Full text: Hessenland (14.1900)

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im Vordergründe auch einen Korb mit einem 
kleinen Kind und der Adresse „An das Direktorium 
der CH. Stiftung in Cassel". Die Unterschrift des 
Bildes aber lautet: „Das Direktorium fordert 
seine glücklichen Landsleute zur Theilnahme auf." 
Die Sammelbüchse der Stiftung erhielt so 
reichliche Gaben, daß nach Jahresfrist mehr als 
1300 Thaler an den chinesischen Verein in Hong 
kong abgesandt werden konnten, Seine Majestät 
König Friedrich Wilhelm IV. hatte 400 Thaler 
gespendet, wogegen der Kurfürst der Stiftung 
nichts zugewendet zu haben scheint. Im Ganzen 
hat die letztere über 2100 Thaler innerhalb 
zweier Jahre nach China geschickt, obwohl sie bei 
der überwiegenden Mehrheit des Volkes keine 
Unterstützung fand, ja, 1848 wurde sogar als ein 
Hauptgrund zur Unzufriedenheit angeführt, daß 
das Oberappellationsgericht aus Mystikern bestehe, 
welche sich damit beschäftigten, die Chinesen zu 
bekehren. — 
Mit Ablauf des Jahres 48 werden die 
„Monats - Berichte der Deutsch - Chinesischen 
Stiftung" aufgehört haben zu erscheinen, wenigstens 
findet sich in der Laudesbibliothek zu Kassel nach 
Dezember genannten Jahres keine weitere Ausgabe 
vor, und daraus ist zu schließen, daß auch die 
ganze Deutsch-Chinesische Stiftung sich zu Anfang 
1849 aufgelöst hat. 
Die vorstehende kurzgefaßte Schilderung ihres 
Daseins ist aber lediglich aus dem Grunde ge 
geben worden, um daraus hinzuweisen, daß die 
selben Bestrebungen, für welche Kurhessen vor 
fünfzig Jahren so mannigfachen Spott und Hohn 
geerntet hat, gegenwärtig als eine hohe Kultur 
aufgabe betrachtet werden. 
W. Wennecke. 
Iakod Hoffmeister in Wien. 
Nach den von Hoffmeister hinterlassenen Aufzeichnungen mitgetheilt von W. Bennecke. 
(Fortsetzung.) 
„In einer von Prechtler veranstalteten Thee- 
gesellschaft lernte ich auch Moseuthal kennen. 
Letzterer war mir bis dahin ganz fremd geblieben, 
da er, jünger als ich, das Lyceum zu Kassel erst 
nach mir besucht hatte. Damals in Wien Erzieher 
in der Familie eines Herrn Goldschmidt, des 
einflußreichen ersten Buchhalters vom Wiener 
Hause Rothschild, in bevorzugter Stellung und 
von dem allmächtigen Geldfürsten protegirt, hatte 
Mosenthal bereits einige dramatische Versuche 
zur Ausführung gebracht, aber der Dichter der 
„Deborah", welche seinen späteren Ruf begründet 
hat, war er damals noch nicht. Kurz vor jenem 
Theeabend bei Prechtler war Mosenthal in den 
aristokratischen Rothschild'schen Kreisen die Ehre 
zu Theil geworden, die einst so berühmte Schau 
spielerin Haitzinger-Neumann (welche die „Louise 
von Schlingen" in Holtei's „Wiener in Berlin" 
auf allen Theatern Deutschlands gespielt und 
gesungen hatte) nebst ihrer Tochter Louise Neu 
mann*), eine damals sehr beliebte jugendliche 
Schauspielerin des Burgtheaters, näher kennen 
zu lernen. So hatte sich in seiner regen Phan 
tasie alsbald ein Huldigungslustspiel gestaltet, 
worin ein Verehrer beider Damen — er selbst — 
*) Eine jüngere Schwester Adolfine Neumann ent 
zückte einige Zeit als jugendliche Schauspielerin am Hof- 
theater zu Kassel empfängliche Herzen, starb aber schon 
April 1844 im 19. Lebensjahre zu Berlin. (Anmerkung 
Hoffmeister's.) 
nicht weiß, wohin er sich mit mehr Bewunderung 
und Liebe wenden soll, ob zur Mutter, oder zur 
Tochter. Dieser innere und äußere Kampf 
bildete den schmeichelhaften Gegensatz dieser 
Bluette, welche jedoch nicht zur Aufführung ge 
langt ist. Titel und Lösung sind mir nicht er 
innerlich geblieben. Mit Ausnahme von Mosen 
thal beehrten mich später alle Celebritäten dieses 
Abends mit eigenhändigen Gedichten, Album 
blättern u. s. w. 
Da ich in den Opernproben oder aus der 
Bühne häufig mit Otto Nicolai*) beisammen 
war, so näherten sich mir viele interessante 
Menschen und ich machte die merkwürdigsten 
Bekanntschaften im Probesaal und hinter den 
Coulissen. Vorzugsweise gedenke ich hierbei meiner 
häufigen Begegnungen mit dem früher so be 
rühmten Tenoristen Franz Wild, welcher einst 
in Kassel geglänzt hatte und jetzt an der Hof 
oper in Wien einer der verschiedenen Regisseure 
war, selbst aber nicht mehr auftreten durste, 
weil er in politisch aufgeregten Zeiten mehrfach 
anstößige Texte untergelegt hatte. Er ward mir 
bald sehr geneigt, und da er hörte, daß ich schon 
als Schulknabe ihn in Kassel bewundert hatte 
und ihn jetzt um ein Albumblatt bat, mußte ich 
ihm die Partien nennen, worin er mir am besten 
*) Auf Hoffmeister's Bekanntschaft mit Nicolai wird 
später ausführlich zurückgekommen.
	        

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