Full text: Hessenland (14.1900)

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und dies machte die Sache noch schwieriger, so- 
das; selbst die Post nicht immer auszuhelfen 
wußte. Mit Adressen war es überhaupt ein 
eigen Ding, denn wenn ich einen Wiener um 
die Wohnung eines bekannten Mannes bat, den 
ich besuchen wollte, so wußte er mir selten die 
selbe anzugeben, dafür bezeichnete er mir aber 
sehr bestimmt und zuverlässig das Kaffeehaus, 
wo der Gesuchte jeden Nachmittag zu treffen war 
und zwar so sicher, daß nur Krankheit ihn von 
dort zurückhalten konnte. Selbst Freunde trafen 
sich meist nur da und kannten gegenseitig ihre 
Wohnungen nur selten, auch die Briefträger brachten 
die Postbriefe an die Adressaten vielfach nur in 
die ihnen bekannten Kaffeehäuser derselben, wo 
sogar geschäftliche Sprechstunden abgehalten wurden. 
Meinen Hauswirth, den Dichter Otto Prechtler, 
k. k. Konzipisten, habe ich während der ganzen 
Zeit, in welcher ich bei ihm wohnte, und es waren 
fünf Monate, meines Wissens nur zweimal in 
seinen vier Wänden gesprochen. Er kam regel 
mäßig erst um Mitternacht nach Hause und wir 
sahen uns deshalb nur in einem Theater oder 
in einem Kouzertsaale. Sein Kaffeehaus war mir 
fremd und ich selbst besuchte Kaffeehäuser eigentlich 
nur dann, falls ich brieflich dorthin eingeladen 
wurde, was mein Freund Ritter Ferdinand 
von Seyfried zuweilen that, wenn er mich gern 
in irgend ein Theater zu einer besonderen Vor 
stellung führen wollte." Ebensowenig wie Hoff 
meister sich etwas aus den Kaffeehäusern machte, 
fand er Geschmack au dem Wiener Leben im 
Wurstl-Prater, dagegen fühlte er sich zu ge 
müthlicher Häuslichkeit hingezogen, wie er solche 
in der Familie des Gesanglehrers Hauser und 
des lutherischen Predigers Paur fand. Paur's 
Sohn Ernst, damals ein eben herangewachsener 
Jüngling, war später der in England hochgefeierte 
Klaviervirtuos. Im Paur'schen Hause wurde 
Hoffmeister endlich auch mit saurer Milch er 
quickt, nach welcher er seit seiner Abreise von 
Kassel Verlangen getragen hatte, ohne bis dahin 
eine Schüssel dieser doch so einfachen Kost er 
halten zu können. Besonders wohl und heimisch 
fühlte unser Reisende sich in dem in der Um 
gebung der Kaiserstadt gelegenen „grünen Lust 
haus". einer Art Försterei, nicht sowohl, weil 
man dort den besten Kaffee trank, sondern viel 
mehr, weil man von da aus ein Gebirge sieht, 
welches an den Habichtswald bei Kassel täuschend 
erinnert. Dieser Umstand veranlaßte ihn, einen 
Kasselaner dorthin zu führen, und auch von ihm 
fand er sein Urtheil bestätigt. Es war dies 
Dr. Adolf Harnier. Ein anderer Kasselaner, 
den Hoffmeister bei seinem ersten Spaziergang 
auf der Bastei traf, war Pfarrer Ernst, der 
einzige resormirte Prediger Wiens. „Er war 
der Sohn des Generalsuperintendenten Ernst in 
Kassel, welchen ich so oft in der reichen Familie 
Rausch zu treffen das Vergnügen hatte und an 
dessen gemüthvolle, menschenfreundliche Unter 
haltungen und wohlwollende Gesinnungen ich die 
schönsten Erinnerungen bewahre. Mir ist in 
meinem Leben niemals eine schmeichelhaftere 
Auszeichnung zu Theil geworden, als durch ihn 
und so kann ich dieselbe aus Dankbarkeit nicht 
unerwähnt lassen, da sie eben so gewandt wie 
gütig war. Ich stellte ihm nämlich in einer 
großen Tanzgesellschaft bei seinem Schwiegersohn, 
dem damaligen Oberbürgermeister Arnold zu 
Kassel, den jungen musikalischen Künstler Hugo 
Stühle als meinen Freund vor, und sofort sagte 
der liebenswürdige Greis: ,Jhr Freund? das 
ist die beste Empfehlung für ihn!'" Obwohl 
Hoffmeister sich vorgenommen hatte, den Pfarrer 
Ernst*) in Wien nach der zufälligen Begegnung 
auf der Bastei allernächst zu besuchen, so geschah 
dies erst in den letzten acht Tagen seines Wiener 
Aufenthaltes, um mündliche Nachrichten an seine 
Anverwandten in Kassel übermitteln zu können. 
Umsomehr verkehrte Hoffmeister aber bei der 
Familie Hauser. Franz Hauser, der Vater, 
war unter Wilhelm II. in Kassel als Bariton 
engagirt gewesen, und den jungen Moritz Hauser 
hatte er als einen Schüler Spohr's und Haupt 
mann's kennen gelernt. „Hauser ertheilte nun 
Gesangsunterricht, besonders solchen jungen Leuten 
beiderlei Geschlechts, welche sich für das Theater 
ausbilden wollten. In Wien ist aber von diesen 
ein so großer Andrang, daß man glauben sollte, 
Wien sei eine Geburtsstütte von jungen Theater 
talenten. Hauser's Gattin war eine Tochter des 
einst in Göttingen geschützten Professors Böhmer; 
sie hatte sich alle ihre norddeutschen Frauen 
tugenden in dem südlichen Wien erhalten und 
eine Häuslichleit um sich geschaffen, welche jeden 
Fremden, und selbst den lockeren Wiener, ent 
zückte. Außer dem bereits erwähnten Sohne 
Moritz hatte das Hauser'sche Ehepaar noch einen 
jüngeren Sprößling, Joseph, einen reizenden 
Jüngling von 16 Jahren, welcher kleineren 
Knaben Geigenunterricht ertheilte, meist in der 
Küche, dem gewöhnlichen Wiener Wohnungsentree, 
indem er selbst mit seiner Geige aus dem Heerd 
oder aus einem höheren Küchentische saß. Dabei 
war er noch so kindlich unschuldig, daß er nur 
für Kindermärchen schwärmte und fast nichts 
*) Pfarrer Ernst war mit einer Dame aus Triest 
verheirathet. Sein Bruder Rudolf war Rittmeister bei 
den kurhessischen Husaren.
	        

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