Full text: Hessenland (14.1900)

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welcher noch im Jahre 1883 ein Stück Selbst 
biographie unter dem Titel: „Schauspieltzrleben 
vor hundert Jahren" veröffentlicht ist, nachdem sie 
bereits am 17. Mai 1846 verstorben. Sie war 
nicht nur über fünf Decennien eine beliebte Schau 
spielerin des berühmten Burgtheaters gewesen, 
sondern sie ist auch die Verfasserin vieler großen 
und kleinen Theaterstücke, von denen die meisten 
freilich der Vergessenheit anheim gefallen sind, 
unter diesen: „Der Wald bei Hermanstadt", 
„Johann, Herzog von Finnland", „Ter St. 
Johannistag, oder Die drei Wahrzeichen," u. s. w., 
während verschiedene Lustspiele, wie z. B. „Das 
letzte Mittel", noch jetzt hin und wieder auf dem 
Bühnenrepertoire erscheinen. Als ich ihr meinen 
ersten Besuch machte, saß sie vor einem Hauben 
stock, um sich eine Spitzenhaube zu modernisiren, 
dabei jedoch in elegantester Toilette, und zwar 
in einem reich dekorirten großen Salon mit allen 
erdenklichen Spiegeln, Uhren, Vasen, Putz- und 
Nippsachen-Tischen. Bei ihr traf ich auch später den 
berühmten Komponisten, Kapellmeister Adalbert 
Gy row etz, für welchen sie noch kurz vorher den Text 
zu dessen letzter — wenn ich nicht irre — 35. Oper- 
unter dem Titel „Felix und Adele" verfaßt hatte?) 
*) Die Partitur der Oper „Zerairo-iniclk;" von Gyrowetz, 
London 1792, verbrannte vor der Aufführung beim 
Brande des Pantheon. Seine Oper „Die Prüfung" 
wurde von Beethoven gelobt. Von seinen sonstigen Opern 
seien noch „Der betrogene Betrüger" und „Aladin, vder 
Die Wunderlampe" erwähnt. Unter seinen zahlreichen 
Ballets erregte „Die Hochzeit der Thetis" Aufsehen. 
Gyrowetz, jetzt fast vergessen, war einst ein 
Freund von Josef Haydn und Mozart und hatte 
mit ersterem am Ende des vorigen Jahrhunderts 
verschiedene Kunstreisen, namentlich nach England, 
unternommen, wobei in den gemeinschaftlichen 
Konzerten, wie er sehr bescheiden hinzufügte, im 
ersten Theile stets seine Symphonien und sonstigen 
Konzertstücke als die schwächeren, im zweiten 
Theile aber die von Haydn zur Aufführung kamen. 
Er war unverheirathet geblieben. Täglich kompo- 
nirte er noch irgend eine kleine Piece und mir schenkte 
er ein erst am Tage zuvor komponirtes Lied 
„Das Abendglöcklein" und bemerkte dabei, daß 
seine Arbeiten nur noch für seine Freunde bestimmt 
seien. Er stand damals im 83. Lebensjahre. 
Mich interessirte zu jener Zeit vorzugsweise 
Quartettmusik, lind als ich ihn fragte, ob er and) 
Quartette geschrieben habe, erwiderte er: Viele, 
sehr viele, aber sie sind alle vergessen. Gute 
Quartette muß man nur von Haydn, Mozart und 
Beethoven hören. Gyrowetz war ein Mann von 
kolossaler Größe und erinnerte in dieser Hinsicht 
an Louis Spohr. Trotz seines hohen Alters sah 
man ihn bei Wind und Wetter, in einen runden 
blauen Mantel gehüllt, ruhig durch die Straßen 
schreiten. Die Unterhaltungen mit Gyrowetz 
machten einen wunderbaren Eindruck auf mich, 
da er von seinen großen Zeitgenossen Mozart 
und Haydn so lebhaft erzählte, als ob dieselben 
noch unter den Lebenden seien. 
(Schluß folgt.) 
Airs aster und neuer Ieri. 
Einige hessische Gedenktage 
aus -er ersten Hälfte -es Monats August. 
Am 1. August 1552 schloffen Mainz und Hessen 
wiederholt einen Vertrag, nach welchem Mainz die 
geistliche Jurisdiktion in Hessen ausgab. 
Am 2. August 1408 leistete Erasmus von Itter, 
der Letzte seines Geschlechts, auf seine Herrschaft zu 
Gunsten Hessens Verzicht. 
Am 2. August 1479 brannte Allendorf a. L. 
innerhalb 3 Stunden infolge Blitzschlages fast 
völlig ab. 
Am 3. August 1346 kämpften hessische und 
mainzische Truppen bei Dorla unweit Gudens- 
berg. 
Am 3. August 1654 wurde Karl, nachheriger 
Landgraf von Hessen, geboren. Seine Eltern waren 
Landgraf Wilhelm VI. und seine Gemahlin Hedwig 
Sophia von Brandenburg. X* 
Am 3. August 1697 legte Landgraf Karl den 
Grundstein zu der Oberneustüdter Kirche zu 
Kassel. 
Am 5. August 1466 wurden die Dörfer Kersten 
hausen, Englis, Arnsbach, Udenborn, Möllrich und 
Werkel von Kölnern und Paderbornern ausgeraubt. 
Am 6. August 1762 kapitulirten die 60 Mann 
Besatzung des Schlosses Friedewald unter Leutnant 
Steigleder nach fast 1 ff? monatlicher Belagerung 
durch 8000 Mann Franzosen unter General Stain- 
ville. 
Am 6. August 1848 fand in der Aue zu Kassel 
große Parade der kurhessischen Truppen statt, bei 
welcher dem Reichsverweser Erzherzog Johann ge 
huldigt wurde. 
Am 8. August 1651 starb die Landgräfin Amelia 
Elisabeth, Wittwe Landgraf WilhelnUs V., geborene 
Gräfin von Hanau, Regentin während der Minder 
jährigkeit ihres Sohnes Wilhelm VI.
	        

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