Full text: Hessenland (14.1900)

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Aus Keimcrth und Irremöe. 
Ein hessischer Volks dicht er. Der Ver 
fasser des Gedichtes „Am Muttergrabe", das wir 
an der Spitze des heutigen Heftes bringen, H ein- 
rich Naumann, wurde im Jahre 1856 zu 
Nanzhausen bei Lohra als das Kind armer Bauers 
leute geboren, wuchs in beschränkten Verhältnissen 
aus und mußte auf seinen Lieblingswunsch, zu 
studiren oder wenigstens Lehrer zu werden, ver 
zichten. Nach dem Besuch der Dorfschule erlernte 
er bei seinem Vater die Landwirthschast und ist mit 
Ausnahme von drei Jahren, die er als Soldat in 
Hagenau im Elsaß diente, nicht aus der Heimath 
herausgekommen. Nach dem Tode seines Vaters 
übernahm er das väterliche Anwesen, verheirathete 
sich, wurde aber nach fünfjähriger Ehe schon seiner 
Gattin beraubt und lebt als Wittwer in seinem 
Vaterhause. — Er gab heraus: „Ein schlichter 
Strauß" (Gedichte, mit einem Vorwort von Karl 
Gerock), Stuttgart 1886. 
Außerordentliche Monatsversammlung 
des Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde. Im Lesesaale der stän 
dischen Landesbibliothek zu Kassel fand am 
6. August Abends, wie alljährlich kurz vor der 
Jähresversammlung des Vereins für hessische Ge 
schichte und Landeskunde, eine außerordentliche 
Monatsversammluug statt, in welcher einstimmig 
beschlossen wurde, den bisherigen Vorstand in seiner 
Gesammtheit der Jahresversammlung, die, wie bereits 
berichtet ist, in den Tagen vom 13. bis 15. August 
in Karlshasen stattfindet, zur Neuwahl für das 
nächste Vereinsjahr in Vorschlag zu bringen. 
Der Vorsitzende des Vereins, Oberbibliothekar 
Dr. Brunner, machte sodann nähere Mittheilungen 
über die bevorstehende Jahresversammlung, die. 
wenn diese Zeilen im Druck vorliegen, bereits statt 
gehabt haben wird. Ausführlicher Bericht wird in 
der nächsten Nummer gebracht werden. 
Zum Schluß erhielt der Schriftführer des Vereins 
Kanzleirath Neuber das Wort um des Näheren 
darzulegen, wie er nach Durchsicht der ihm zu 
gänglich gemachten in der Familie des Herrn Privat 
manns Francke zu Kassel als Nachkommen einer 
Tochter des Hoskupferschmiedemeisters Philipp 
Otto Küper befindlichen Urkunden zìi der Ansicht 
gelangt sei, daß letzterer unbedingt als Anfertiger 
des Herkules-Standbildes auf Wilhelms 
höhe zu betrachten sei. (Vergl. Nr. 15. S. 198.) 
Den Ausführungen blieb der ungeteilte Beifall 
der Versammlung nicht vorenthalten. Im direkten 
Gegensatz zu diesen Darlegungen steht ein L. Wolfs 
unterzeichnetes Eingesandt der „Kasseler Allgemeinen 
Zeitung" vom 12. August, welches auf Grund des 
von Herrn Neuber benutzten historischen Materials 
zu dem Schlüsse gelangt, daß wir mit bestem Fug 
in dem Augsburger Goldschmied Johann Jakob 
Anthoni den Schöpfer unseres Wilhelmshöher 
Herkules erblicken. 
Dieser Schluß wird erst dann als vollgültig 
gelten können, wenn weitere geschichtliche Nachrichten 
beigebracht sind, die über die von dem Augsburger 
Goldschmied Anthoni an der Herkulesstatue wie 
anderweit bewiesene künstlerische Thätigkeit näheren 
Aufschluß geben. 
Sobald wir in den Besitz derartiger Aufschlüsse 
gelangt sind bezw. klar geworden ist, daß solche nicht 
zu bekommen sind, werden wir auf die Herkules- 
frage zurückkommen, für dieses Mal sei nur bemerkt, 
daß sowohl von den Nachkommen Küper's wie von 
dem Hoflieferanten Herrn Basse, dessen Arbeiter 
die viel erwähnte Platte im Haupte des Herkules 
gefunden haben, uns das in ihren Händen befind 
liche auf die Frage bezügliche Material mit größter 
Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt ist. 
Zum Gedächtniß von Christian Ludwig 
Gerling sprach auf der in den Tagen vom 
29. Juli bis 1. August in Kassel abgehaltenen 
Hauptversammlung des deutschen Geometer- 
Vereins Professor Dr. Rein hertz und zwar 
besonders über dessen geodätische Thätigkeit. Gerling, 
am 10. Juli 1788 zu Hamburg als Sohn eines 
Pastors geboren, wandte sich, nachdem er von 
Ostern 1809 an zu Helmstedt zunächst Theologie 
studirt hatte, nach Aushebung dieser Universität 
durch die westfälische Regierung, in Göttingen ganz 
dem Studium der Mathematik und Astronomie zu. 
Von dort kam er als Lehrer der Mathematik im 
Jahre 1812 an die später polytechnische Schule zu 
Kassel, von wo er am 16. April 1817 als ordentlicher 
Professor der Mathematik, Physik und Astronomie nach 
Marburg berufen wurde, wo er bis zum 15. Januar 
1864, also fast ein halbes Jahrhundert lebte und 
lehrte. Gerling stand dem großen Mathematiker- 
Gauß zu Göttingen sehr nahe, beide unterhielten 
bis an Gauß' Tod einen lebhaften Briefwechsel, 
es sind etwa 160 Briefe von Gauß an Gerling 
und etwa 240 Briese von Gerling an Gauß vor 
handen. Die Gesellschaft der Wissenschaften zu 
Göttingen wird diesen Briefwechsel demnächst ver 
öffentlichen lassen. Gerling's Verdienste um die 
Förderung der Landmessung, speziell der praktisch 
geodätischen Arbeit schilderte Redner sehr eingehend 
und fesselnd.
	        

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