Full text: Hessenland (14.1900)

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In diesem Lager zu Sontheim unterzeichnete 
der Kaiser am 27. Oktober die Akte, welche den 
sächsischen Knrhut ans Herzog Moritz übertrug. 
Alsbald traf in beiden Lagern die Kunde ein, 
daß am 30. Oktober König Ferdinande Truppen 
ans Böhmen in Sachsen eingebrochen seien und 
die sich ihnen entgegenstellenden thüringischen 
Haufen bei Adorf zersprengt hätten und daß sich 
in solcher Noth die knrsächsischen Städte und 
Länder, um sich wenigstens vor den Ungarn zu 
sichern, lieber dem nun einrückenden Herzog Moritz 
ergäben. 
Diese Nachricht, verbunden mit den Schwierig 
keiten der vorgerückten Jahreszeit und der Er 
schöpfung an Geldmitteln nöthigten die Pro 
testanten, am 22. November das Lager zn Giengen 
abzubrechen und sich zu trennen. Der Kaiser 
verfolgte sie am 23. November nur bis Herbrech 
tingen und kehrte dann in sein Lager zurück. 
Der Landgraf zog geraden Wegs, der Kurfürst 
von Sachsen auf dem Umwege über Schwäbisch- 
Gmünd und Heilbronn durch die stiftisch mainzi 
schen und suldaischen Gebiete, durch deren Kon 
tributionen er den rückständigen Sold seiner 
Truppen deckte. 
Das deutsche Volk nahm an den politischen 
Ereignissen jener Tage lebhaften Antheil. Es 
zeigt sich sein gesammtes politisches Interesse den 
großen nationalen Angelegenheiten zugewandt. 
Das blieb nicht ohne Einfluß auf die politische 
Volksdichtung; diese erreicht vielmehr nicht zufällig 
gerade um die Mitte des 16. Jahrhunderts ihre 
bedeutendste Anspannung und ihren Höhepunkt. 
Die hervorragenden Momente der Geschichte 
jener für unser Vaterland so entscheidnngsvollen 
Jahre finden sich in den Dichtungen in solcher 
Weise vertreten, daß sich aus ihrer Zusammen 
stellung ein zusammenhängendes Bild der Zeit 
ergiebt. 
Unter den Liedern, welche in der Sammlung der 
„historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 
16. Jahrhundert" von R. von Liliencron, 
Bd. 4, der wir hier folgen, wiedergegeben werden, 
sind nicht weniger als neun (S. 353—383), die 
den für die Sache der evangelischen Stände un 
glücklichen Feldzug des Jahres 1546, dessen Ver 
lauf oben nach Liliencron kurz geschildert ist, be 
handeln, durchweg nicht ohne dem siegreichen Kaiser 
besondere Achtung zu zollen und die Unterlegenen 
zu verspotten. Landgraf Philipp bekam von diesem 
Spott ein erhebliches Theil zu fühlen, naturgemäß 
wohl deshalb, weil er die bedeutendste Persönlich 
keit auf evangelischer Seite „dis spils ein ane- 
fang“ war. Einen verhältnißmäßig großen Ein 
druck ans die Zeitgenossen dürfte von diesen Liedern 
das bei Liliencron unter Nr. 537 (S. 359—362) 
abgedruckte gemacht haben, da es, wie neuerdings 
(1899) von K. Euling im Jahrbuch des Vereins 
für niederdeutsche Sprachforschung S. 133 fs. 
dargelegt worden ist, schon gleichzeitig in das 
Niederdeutsche übertragen wurde. 
In der hochdeutschen Fassung, in der Liliencron 
das Gedicht abdruckt, lautet die Ueberschrift: 
„Ein new es lieb, keis erlich er majestat zn 
lob und ehren des löblichen zuges, so sein 
keiscrliche majestat anno 1546 wieder den 
Langrafen von Hetzen und sein bnndgenoßen 
gethan hat." 
Der Eingang lautet: 
1. Frölich so will ich heben an 
als gut als ich gelernet han 
ein neuwes lied zn singen 
von Kaiser Karl, der fünft genant, 
got helf. daß im gelinge! 
2. Im sechs und vierzigsten, das ist war, 
bracht er zusamen ein große schar 
von reutern und landsknechten. 
vor Ingolstadt im Beierland, 
dann er ward getrungen zu fechten. 
3. Philips landgraf zu Hetzen genant, 
der ist dis spils ein anefang, 
ist war und nicht erlogen. 
Nun folgt eine Aufzählung alles dessen, was 
Philipp „keiserlicher majestat zu trotze" gethan, 
wie er die bischöfliche Jurisdiktion in seinem Lande 
beseitigte, wie er am Charfreitag des Jahres 1529 
während des Reichstags zn Speyer Wölfe gejagt 
hätte, um andre zu verleiten, die Passion nicht 
zu hören — was übrigens sonst nicht bekannt ist , 
wie der Herzog Ulrich von Württemberg von ihm 
wieder in sein Land eingesetzt sei, wie er im 
Jahre 1545 „im keiserlichen friden hat den fürsten 
von Braunschweig (Herzog Heinrich) vou landen 
und leuten vertriben". 
Es wird dem Landgrafen dann schon für diese 
Unthaten Gottes Strafe angedroht, der „dem 
keiser die rathen geben" werde. Der Landgraf sei 
durch seinen Aufruhr in den „Orden" der schwarzen 
Hausen des Bauernkriegs von 1525 getreten. 
Im Weiteren berührt die Dichtung die politischen 
Vorgänge des letzten Jahres nochmals eingehender, 
zumal den Handel mit Herzog Heinrich von 
Braunschmeig, weist darallf hin, daß der Langraf 
vorhabe, Franzosen und Türken zu erwecken, 
„alsdann kannestu bester batz 
dein Mutwillen weiter strecken". 
Daraus geht die Dichtung auf die neuesten politischen 
Ereignisse ein. Hierüber heißt es: 
Du hast ins land zu Lachsen geschriben, 
wie du den keiser vor Ingolstadt 
habst autz seim lager getriben.
	        

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