, es sollen daun eines jeden 
Fürsten Kammerdiener und dann der Fürsten 
Buben in der Ordnung wie die Fürsten ziehen, 
darauf kommen die Trompeter und hinter den 
Trompetern sollen reiten die Söhne Landgraf 
Philipp's, die Markgrafen Joachim, Friedrich 
und Pfalzgraf Wolfgang; nach diesen jungen 
Fürsten Herzog Hans Kasimir, Landgraf Ludwig 
und Herzog Eberhard, Pfalzgraf Ludwig, Mark- 
graf Haus Jörg und Markgraf Jörg Friedrich 
zu Brandenburg. Dann sollen der Herr Bräutigam, 
Herzog Wolfgang und Herzog Christoph zu 
Württemberg folgen. Nach diesen sollen die Hof 
meister der Frauenzinnner bis zur Stadtpsorte 
ziehen, absteigen und sammt geordneten Grafen 
und Herren neben der Hochzeiterin Wagen bis 
in das Schloß gehen. 
Der Herr Herzog läßt sich's gefallen, daß der 
Verzicht, das Zusammengeben, der Tanz und das 
Decke-Beschlagen so geschehe, wie solches von 
hessischer Seite vorgeschlagen worden ist. Nachdem 
Herzog Hans Kasimir und Herzog Eberhard die 
Braut geführt, werden die Beiden auch bei dem 
Verzicht sein, außerdem noch auf des Landgrafen 
Wunsch der Statthalter von Gramm, Jakob 
Lersner und Reinhard Scheffer (beide sind damals 
Kanzler gewesen). Seine fürstliche Gnaden ist 
auch damit einverstanden, daß die Braut nach 
der Predigt in dem Gemach, wo das Bettbeschlagen 
geschehen ist, bemorgengabt werde; nach dem 
Morgenessen des Hochzeitstages oder den anderen 
Tag ist nach des Landgrafen Wilhelm Gelegenheit 
die Ueberantwortung des zugeordneten Silber 
geschirrs an die Braut in Aussicht genommen. 
Brennende Fackeln vor der Braut zu tragen, 
hält der Herzog von Württemberg zwar für ein 
päpstliches Gepränge, aber wie Hessen es macht, 
so läßt es Herzog Christoph auch geschehen. 
Wie aus dem Vorhergegangenen ersichtlich, 
fehlte auch bei Wilhelm's und Sabinens ehelicher 
Verbindung nicht der alte Gebrauch des Beschlagens 
der Decken, welcher in fürstlichen Familien noch 
im vorigen Jahrhundert fortgedauert haben soll; 
es wurde nämlich das junge Paar zu Bett 
gebracht, die nächsten Angehörigen standen am 
Bett und dem Paar wurde Konfekt und Wein 
gebracht (symbolische Handlungen). 
Das Weib ist ihres Mannes Genossin, heißt 
es, wenn sie in sein Bett tritt; eine dahin ge 
hörige Stelle lautet: „Es wurde das Bett nach 
deutscher Sitte bereitet, die Liegenden umarmten 
sich, indem fürstliche Verwandte dabei standen 
und es geschah nichts, als daß man sich einen 
Kuß gab, so wurde das Ehebett eingeweiht. 
Wenn der Bräutigam in Abwesenheit sich ver 
treten ließ, so wurde zwischen Beide ein bloßes 
langes Schwert gelegt." 
Das muß eine schwere Aufgabe gewesen sein, 
die Anordnungen vor dem Fest und bei dem 
Fest zu treffen, namentlich für Quartiere zu 
sorgen, und vermuthlich hat dabei der schon er 
wähnte Erbkämmerer Max von Berlepsch 
die Oberaufsicht geführt. 
Das im Rittersaale gehaltene hochzeitliche 
Abendessen, bestehend aus drei Mahlzeiten, er 
forderte viel Bedienung, welche vom hessischen 
Adel und höheren Beamten geleistet wurde. Wer 
kann alle die Dienstleistungen nennen, wer die 
Namen der Auswartenden? Landgraf Philipp 
koinmt unter den Tafelnden nicht vor. 
Am folgenden Tage wurde Turnier gehalten. 
Der Platz war westlich vom Schloß. Am Turnier 
nahmen theil außer dem Entrepreneur Ludwig 
von Nassau-Saarbrücken: 1. Herzog Eberhard, 
2. Ludwig, 3. Landgraf Philipp der jüngere, 
4. Landgraf Georg. Jeder traf nur fünf Lanzen 
stöße, mit dem Schwert sieben Streiche. Die 
beiden goldenen Preise erhielten Burkhard von 
Weiler und Johannes von Grünau, einen Dank 
von den Jungfrauen für adlige Mannheit erhielt 
Pfalzgraf Hans Kasimir. 
An Hochzeitsgeschenken hat es nicht gefehlt. 
Es kamen solche von Landgraf Philipp (von dessen 
Betheiligung wir sonst nichts hören), von Sabinens 
Vater Christoph und dessen Gemahlin, von den 
anwesenden Pfalz- und Markgrafen, auch aus Knr- 
sachsen, von Wilhelm's Brüdern goldene Ketten 
und Kleinodien, vom Abt zu Hersfeld 12 silberne 
vergoldete Becher, von der Württembergischen Land 
schaft ein goldenes Halsband mit Edelsteinen und 
Perlen, und endlich von der Universität Marburg 
eine silberne vergoldete Schnur. Auch ist an 
einem der folgenden Tage eine Komödie aus 
geführt worden, „Isaak und Rebekka". 
Die Vermählten blieben in Marburg wohnen, 
bis der kränker gewordene Vater Philipp sie im 
Herbst nach Kassel kommen ließ, wo Wilhelm 
und Sabine einen von Wilhelm erbauten Theil
	        

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