Full text: Hessenland (14.1900)

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mit Sicherheit im 11. Jahrhundert nachgewiesen 
werden, er ist jedenfalls älter als die ältesten 
hessischen Mühlen. Die Ansicht Till's läßt sich 
daher nicht aufrecht erhalten; sie ist jedoch ein 
Beweis für die Wichtigkeit, die man in Melsungen 
selbst den Mühlen beilegte. 
Dazu trug die Anzahl der Mühlen viel bei. 
Es sind heutzutage noch ihrer vier, alle im Privat 
besitze. Die Wag mühte liegt unmittelbar vor 
dem Brückenthore, an der linken Seite des großen 
Wehres. 1575 heißt sie Woigkmühle von dem 
Heiwvg, der Hegewoge, wie man die Fulda ober 
halb des Wehrs bezeichnet. Ihr gegenüber, am 
rechten Ufer, befindet sich die Wittchesuiühle, 
die ihren Namen einem Müller des vorigen Jahr 
hunderts, Wittnch oder Wittich, verdankt. Früher 
hieß sie die „oberste Schneidemühle". Weiter 
stromabwärts sieht man die Kntzmühle ans 
dem Werr, nicht weit von der Rosenhöhe. Sie 
hat ihren Namen von ihrem jetzigen Inhaber. 
Am Ende der Vorstadt findet sich dann noch die 
Bachmühle, die ihr Wasser durch eine Ableitung 
des Kehrenbaches erhält. 
Das Saalbnch von 1575 kennt außer diesen 
vier noch drei andere: die Oelmühle und die 
Walkemühle am Kehrenbache und an der Fulda 
neben der Wittchesmühle noch eine Lohmühle. 
Außerdem zeigen sich an mehreren Stellen Spuren 
von längst verschollenen Mühlen. Bis zum heutigen 
Tage ist eine Straße Mühl eng a sse benannt <1457 
Molngassc). Tie Stadtmauer daneben birgt eine 
hohe schmale Thür, die schon vor Alters zu 
gemauert ist: das Mühlenthor. Der durch 
das sogenannte Bvttloch, das alte Badehaus in 
der Mühlenstraße, fließende Graben wird als 
Mylersbach <1416) bezeichnet. Wo der 
Müllersbach in die Fulda mündet, sieht man ans 
dem Sande starke Pfähle aus dem Erdboden 
ragen, zweifellos die Ueberreste einer alten Mühle. 
Ferner lag in früheren Zeiten vor dem Roten- 
bnrger Thore eine Mühle, die aber schon 1332 
nicht mehr vorhanden war. Denn in diesem 
Jahre wird ein Garten vor dem Rvtenbnrger 
Thore bei der alten Mühlenstatt erwähnt, 
also neben der Stelle, wo ehemals eine Mühle 
gestanden hat. Näheres ist auch hier nicht bekannt. 
Einige urkundliche Zeugnisse reden aber von 
den Melsnnger Mühlen mit klaren Worten. Ta 
muß die Bachmühle an erster Stelle angeführt 
werden, denn wir hören von der „Mole gelegen 
an dem Kornbache vor der Staid Mylsungen" in 
einer Urkunde, die Landau in seinem handschrift 
lichen Nachlasse dem Jahre 1293 zuweist. Tie 
Sprache deutet indeß eher auf das Jahr 1393 
hin. 1384 führte die Bachmühle zum ersten 
Male ihren heutigen Namen, ein Viertel derselben 
gehörte damals Werner von Schlutwinsdorf <wvhl 
als landgräfliches Lehen). 1575 war sie ganz im 
Besitze des Landgrafen. 
Zwei Melsnnger Mühlen ans einmal lernen wir 
1319 kennen. Bis Mitte Oktober desselben Jahres 
waren sie Eigenthum des Kasseler Klosters Anen- 
berg Privrin und Konvent übergaben sie dem 
Landgrafen Otto und lösten dadurch von ihrem 
Hofe im Dorfe Weimar die Verpflichtung ab, 
die landgräflichen Jäger aufnehmen lind verpflegen 
zu müssen. Ta nach dem Saalbnche von 1575 
die Wag-*) und die Bachmühle, die beide 
Mahlmühlen siild, dem Fürsten gehörten, so kann 
man nicht ohne Grund annehmen, daß gerade 
diese beiden vom Kloster Anenberg herstammen 
oder an Stelle der anenbergischen Mühlen, die 
etwa vor dem Rvtenbnrger Thore imb auf dem 
Sande lagen, gebaut sind. Eine andere herrschaft 
liche Mühle läßt sich wenigstens nicht nachweisen. 
Einer späteren Zeit gehört die K a tz m ü h l e 
an. Sic ist der landgräflichen Hubewiese benach 
bart und wird zuerst im Saalbuche als „Schneide 
mühle auf dem Werr" erwähnt. Später nannte 
man sie einfach die „unterste Schneidemühle". 
Der Schneidemüller Georg Reichelmann, der Er 
bauer der Mühle, wurde 1609 vom Landgrafen 
Moritz mit mancherlei Vorrechten ausgestattet. 
Darnach durften Reichelmann imb dessen Erben 
ihre Mühle vererben, verkaufen und verpfänden. 
Tie Reinigung des Mühlgrabens, der von der 
Fulda abgeleitet ist. will der Landgraf, so oft sie 
erforderlich ist, durch seine Unterthanen besorgen 
lassen. Tie Pflichten des Müllers sind dabei 
gering. Sie bestehen in einem jährlichen Grund 
zinse von einem Gulden, in der rechtzeitigen Be 
wässerung der Hubewiese und in der Zerschneidung 
des herrschaftlichen Holzes zu einem billigen Satze: 
„höher nicht als; von zweyen Schnen einen Heller 
zu rechnen". Das Saalbnch führt andere Be- 
dingnngen für den Schneidemüller an. Ter 
Grundzins wird darin mit zwei Gulden und 
zehn Albus angegeben, und der Preis für das 
Zerschneiden von je 24 Schuh herrschaftlichen 
Holzes auf elf Albus. Von der Bewässerung der 
Hubewiese ist aber keine Rede. Für die Erb- 
leihe und die anderen Vortheile übernahm also 
Reichelmann 1609 diese Bewässerung und das 
Zerschneiden des herrschaftlichen Holzes zu einem 
bedeutend geringeren Preise. 
*) Ui» 1215 spricht der Mainzer Erzbischof Siegfried 
van einer Mühle Waga und nennt in demselben 3»- 
sammenhange die Mühle zu Guntershausen bei Kassel 
oder Gondershausen im mittelrheinischen Gebiete. L?b er 
aber mit jener die Wagmühle meint, ist sehr fraglich.
	        

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