Full text: Hessenland (14.1900)

208 
gefallen habe. Ich nannte Titus, Joseph, Tamino, 
George Brown, Masaniello, aber er unterbrach 
mich mit den Worten: „Haben Sie Mozart's 
Volkslied: ,Flattre, slattre, kleiner Böge?, von 
mir gehört?" Als ich es verneinte, sagte er rasch: 
„Gut, ich werde es Ihnen vorsingen", setzte sich 
sofort an den großen Flügel im Probesaal, wo 
wir uns gerade ganz allein befanden, und sang 
mir das reizende Lied mit jugendlicher Wärme 
und mit einer Begeisterung vor, als ob er ein 
großes Konzertpublikum vor sich hätte, während 
ich ganz allein und beschämt neben ihm stand. 
Dann ergriff er eine Feder und schrieb mir zum 
Andenken den Anfang von Text und Noten des 
Liedes nebst seiner Namensunterschrift auf. — 
Wild war damals übrigens sehr gebeugt, denn 
er hatte kurz zuvor durch den Tod seine einzige 
Tochter und damit sein Haus, einen kleinen 
Palast in der Alservorstadt, verloren. Dieses 
Haus hatte er seiner Tochter bei deren Ver- 
heirathung geschenkt und diese es sodann kurz vor 
ihrem Ableben ihrem Neuvermählten testamen 
tarisch zugesichert, sodaß Wild jetzt sein schönes 
Besitzthum in fremden Händen sehen mußte." 
In Deinhardstein, dem Dichter von „Hans 
Sachs" *) und verschiedenen anderen Künstler 
dramen, lernte Hoffmeister einen etwas verbissenen 
und mit der Gegenwart zerfallenen, hochmüthigen 
Mann kennen, welcher in seiner Zurückgezogenheit 
sehr stolz und geringschätzend auf andere lebende 
Dichter herabsah. „Mein Besuch als der eines 
Ausländers", schreibt Hoffmeister, „schien ihm 
einiges Vergnügen zu bereiten, und er erzählte, 
daß er auf einer Reise „draußen in Deutschland" 
auch einmal durch das leblose Kassel gekommen 
sei und dort Louis Spohr besucht habe; sonst 
habe ihm Kassel den Eindruck eines schönen 
Körpers ohne Blut und Lebenssaft gemacht. 
Auch den Lustspieldichter Castelli besuchte ich; 
damals k. k. niederösterreichischer Rechnungsrath 
und, wie es schien, in glänzenden Verhältnissen 
lebend. Seine Bibliothek sollte 10,000 drama 
tische Werke enthalten und seine Sammlung von 
Komödienzetteln bis zum Jahre 1600 zurück 
reichen. Auch seine Dosen- und Fächersammlnng 
war weit und breit berühmt. Beim Scheiden 
erzählte er mir noch in etwas humoristischer 
Stimmung, daß er die kürzlich erschienene Ge- 
sammtausgabe seiner Schriften dem Kurprinzen 
und Mitregentcn von Hessen zugeschickt, jedoch 
mit dem Bemerken zurückerhalten habe, der 
Prinz besitze dieselbe bereits. 
*) Das Schauspiel „Hans Sachs" von Deinhardstein 
wurde am Königlichen Theater in Kassel zur Hans 
Sachs-Feier 1894 neu einstudirt. 
Mit Saphir hatte ich zwar durch meine Ar 
beiten für seinen „Humoristen" schon längere Zeit 
in Verbindung gestanden, allein ich hatte noch 
nicht Gelegenheit gehabt, ihn persönlich kennen 
zu lernen, denn er ließ alles Geschäftliche durch 
sein Büreaupersonal und namentlich durch dessen 
Vorstand besorgen, während er selbst, der geistige 
Lenker des Ganzen, in unsichtbarer Verborgenheit 
versteckt blieb und daher wirklich oder vorgeblich 
stets abwesend war. — Nachdem Louise Nen- 
mann eines Abends in einer musikalisch-dekla 
matorischen Akademie im Kärnthnerthortheater 
ein neues Gedicht von Saphir: „Dialekt und 
Orthographie" zum allgemeinen Jubel vorge 
tragen hatte, ließ ich mich am nächsten Morgen 
bei dem Dichter melden und bat ihn um eine 
Abschrift dieses sehr pikanten Gedichts, und zwar 
womöglich um eine Abschrift seiner eigenen Hand, 
zum Andenken. Ich wurde zwar angemessen 
freundlich und möglichst herablassend von dem 
stolzen Manne von langer Gestalt, mit hell 
blondem Haar, empfangen, jedoch bedeutet, daß 
er soeben vom kaiserlichen Hofe den Befehl er 
halten habe, das Gedicht vom gestrigen Abend 
weder durch Druck, noch durch Abschrift zu ver 
vielfältigen, denn so gut der gefürchtete Mann 
am Hofe accreditirt war, so wurde er doch auch 
wiederum von oben streng censurirt, weniger aus 
Politik, denn er war durch und durch höfisch er 
geben, als aus andern Gründen, und vorliegend 
nur aus Moralität, denn in dem Gedicht kamen 
sehr anstößige Sachen vor, von denen ich mir 
nur eine stark beklatschte Stelle bestimmt er 
innere; man schreibe nämlich, hieß es darin, 
Liebe gegenwärtig Libe, ohne e, denn die jetzige 
Männerwelt liebe am liebsten ohne Eh'. Saphir 
setzte sich aber sofort an den Schreibtisch und 
sagte, daß er mir etwas Anderes zum Andenken 
schreiben wollte. Nach wenigen Minuten händigte 
er mir ein Blatt mit dem Vers ein: 
Wer da liebt, kann der vergessen? 
Wer vergißt, hat der geliebt? 
Lieben heißt ja: nicht vergessen. 
Und vergessen, nie geliebt! 
Solche Worte einem Scheidenden als Gedenk 
blatt geschrieben, mußten mir sehr schmeichelhaft 
erscheinen, obschon ich keinen Anspruch auf seine 
Neigung oder Freundschaft machen konnte, und 
so nahm ich sie denn auch mit Anerkennung 
und Dankbarkeit entgegen und verabschiedete mich 
von ihm für immer, denn ich sah ihn nicht 
wieder. 
Ein längeres Gedicht, „An meine Freunde" 
überschrieben, empfing ich von der bejahrten Frau 
Johanna Franul von Weißenthurn, von
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.