Full text: Hessenland (14.1900)

188 
Humor verfügt, auch verräth er warmes Gefühl 
für seine Leute, wenn er z. B. alles Mögliche thut, 
um bei der Verschiffung nach Süd-Karolina ein 
wenig mehr Platz für die Soldaten zu erhalten. 
Seine Sympathien sind selbstverständlich da, wo 
die Fahnen seines Fürsten wehen, bei den Eng 
ländern, die Amerikaner betrachtet er als „Rebellen", 
wie das kaum anders fein kann. Eine andere 
Stimmung war unter den hessischen Offizieren jener 
Tage überhaupt nicht vorhanden, wie ans den über 
lieferten Tagebüchern klar hervorgeht. Nach allen 
militärischen Begriffen konnte gar keiner anders 
sich äußern. Dürnberg's Tagebuch giebt ein Bild 
von de» Strapazen, die von den hessischen Truppen 
in Amerika durchgemacht werden mußten, und zeigt, 
was sie in deren Ueberwindung Glänzendes geleistet 
haben. Die Lektüre ist durchaus zu empfehlen. 
Die Veröffentlichung der Aufzeichnungen Dvrn- 
berg's ist zunächst ans Schüler berechnet, wie ans 
der Beigabe derselben zu einem Schulprogramm zu' 
ersehen ist. Daraus erklären sich auch die häufigen 
Erläuterungen der Situationen und die zahlreichen 
Anmerkungen zur Erleichterung des Verständnisses. 
Beide hier vorliegende Schulprogramme gehören zu 
den wenigen ihrer Gattung, die wirklich zunächst 
für Schüler bestimmt sind. Vielleicht ist im Ein 
zelnen bisweilen des Guten zuviel gegeben. 
Zum Schluß können wir aber erhebliche Bedenken, 
die uns bei der Durchsicht der Einleitung ansge 
stoßen sind, nicht verschweigen. Diese Bedenken 
sind um so gewichtiger, als Marseille's Veröffent 
lichungen zunächst von jungen, für die Ansichten des 
Lehrers besonders empfänglichen Gemüthern werden 
ansgenominen werden. Eie beziehen sich hauptsäch 
lich ans die Seiten 4—6 der Einleitung. Willig 
erkennt Marseille die Tapferkeit der hessischen Truppen 
an. Die Ueberlassung derselben an England be 
trachtet er auch nicht ausschließlich unter dem Gesichts 
punkt des Menschenhandels, den selbst ein ordent 
licher Universitätsprofessvr der Geschichte »och ans 
der letzten Versammlung deutscher Historiker zu 
Halle a. S. im Frühling dieses Jahres zur großen 
Verwunderung vieler Theilnehmer festgehalten hat, 
indem er in seinem Vortrage an die glücklich über 
wundene Feit erinnerte, in welcher „ans dem 
Marktplatz zu Kaffe l" die hessischen Truppen 
an England „verhandelt" wurden. Aber Mar 
seille kann sich doch nicht enthalten, von dem „Handel" 
z» schreiben und dem Landgrafen und seiner Dynastie 
schwere Vorwürfe zu machen. Ein objektiver Be- 
urtheiler ist Senme, aus den er verweist, doch sicher 
nicht. Mit Reckt hat Preser im Eingang seiner Schrift 
über „Der Soldatenhandel in Hessen" den Stand 
punkt Marseille's angegriffen (s. Preser, S. 4 — 7). 
Gerade die Schüler unserer Gymnasien müssen zeitig 
zu objektiver Beurtheilung der Dinge angeleitet 
werden. Dieser entspricht zwar keine Verherrlichung 
des Landgrafen Friedrich II., aber es ist doch zu 
betonen, das; seine Handlungsweise ans der Politik 
seines Zeitalters heraus durchaus zu erklären und 
zu verstehen ist. Ueberlassung von Truppen an 
andere Mächte gegen den Bezug von Subsidien war 
etwas damals ganz Gewöhnliches. Speziell Fried 
rich II. war nicht im mindesten ein grausamer 
Tyrann, besonders nicht gegenüber seinen Truppen. 
Die einzelnen Befehle, die von ihm bei Gelegenheit 
der um die Wende der Jahre 1775 und 1776 
angeordneten Mobilmachung erlassen wurden, liegen 
zum großen Theile noch vor. Aus ihnen ist zu 
ersehen, daß er besonders daraus bedacht war, dem 
gemeinen Soldaten sein Recht zu theil werden zu 
lassen. Wenn unsere braven Soldaten trotzdem so 
entsetzliche Strapazen zu ertragen hatten, lag die 
Schuld, soweit nicht der Verlaus des Feldzuges die 
Ursache war, bei den Herren Engländern. Gewiß 
hat der Feldzug „viel Thränen und Seufzer ge 
kostet", aber es ist doch zu beachten, daß bei der 
Mobilmachung, z. B. bei der Artillerie, wie urkund 
lich nachgewiesen ist, das Angebot der Konstabler 
und Artillerieknechte ein so großes war, daß es das 
Bedürfniß weit überstieg. Allerdings findet das 
hier Erwähnte bei Marseille Berücksichtigung (so S. 6), 
doch wird es nicht hinlänglich stark betont. Es 
bleibt bei Anläufen zu einer objektiven Beurtheilung. 
^er (entasten. 
(Beamten-Personalien folgen im nächsten Heit.) 
Vermählt: Bauingenieur fiucfitf zu Frankfurt a. M. 
mit Fräulein Vockrodt, Tochter des Eisenbahndirektors 
(Kassel, 23. Juni); Konzertmeister Hugo Di Ich er mit 
Fräulein Weimar (Kassel. Juli); Kaufmann Alfred 
G ü l d e n p f e n n i g zu Staßfurt mit Fräulein Hedwig 
Löhr, Tochter des Kaufmanns (Kassel, 7. Juli). 
Geboren: ein Sohn: Regiernngsassesfor von Goßler 
und Frau (Kassel, Ende Juni); Kaufmann Rudolf 
H ö r d e m a n n und Frau Emilie, geb. Schnell 
(Kassel. Juli); Lehrer Fr. Rosenkranz und Frau 
Emilie, geb. I m m i g (Kassel, 8. Juli); 
eine Tochter: Kaufmann Eduard Gundermann 
und Frau Dorn. geb. Fenner (Kassel. 30. Juni); 
Dr. med. Ernst Hauptmann und Frau (Kassel. 
8. Juli); Amtsrichter Dr. Karl Köhler und Frau 
E l f r i e d e. geb. Weise (Arolsen. 10. Juli). 
Gestorben: Apotheker Karl Theodor Fischer. 
73 Jahre alt (Homberg. 29. Juni); Kammermusikus a.D. 
Johann Andreas Panse r, 73 Jahre alt (Kassel, 
1. JuU); Rechnungsrath a. D. G e o rg Sch o lz, 78 Jahre 
alt (Salzschlirf. 6. Juli): Frau Anna Lippe, geb. 
3 ä g c r (Bielefeld, ff. Juli); Kaufmann TheodorOböe, 
67 Jahre alt (Kassel. 8. Juli); Gutspächter Sinning, 
64 Jahre alt (Kragenhof, 8. Juli); Frau Elisabeth 
Brede, geb. Glor (Kassel. 9. Juli). 
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. W. Grolesend in Kassel. Druck und Verlag von Friedr. Scheel, Kassel.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.