Full text: Hessenland (14.1900)

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und Landgraf Wilhelm verschiedene Male auf 
der Brautsuche und sonst auf Reisen war; 
z. B. begleitete er seine Schwester Christine im 
Jahre 1564 nach Holstein zu ihrer Vermählung 
mit dem Herzog Adolf von Holstein, um be 
geistert von der Schönheit der holsteinischen Frauen 
zimmer zurückzukehren. 
Eine Schwester Wilhelm's, Barbara mit 
Namen, welche sich in Württemberg mit Graf 
Georg, einem alten Herrn von 57 Jahren, ver- 
heirathete, sah es gern, daß Wilhelm eine 
Württembergerin wählte. Diese Barbara gebar 
noch einige Kinder, und wurde die Stammmutter 
der nachherigen Fürsten in Württemberg. Die 
Schwester machte ihren Bruder Wilhelm auf 
merksam auf Hedwig, die älteste Tochter 
Herzog Christoph's, auch war es des Land 
grafen Philipp Wunsch, daß Wilhelm diese zur 
Frau nähme, aber Herzog Christoph verweigerte 
sie, weil sie noch zu jung wäre. Bald danach 
aber verlobte sich Bruder Ludwig mit derselben, 
und Wilhelm befürwortete noch die Werbung 
seines Bruders Ludwig. Beide wurden am 
10. Mai 1563 vermählt; da diese Ehe jedoch 
kinderlos blieb, war es Landgraf Philipp's 
Wunsch, daß Wilhelm eine andere Tochter seines 
Freundes Christoph zur Gemahlin nähme. Da 
fiel Wilhelm's Wahl mit Uebergehung der zweiten 
Tochter im Jahre 1565 auf die dritte Tochter- 
Sabine, die ihm bereits, ehe er bei den Eltern 
förmlich um sie warb, das Jawort gegeben hatte. 
In einem Brief Landgraf Philipp's an Herzog 
Christoph sagt der Vater von seinem Sohne 
Wilhelm, derselbe habe schon viele Frauenzimmer 
besichtigt, es habe ihm aber noch keines gefallen; 
dagegen giebt Landgraf Wilhelm als Grund seiner 
Zögerung im Heirathen an, es habe ihm das 
Beste gefehlt, nämlich das Geld, um einen Haus 
halt bestreiten zu können, und wirklich konnte 
sein Vater nicht viel herausrücken, weil er mit 
Ausgaben überladen war.*) Er hatte ja außer 
den vielen Kindern von Frau Christine, auch 
die „linke Landgräfin" Margarethe von der Saal 
mit so vielen Kindern auf der Tasche. 
*) Im Jahre 1554 hatte schon Landgraf Wilhelm in 
Worms mit seinem nachherigen Schwiegervater wegen einer 
Schuldurkunde verhandelt, und Herzog Christoph hatte 
in edelmüthiger Weise die Sache erledigt und sich zu noch 
mehr erboten. Seinen Hof bezw. das Leben an demselben 
schilderte Herzog Christoph als durchaus solid: es würde 
nicht gespielt, es würde nicht zugetrunken, es würde auch 
nicht gassirt (b. h. durch die Gassen streichen und schreien, 
bei nächtlichen Ständchen — Grimm, Wörterbuch 4, 
1. Hälfte der 1. Abth., S. 1454) bei Nacht, und der 
Herausgeber des Briefwechsels sagt: „Das ist ein Lob, das 
sich kaum unser aufgeklärtes, durchleuchtetes Jahrhundert 
von vielen deutschen Höfen beilegen kann." 
Landgraf Wilhelm schickte nun den Erbkämmerer 
Hans von Berlepsch an beit Herzog, seine 
Werbung zu wiederholen, und Berlepsch trug dann 
noch einmal ausführlich die Gründe vor, die 
seinen Auftraggeber zu seiner Bitte veranlaßten; 
zu diesen gehörten für's Erste der Wunsch seines 
Vaters, zum Hause Württemberg in verwandschaft- 
liche Beziehungen zu treten, für's Zweite die 
Hochachtung, die Wilhelm zu dem Herzog und 
den Seinigen hege, und endlich als Drittes die 
unvergleichlichen Eigenschaften des Fräulein Sabine. 
Alsbald konnte Berlepsch dem Landgrafen Wilhelm 
nach Darmstadt hin, wo er sich bei seinem 
Bruder Ludwig aufhielt, die Zusage des Herzogs 
mittheilen, vorausgesetzt, daß sein Vater die 
Werbung in den gewohnten Formen vorbrächte. 
Indessen ehe diese Werbung geschah, trat ein 
sehr ärgerlicher Zwischenfall ein: Ein württem- 
bergischer Hofmeister, nämlich Christian von 
Kntzleben, war in Darmstadt gewesen und 
brachte die thörichtsten Gerüchte über den neuen 
Bräutigam mit; Landgraf Wilhelm sei närrisch, 
er saufe sich alle Tage voll Weines und schlage 
mit zwei Kolben um sich. Hedwig aber nahm 
ihren Schwager Wilhelm in Schutz, und Sabine 
schenkte den thörichten Reden keinen Glauben. 
Kntzleben entschuldigte sich nachher, er habe das 
alles im Scherz gesagt, aber nicht um die Heirath 
zu vereiteln. 
Die Abgesandten des alten Landgrafen, Burck- 
hardt von Cramm, Sebastian von Weiters 
hausen und Heinrich Lersner, fanden das 
freundlichste Entgegenkommen. Die Verhandlungen, 
die sie zu führen hatten, wir nennen sie Ehepakten, 
drehten sich um dreierlei, um Mitgift, um Morgen 
gabe und um Wittthnm, sowie um Zeit und Ort 
der Hochzeit. Da Herzog Christoph dieselbe weder 
aus alleinige Kosten in Stuttgart, noch wie die 
Gesandten darauf vorschlugen, auf gemeinsame 
in Frankfurt halten wollte, so blieb nur eine 
Stadt in Hessen übrig. In Kassel wollte sie 
! der Landgraf nicht haben aus dem angeblichen 
Grunde, weil die Pest im Lande sei, die unter 
diesen Umständen leicht in die Hauptstadt ein 
geschleppt werden könnte, in Wahrheit aber, weil 
er fürchtete, daß, wenn der Herzog und seine 
Begleitung das ganze Land von Gießen nach 
Kassel durchzogen, dieses zu sehr mitgenommen 
werden könnte. So blieb nur Marburg übrig. 
Als Zeitpunkt der Hochzeit kam für den Land 
grafen nur der 10. Februar oder der 10. Juni 
in Betracht, da in der Zwischenzeit aus Mangel 
an Wildpret und Heu für die Verpflegung der 
Gäste und der Pferde nicht ordentlich gesorgt 
werden könne. Es schien vorerst so, als müßte
	        

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