Full text: Hessenland (14.1900)

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daß ich mit den Kindern ans einige Zeit nach 
Dresden gehen solle. — — — — — — — 
Der größte Theil unserer Sachen ist schon 
gepackt und geordnet, allein ich gehe keinen 
Schritt von hier, bis ich erst über die Zukunst 
des theuern Mannes beruhigt bin, der für uns, 
für seine Familie, Alles trägt, was das Ge 
schick ihm so unverschuldet auferlegt." 
Daß doch auch einige Leute sich nicht von der 
künstlich aufgestachelten, gegen Meysenbug ge 
richteten Wuth mit fortreißen ließen, sondern die 
Sachen mit tiefer blickenden Augen anzusehen 
wußten, dafür legt ein Brief des damaligen 
hessischen Gesandten in Berlin, welcher auf die 
Nachricht von der Einreichung des Entlassungs 
gesuchs Meysenbug's hin an den letzteren gerichtet 
war, Zeugniß ab. Derselbe lautet: 
„Unmöglich vermag Ew. Excellenz ich es zu 
schildern, wie sehr die Nachricht von Ihrem 
gänzlichen Ausscheiden aus dem Staats-Dienste 
mich überrascht und zugleich betrübt hat; und 
nicht versagen kann ich es mir, Ihnen meine 
-schmerzlichen Gefühle hierüber auszudrücken. 
Seit beynahe 14 Jahren in ununterbrochenen 
dienstlichen Beziehungen zu Ew. Excellenz fällt 
es mir schwer, den Gedanken zu fassen, daß 
diese Beziehungen, die mir so theuer und werth 
geworden, ferner nicht mehr bestehen sollen; aber 
noch schmerzlicher wird mir dieser Gedanke, 
wenn ich damit alle die zahllosen Beweise 
freundlichen Wohlwollens in Verbindung 
bringe, welche Sie während dieser langen 
Reihe von Jahren nicht ermüdeten, mir zu 
Theil werden zu lassen, und die in denen oft 
recht schwierigen Verhältnissen, vor die mich 
die Ereignisse stellten, mein Trost waren. 
Wenn lange, schwierige Dienst-Verhältnisse 
ohne Zweifel Anspruch auf eine endliche ruhige 
Existenz in spätern Jahren geben, so sind Ew. 
Excellenz in dem Falle, die höchsten An 
forderungen an eine solche machen zu dürfen; 
und zuversichtlich gebe ich mich der Hoffnung 
hin, daß die Vorsehung Gerechtigkeit üben 
und Ew. Excellenz und allen den Ihrigen den 
reichlichsten Ersatz für die Vergangenheit bieten 
wird. Was mich aber anbelangt, so wollen 
Ew. Excellenz mir gestatten, Ihnen die 
Versicherung, daß ich, so lange ich lebe, von 
inniger Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen 
Ew. Excellenz, zugleich aber auch von den 
heißesten Wünschen für Ihr und der Ihrigen 
Wohlergehen erfüllt seyn werde, darbringen 
und damit die Bitte verbinden dürfe, mir Ihr 
Wohlwollen, dessen ich mich wissentlich wahrlich 
niemals unwürdig machte, auch in Zukunft er 
halten zu wollen. Indem ich dann diesen 
Zeilen noch die Versicherung von dem fort 
dauernden Wohlseyn Ihrer hiesigen Herrn 
Söhne hinzufüge, habe ich die Ehre, sie in 
denjenigen Gesinnungen treuer Ergebenheit iutb 
respektvollster Verehrung zu schließen, worin 
ich unwandelbar verharre als Ew. Excellenz 
unterthäniger Willens." 
Die Angelegenheit lief schließlich darauf hin 
aus, daß Meysenbug fein Amt als Minister der 
auswärtigen Angelegenheiten niederlegte, dagegen 
als Minister in außerordentlichen Diensten des 
Kurfürsten diesem attachirt blieb. In dieser 
Stellung verharrte er bis an sein Lebensende. 
Ihr opferte er in feinen alten Tagen alle 
Bequemlichkeiten des von ihm über alles ge 
schätzten Familienlebens. Des Kurfürsten Lebens 
weise, die ihn nie lange an einem Orte ver 
weilen, sondern den Aufenthalt häufig wechseln 
ließ, sowohl wie auch finanzielle Rücksichten 
forderten, daß Meysenbug fast stets von seinem 
ihm so theuern Familienkreise getrennt lebte. 
Das beste Zeugniß aber, welches der Unbe 
scholtenheit seines Charakters und der Redlichkeit 
seiner Bestrebungen ansgestellt werden kann, legen 
außer den schon weiter oben erwähnten Be 
ziehungen, welche die Kurfürstin mit ihm unter 
hielt, die Beweise der Anerkennung, die ihm von 
Seiten des Kurprinzen-Mitregenten zu Theil 
wurden, ab. Ich erwähnte schon, daß von Seiten 
der Leute, denen ein tieferer Einblick in die Ver 
hältnisse gestattet war, das Verhalten Meysen 
bug's vollste Würdigung fand. Zu diesen Leuten 
gehörte auch der Kurprinz-Mitregent, obwohl er 
im Verein mit feiner Mutter der natürliche 
Widersacher der Gräfin Reichenbach war. In 
vollster Erkenntniß der Begabung, Arbeitskraft 
und Charaktereigenschaften Meysenbug's hegte er 
den Wunsch, Meysenbug dem aktiven Staats 
dienste wiederzugewinnen, und ließ ihn verschiedent 
lich auf feine Geneigtheit, wiederzukommen, 
sondiren. Ein Brief Meysenbug's au seinen 
Sohn sagt darüber: 
„Gestern ist auch schon F. bei mir gewesen. 
Er hat mir nur in Beziehung aus meine ge 
wünschte Rückkehr nach Kassel vorgesprochen. 
Ich entgegnete ihm, daß man meine Ent 
fernung dort gewünscht und ich solche be 
werkstelligt habe. Jetzt hätte ich alles Ge 
schehene vergessen und mich darüber beruhigt. 
Man solle mir diese Ruhe gönnen und mich 
nicht als Spielball der kämpfenden Partheien 
verlangen, wozu ich mich auf keinen Fall her 
geben würde. Ich sei nach meinem Abschiede 
aus dem Staatsdienste nur aus ausdrücklichen
	        

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