Full text: Hessenland (14.1900)

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schlimmer als große Heere. Sie zertrümmerten 
und beschädigten alles in dem Maße, daß der 
Ban im Herbste 1767 ganz abgebrochen wurde. 
Der Besitzer, Posthalter Werner Breithaupt, der 
die Mühle 1742 von Weltner gekauft hatte, konnte 
glücklicher Weise den Verlust verschmerzen. Den 
jährlichen Zins. der auf der Walkemühle geruht 
hatte, schlug die fürstliche Rentkammer nieder. 
A. 
-8-«. 
ein Sommerabend. 
Von H. Keller-Jordan. 
or einem kleinen Landhanse, im äußersten Thier 
gartenviertel in Berlin, stand, von Nachbars 
leuten und Kindern umringt, ein bepackter Reife- 
wagen. Das Gesinde machte sich eifrig bei demselben 
zu thun, und ein alter, wohl im Dienste der Familie 
ergrauter Diener öffnete hastig den Schlag, als 
das vor wenigen Stunden getraute Paar in die 
Thüre trat. Ter Herr, der Haltung nach Offizier, 
war eine große imposante Erscheinung, die Dame 
eine zarte Blondine mit dem siegesbewußten Lächeln, 
wie es junge Bräute zu haben pflegen, denen der 
Geliebte eben beglückende Worte in's Ohr ge 
stammelt hat. 
Die junge Frau warf, bevor sic in den Wagen 
stieg, den Kopf noch einmal zurück und grüßte 
jetzt mit feuchteil Augen zu dem geöffneten Fenster 
des einstöckigen Hauses hinauf, an welchem eine 
Dame in grauer Seide unermüdlich ihr Tuch 
schwenkte. 
„Ist das die Mutter der Braut?" fragte eine 
Frau, die gerade vorüber ging. den Diener, als 
eben der Wagen über den Sand rollte und sie den 
warmen Abschiedsgruß da oben am Fenster bemerkte. 
„Nein, die Großmutter." 
„Die Großmutter — das sollte mau nicht 
meinen," sagte die Frau kopfschüttelnd, „wie sich 
reiche Leute gut erhalten." Und dann ging sie 
ihres Weges weiter, und in ihr sorgcngequälteü 
Alltagsleben hinein drängte sich, wie Sonnengold 
in einen dumpfen Erdenwinlcl, das Bild des schönen 
glückbeseelten Paares, wie es dem rauschenden Leben 
entgegenfuhr, und das blasse Gesicht der grauen 
Dame oben am spihenumwobenen Fenster. - — 
Es war ein warmer, weicher Juniabend, der sich 
zu rüsten begann; die Sonne, die bereits niedersank, 
warf in die Gipfel der Bäume ihr letztes Gold, 
und cs kam allmählich jenes gralie, stille Dämmern, 
das die Erde kühlt. Blüthen und Bäume belebt 
und ihnen jene wonnigen Düfte entströmen läßt, 
die sich berauschend bis in die Häuser der Menschen 
drängen. 
Tie Bediensteten des kleinen Hauses brachten 
geräuschlos, wie sie cs gewohnt waren, die Dinge 
wieder in das alte Geleise, als ob nichts vor 
gefallen fei und die junge Baronesse noch bei der 
Großmutter säße — dem Leben der Welt entrückt. 
Nur die alte Dame war, nachdem sie wie im 
Traume ihr seidenes Fcstgewand mit dem bequemen 
Hauskleid getauscht hatte, sich der Einsamkeit bewußt, 
in den kleinen Salon getreten, in dem, wie sie 
sich sagte, der fröhliche Jugendlaut verstummt war. 
Aber als sie eintrat, erhob sich von dem Sessel 
am Tische, über welchem eine sanft verschleierte 
Lampe i» das Dämmern des Sommerabends hinein 
brannte, ihr lieber, alter Freund Baron Leyden 
und drückte ihr herzlich die Hand. 
„Wie das gut und freundlich von Ihnen ist, 
lieber Leyden." sagte sie, die letzten Spuren von 
Thränen aus ihren Augen wischend, „daß Sic mir 
über die ersten Abschiedsstunden hinweghelfen wollen, 
das lohne Ihnen Gott." 
Der Baron, eine hagere vornehme Erscheinung 
mit bartlosem Gesicht und dichtem grauen Haar. 
spielte verlegen, wie er cs immer zu thun pflegte, 
wenn er etwas Gutes vollführte, mit den goldenen 
Verlognes seiner Uhr. aber er sagte nichts. Erst 
nachdem sich beide gesetzt hatten imb die Baronin 
ihm nochmals für sein Kommen dankte, erwiderte 
er etwas verlegen: 
„Ich muß doch gut machen, daß ich schwerfälliger 
Mensch nicht an den Bermühlnngsseierlichleitcn 
Theil nehmen konnte, aber Sie wissen es ja, dazu 
bin ich nicht zu gebrauchen. Die Jutta that mir 
zu leid. Sehn Sie. ich habe das Kind aufwachsen 
sehn, ich habe sie lieb, als ob sie zu mir gehöre 
ich — ich konnte es nicht übcr's Herz bringen 
mit anzufehn, wie sic im besten — im allerbesten 
Falle — in ein ungewisses Schicksal jagt." 
„Aber. lieber Baron," lächelte die alte Dame, 
„Jutta ist ja glücklich — namenlos glücklich 
ihr Gatte, wie Sie selbst wissen, ein achtbarer 
Mensch in den besten Berhältnissen — so über 
winden Sie doch einmal diese Borurtheile, Sie 
eingefleischter alter Junggeselle." 
Ter Baron hielt den Kops gesenkt und schwieg. 
Auch bei dem Thee. den der Diener mit den ans 
gewähltesten Zuthaten, die vom Hochzeitsmahle 
übrig geblieben waren, servirte, sprach er auffallend
	        

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