Full text: Hessenland (14.1900)

176 
fürwar das ist erlogen; 
du aber bist vor Gengen der stabt 
schendlichen auß dem selb entflogen. 
O löblicher leiser, folge dn mir, 
fürwar ich mein es gut mit dir: 
laß dir kein stillstand machen, 
(es geschicht warlich auß arger list) 
dann er an allen orten schlüpfrig ist, 
gib achtnng auf die fachen. 
Wirstn nicht warten diser fach, 
so macht dir der Heß den Türken 
und Franzosen wach; 
was kannstn dann beginnen? 
so wirstu gedenken an mein wort, 
dn wirst es gewißlich finden. 
Daran fügt sich ein Lob des Kaisers, eine 
nochmalige Mahnung an den Landgrafen unb ein 
Hinweis auf den Verfasser des Lieds: 
„Der dis lied new gesungen hat, 
ein frommer reuter ist er genant, 
er hat es wol gesungen." 
Dem Schluß schließen sich noch mehrere „Sprüche" 
an, deren letzter die Ueberschrift trägt: „Der groß 
und getorst adeler" und vor Hochmuth warnt. 
Dem Landgrafen wird zugerufen: „Wer zu hoch 
will steigen, der muß zuletzt ein bettler bleiben." 
jftic Papiere, welche sich im Nachlasse Meyseu- 
Mil' bug's vorfanden, sind von einer Hand in die 
'^r andere gegangen, von einem Orte zum andern 
geschleppt worden, so daß viel verloren ging, oder 
vernichtet wurde. Viele der von mir vorgefundenen 
Briefe, denen ich keinen besonderen Werth beilegte, 
sind von mir den Flammen übergeben worden, 
da ich nicht ahnte, daß viele von ihnen mir noch 
einmal zur Vertheidigung des Mannes, an den 
sie gerichtet waren, von Wichtigkeit und Nutzen 
sein könnten. Dem Wenigen, was noch vorhanden 
ist, entnehme ich folgende, ans das Verhältniß 
Meysenbug's zur Kurfürstin bezügliche Notizen, 
indem ich zugleich eiuen der von der Kurfürstin 
eigenhändig geschriebenen, an Meysenbug gerichteten 
Briefe hier anfüge. Ich gebe den Brief wörtlich 
und in der Original-Schreibweise: 
„Mein lieber Herr Minister! Schon einmal 
hatten Sie die Gefälligkeit einen Bries an den 
Kurfürst zu besorgen, wie ich ihm um Erlaubniß 
bat den Hauptmann von Stockhausen als 
Cavalier nehmen zu dürfen — etwas ähnliches 
trit jetzt ein. 
O landgraf, du handelst nicht nach fürstlichen eren, 
ich sag, dis spil mag sich bald umbkeren, 
daß du nach mußt das frombde gut 
bezalen mit deim eigen blut. 
O landgraf von Hetzen, 
was haftn dich vermeßen, 
daß bit deine ehr und eidespflicht 
kegen deim natürlichen Herren 
allein auß verblendtem neid 
alsv frevelicher hast vergessen! 
Daß in Hessen und auch sonst an manchen 
Orten Deutschlands schon damals anders über 
Landgraf Philipp gedacht wurde, braucht kaum 
hinzugefügt zu werden. 
Im Jahre nach den oben berührten Ereignissen 
gerieth Philipp in die Gefangenschaft des Kaisers, 
in der er Jahre lang ausharren mußte. Infolge 
seines Unglücks schlug die Stimmung zu seinen 
Gunsten selbst da um, wo man seiner fürstlichen 
Politik entgegen gewesen war. Aus den Jahren 
seiner Gefangenschaft ist „ein newes klaglied 
Philips landgras auß Hessen" vlämischen Ursprungs 
bei Liliencron abgedruckt, welches zu dem Schönsten 
gehört, was die Volkspoesie ans diesem Gebiete 
geschaffen hat, und demnächst mitgetheilt werden soll. 
28. ch. 
Meine 2te Hofdame, Frl. v. Buttlar wird 
sich wahrscheinlich bald verheiratheu und ich 
gedenke ihren Platz durch Frl. Karoline. älteste 
Tochter der verw. Majoriu v. GaU, geb. 
v. Wilmowskh zu besetzen. — Sie ist gut 
erzogen, aber ohne Vermögen und die Kleiu- 
nichte einer Freundin meiner seligen, theuern 
Schwiegermutter. Wenn der Kurfürst mit 
meiner Wahl zufrieden ist, wünschte ich wohl, 
daß er die Güte hätte es mir zu schreiben, 
damit ich das Weitere verfügen tönte. Noch 
immer werde ich hier durch die Folgen meines 
unglücklichen Falles (in Meiningen) zurückge 
halten, an welchem Sie innigen Antheil ge 
nommen haben. — Schließlich ergreife ich mit 
Freuden diese Gelegenheit, mein lieber Herr 
von Meisebuch, um Ihnen die Versicherung zu 
erneuern, daß auch entfernt ich den aufrich 
tigsten Antheil nehme an Alles was Ihnen 
Glückliches oder Trauriges begegnet. — Herzlich 
mußte ich bedauern den herben Verlust, der vor 
einiger Zeit Ihnen traf und sich nicht leicht 
sobald verschmerzen läßt! 
— 
Freiherr Karl Uivalier von Meysenbug. 
Kurfürstlich hessischer Staatsminister. 
Von Hermann Freiherrn von Meysenbng-Lauenau. 
(Fortsetzung.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.