Full text: Hessenland (14.1900)

Am Muttergrabe. 
§ er Mond scheint hell, der Nachtwind weht 
Leis in der Linde Zweigen, 
Der Wetterhahn am Rirchthurm dreht 
Sich in dem alten Reigen; 
Das Bächlein flüstert still und leis 
Geheinmißvoll die alte Weis', 
Die es schon einst gesungen 
Als ich noch muntrer Rnabe war 
Und auf dem Schulpfad manches Jahr 
Darüber hin gesprungen. 
Noch fließt der Bach, das Airchlein auch 
Steht noch auf seinem ksügel, 
Der lvetterhahn im Windeshauch 
Bewegt noch seine Flügel. 
Ich schreit' des Weges still dahin, 
Nicht Rnabe mehr — ein Jüngling bin 
Ich mit der Zeit geworden; 
Trieb mein Geschick mich fern von hier, 
Blieb doch die alte Liebe mir 
Zu den vertrauten Mrten. 
Ich schreite still das Thal hinab 
Und stehe wie im Traume 
An meiner guten Mutter Grab 
Beim alten Lindenbaume; 
Das Grab deckt grüner Rasen zu, 
Die gute Mutter schläft in Ruh' 
Und wird den Sohn nicht hören, 
Der ihr einst oft sein Leid geklagt, 
Dem nie sie ihren Trost versagt — 
Doch will sie nun nicht stören.' 
Wohl fühle ich an Deinem Grab: 
Seitdem Du mir geschieden, 
Sank hier auch meine Ruh' hinab, 
Mein süßer, süßer Frieden. 
Das Leben wogt mit wilder lfaft — 
Mein lferz trägt eine schwere Last, 
vermag sie kaum zu tragen; 
Doch denk' ich an das Mntterherz 
Wie still es war in Leid und Schmerz, 
Dann kann ich nicht mehr klagen. 
So bleib, du stilles, grünes Grab 
Mir eine Zufluchtsstelle, 
Wenn nirgends ich mehr Frieden hab' 
Auf stürm'fcher Lebenswelle; 
Wenn mich ein Vaterherz betrübt, 
Und Schwester, Bruder mich nicht liebt, 
von Leid und Schmerz umzogen — 
Bleib', Muttergrab, bleib', Rirchlein, mir 
Lin Friedensport, so geh' ich hier 
Getrost durch alle Wogen. 
Und welkt mir anch manch Blümlein ab, 
Lin Trost ist mir geblieben: 
Lin Gotteshaus, ein Muttergrab 
Und auch ein lferz zum Lieben. 
Und werd' ich auch so viel verkannt, 
Ich weiß ein Herz, das mich verstand, 
Wünsch' weiter nichts auf Lrden; 
Durch allen Schmerz dringt doch die Luft, 
Sich süßer Liebe sein bewußt 
Und treu geliebt zu werden. 
Heinrich Naumann.
	        

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