Full text: Hessenland (14.1900)

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In einem Briefe, den Meysenbug von Philipps 
ruhe ans nach der Katastrophe des Jahres 1831 
an einen seiner Söhne richtete, kommt folgende 
Stelle vor, die ich als weiterhin bezeichnend für 
das Verhältnis; Meysenbug's zum Kurprinzen, 
der, wie immer wieder betont werden muß, doch 
naturgemäß der heftigste Widersacher der Gräfin 
Reichenbach war, anführen: 
„Ich kann nicht umhin, einige Zeilen an 
Dich zu richten, um Dir zu sagen, daß Se. 
Hoheit der Kurprinz vorigen Sonnabend hier 
eintraf. Ich hatte gestern eine lange Audienz 
bei Höchstdemselben, worin er mich sehr freund 
lich , ich kann wohl sagen sehr zutraulich, em 
pfing. Ich nahm zum Schluß der Audienz 
Gelegenheit, ihn 311 lütten, die Gnade, welche 
er mir stets erwiesen, auch ans den Sohn zu 
übertragen." 
Was die Ereignisse des Jahres 1831 an 
betrifft — die „Krawalle" —, die schließlich zur 
Niederlegnng der Regierung seitens Wilhelm's II. 
führten, so zeigte sich hier, wie häufig in der 
Geschichte, daß die aufgereizten Leidenschaften der 
Massen stets nach Gegenständen oder Personen 
suchen, an denen sie ihr „Müthchen kühlen" können. 
Die Volkswuth fand hier in den leitenden 
Ministern die willkommene „Sündenböcke" und 
besonders in Meysenbug, der durch seine persönlich 
vertrauliche Stellung zum Kurfürsten ganz be 
sonders geeignet dazu schien, für die Sünden 
seines Herrn herzuhalten. 
Man warf also heldenmüthig die Feilster der 
Meysenbng'schen Wohnung ein und sammelte 
Unterschriften 311 einer Schmähschrift, die dann 
die Führer der Bewegung durch den ebenfalls 
im Staatsdienste angestellten Sohn Meyscn- 
bng'S — ohne daß dieser voll dem Inhalte eine 
Ahnung hatte — seinem Vater zuzusellden die 
Niederträchtigkeit hatten. 
Welche Stellnilg Meysenbug dieser ganzen Be 
wegung gegenüber einnahm, die später, als die 
Hessen sich ilach dem Regimente Wilhelm's II. 
zurücksehnten, „das künstliche Produkt der Um 
triebe einer aristokratischen Evterie", „gesetzwidrige 
Exzesse eines durch Bestechung verführten Pöbel- 
hansens, die mail nicht der gesammten Bürger 
schaft zur Last legeil dürfe", genannt wurde 
(Artikel aus Kassel vom 29. Juli 1841 in Nr. 216 
der Leipziger Allgemeinen Zeitung), läßt sich nur 
aus einigen in Familienbriefen verstreuten Be 
merkungen entnehmen. Sonst hat er nichts darüber 
allfgezeichnet, sowie er überhaupt (welches mir 
noch eiil vor ganz Kurzem erst, als letzter der 
sieben, verstorbener Sohn schrieb) in Bezug auf 
alle diese Anfeindungen stets die Ansicht äußerte 
I und nach dieser handelte: den Niederträchtigkeiten 
! nild Verläumdungen nur stille Verachtung ent- 
gegenzusetzen. 
(Schluß folgt.» 
Lndmig Btoljv f 
Am Freitag, den 13. Juli d. I.. ist der 
Schriftsteller L n dw ig M 0 h r »ach zurückgelegtem 
67. Lebensjahre in Wehlheiden (Kassel) gestorben. 
Mohr war am 10. Februar 1833 zu Homberg 
in Hessen geboren und hatte sich dem Lehrerberufe 
gewidmet, durch seinen Eintritt in die kurhessische 
Garde du Corps war er aber von demselben abge 
kommen llild betrieb nach zurückgelegter Dienstzeit 
ein optisches Geschäft und zwar im Hallengebände 
am Königsplatz, da. wv später sich die Porzellan- 
handlung von Heuser und Braun befand. Bald 
aber ging Mohr in das Journalistenfach über und 
war an der „Hessischen Volkszeitung" thätig, in 
deren belletristischen Beilage 1868 auch die Er 
zählung „Roth-Weiß", die ihn in Hessen populär 
gemacht hat. zuerst erschien, wie auch die weitere 
Erzählung ans der westfälischen Zeit „Die blaue 
Dame". Nachdem 1870 bei Ansbruch des Kriegs 
das genannte Blatt eingegangen war, gab Mohr 
die Wochenschrift „Der Casseler Salon" heraus, 
dessen meiste Beiträge von ihm selbst herrührten. 
Er hatte bei Gründung dieses Unternehmens 
jedenfalls das im Sinn, was erst siebzehn Jahre 
später Ferdinand Zwenger mit der Herausgabe 
des „Hessenland" gelingen sollte. Die Zeit zu 
einer literarischen Sammlung des hessischen Wesens 
war noch nicht gekommen, und so hörte der „Casseler 
Salon" nach ungefähr dreivierteljährigem Bestehen 
Ende 1871 zu erscheinen ans. Nun entschloß sich 
Mohr, seine Kenntnisse in anderer Weise zu ver 
werthen, und trat in den Eisenbahndienst, in 
welchem er als Sekretär erst in Nvrdhausen, als 
dann in seiner hessischen Heimath, in Eschwege, 
wirkte. Seit wenigen Jahren im Ruhestand, war 
er nach Kassel übergesiedelt, wv er nun an der 
Schwelle des Greisenalters dahingegangen ist, nach 
dem seine Gattin bereits früher abberufen worden 
war.
	        

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