Full text: Hessenland (14.1900)

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wer hätte gedacht, daß dieses Kassel so schnell, so 
unaufhaltsam von dieser unglücklichen Influenza 
würde befalle» werden, welche für den guten 
Geschmack weit verderblicher sein muß, als die be 
rüchtigte Schnuppen-Jnfluenza vor einigen Jahren 
für die Gesundheit war. Und doch ist es in der 
That so. Es ist zum Erstaunen, wenn man sieht, 
mit welchem Eifer man sich in das Schauspiel 
haus stürzt. Und das geschieht nicht etwa nur 
von Leuten aus den mittlern Ständen, denen man 
es nicht zumuthet, seinen Geschmack zu haben; von 
solchen, welche die französische Sprache nicht ver 
stehen; oder von wenigen halbgelehrten Pedanten, 
welche sich für Ritter des Deutschen ausgeben und 
in ihrer Albernheit wohl gar behaupten, kein 
Deutscher könne französische Sprache und Sitten 
so völlig inne haben, daß er ein französisches 
Schauspiel gehörig verstehen und beurtheilen, und 
den gehörigen Nutzen daraus ziehen könnte; nein, 
zu meinem großen patriotischen Schmerze habe ich 
gesehen, daß selbst die angesehensten besten Häuser 
und der sonst größtentheils so geschmackvolle Kasselische 
Adel, welcher noch kürzlich das Französische so 
sehr liebte, daß wohl nur wenige darunter waren, 
die sich nicht geschämt hätten, richtig deutsch zu 
sprechen, daß selbst diese von der allgemeinen 
abderitischen Krankheit angesteckt sind, und die 
Offiziere sich nicht scheuen, bei allen Beisalls 
bezeugungen die ersten 311 sein. In allen Gesell 
schaften hört man vom deutschen Schauspiele 
sprechen, und gegen einen kalten prüfenden Kenner 
stößt man aus zwanzig andere, welche wie Be 
geisterte von der Vortrefflichkeit desselben deklamiren 
und nach echt deutschem Geschmack schimpfen und 
schmähen, wenn man nicht über das Marionetten 
spiel entzückt sein will, wie sie. Bei bestem Willen 
kann man sich von Tag zu Tag weniger ver 
bergen, daß die Seuche immer weiter um sich 
greift; schon nagt sie an den stärksten Pfeilern 
der rechtgläubigen Französischgesinnten, und ich 
fürchte alles, wenn man nicht auf schleunige An 
stalten trifft, dem Uebel entgegen zu arbeiten. 
Jetzt will ich Ihnen für Sie selbst noch eine 
kleine Nachricht von den deutschen Schauspielern 
in Kassel geben, damit Sie besser von der Gefahr 
urtheilen können, worin der gute Geschmack daselbst 
schwebt. Der Direktor, von dem die Gesellschaft 
den Namen hat, ist ein gewisser Großmann, 
welcher selbst Schauspiele geschrieben haben soll. 
Er zieht mit seinen Leuten von einem Orte zum 
andern, spielt im Winter gewöhnlich in Mainz, 
Frankfurt u. s. w., im Sommer in einigen Bädern. 
Welcher Unstern ihn diesmal nach Kassel geführt 
hat, weiß ich nicht. Genug, er ist da und spielt 
seit zwei Monaten — Tag und Nacht, hätte ich 
bald gesagt; im Ernste wöchentlich fünfmal. An 
Menschen fehlt es nicht, aber an Schauspielern 
gar sehr. Sie können nicht glauben, wie steif, 
wie unschicklich, rauh, widrig, kurz wie unerträglich 
alles ist. Sie sprechen zwar alle deutsch, wie es 
in Kassel niemand spricht; sie sprechen ziemlich 
schriftmäßig, und auch meistens sprachrichtig; aber 
ihre Aussprache ist so gemein, ihr son de voix 
so unausstehlich, ihre Deklamation so markt 
schreiermäßig, daß es zum Ekel ist, sie anzuhören. 
Sie haben keinen Begriff von Veredlung ihrer 
Rolle, und spielen einen Bauer so natürlich, als 
wenn sie es selbst wären. 
Groß mann, der Direktor, spielt selbst mit, 
zuweilen nicht übel; sein Ton ganz mäßig, und 
der Ausdruck richtig, aber natürlich hin, wie ihm 
der Schnabel gewachsen ist. Seine kleine Gestalt, 
die Unfähigkeit das R auszusprechen, und die ver 
dammte lebhafte Beweglichkeit macht ihn, wie alle 
seine Genossen, zu vornehmen Rollen ganz unfähig. 
Seine Tochter*), ein junges Mädchen, soll ganz 
gut singen, spricht aber, daß einem die Ohren 
gellen, schreiend und ohne Ausdruck. Dlle. Bösen 
berg habe ich einmal wirklich vortrefflich singen 
hören, auch spielte sie einen kleinen Wildsang von 
Jungen recht gut. Schade, daß sie durch ihre 
Vorzüge die Einheit des Ganzen stört und eine 
Deutsche ist. Herr Bösenberg macht Nebenrollen: 
Bediente, Gastwirthe, den Sattler in ,Nicht mehr 
als sechs Schüsseln'**) u. dgl. Herr Unzelmann 
macht Bedienten, Soldaten, Pedanten, liederliche 
Wildsänge, alte Männer und Hamlet, und hat 
eine lange Nase. Herr Ruth spielt alte steife 
Soldaten, Väter u. dgl., auch den König Lear; 
es ist ein Glück, daß er eine abscheulich heulende 
Stimme hat, sonst würde man wahrhaftig für 
einen Deutschen zu wenig an ihm auszusetzen 
haben. Mit Herrn Sommer, Wiedemann, Lippert, 
Mde. Cassini, Ruth, Wolschowsky, den Herrn 
Storbük, Diezel, Cassini u. s. w. lassen Sie mich 
kein Papier mehr verderben. Die Stücke, welche 
ausgeführt werden, sind wie die Personen. Da 
ist kein Schatten von dem Geistreichen eines Figaro, 
von dem Anziehenden, Unterhaltenden einer belle 
Arsene, oder Azer et Zemire, von dem Edlen, 
Witzigen, Anständigen eines l’on fait ce qu'on 
peut, et non pas ce que Ton veut, oder eines 
tableau parlant u. s. w. Lauter Machwerk wie 
.Der deutsche Hausvater', .Die Räuber', .Nicht 
mehr als sechs Schüsseln', ,Romeo und Julie', 
.Der Alchemist', ,Tie Torfdeputirteu', .Verbrechen 
*) Gemeint ist die Stieftochter Grvßmann's. Friederike 
Flittner, eine muntere, naive Soubrette. 
**) Drama von Direktor Großmann (1780).
	        

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