Full text: Hessenland (14.1900)

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eines lärmenden Straßenruhmes den Ruhm 
suchte, vor seinem Herrgott und seinem eignen 
Gewissen im stillen Kämmerlein sich sagen zu 
können, das Beste unter Nichtachtung aller Ge 
fahren für seine Familie und seine eigne Person 
erstrebt zu haben, als „gefügiger Hofmann" ge- 
brandmarkt wird. Denn eine Brandmarkung 
nenne ich es, jemanden — besonders im Gegen 
satze zu den „ehrenwerthen Ministern" — so zu 
bezeichnen. 
Es kann nun aber — selbst vorausgesetzt, daß 
wirklich die beiden „ehrenwerthen" Minister Witz 
leben und Krasft „angeekelt" ihre Entlassung 
gefordert hätten — sehr wohl die Frage aufge 
worfen werden, was als ehrenwerther angesehen 
werden muß, ob ein Berlassen des Postens in 
schwerer Stunde oder ein wüthiges Ausharren 
und Weiterkämpfen. Schließlich kommt aber noch 
hinzu, daß die beiden „ehrenwerthen" Minister Witz 
leben und Krasft gar nicht in die Lage gekommen 
sind, „angeekelt ihre Entlassung zu fordern". Ich 
entnehme zwei Briefen folgende auf diesen Vor 
fall bezügliche Stellen: 
„Sehr traurige Ereignisse, die auch Dich ge 
wiß mit lebhafter Theilnahme erfüllen werden, 
haben uns die letzten Tage getrübt. Herr 
von Starkloff ist mit 600 Thalern aus Warte 
geld gesetzt. Du kannst Dir denken, welche 
Zerstörung dieser Schlag in der schon so un 
glücklichen Familie hervorgebracht hat. Er be 
hält noch die 500 Thaler von der Post — 
aber statt 3000, die er bisher hatte, jetzt 
1100! Es ist zu traurig für die armen 
Menschen! Denke Dir, daß ferner Krasft 
als Obergerichtsdirektor nach Marburg ver 
setzt (8i6!) worden ist. Auch ist der Minister 
von Witzleben mit Beibehaltung seines Gehaltes 
und der Verwaltung des Forstwesens in den 
Ruhestand versetzt (sic!) worden. Wie der 
arme Vater (Meysenbug) bei allen diesen Dingen 
gelitten hat, brauche ich Dir wohl nicht zu 
sagen. Du kannst Dir denken, wie ihn diese 
Sachen gedrückt und betrübt haben." 
Ferner berichtet ein anderer Brief aus derselben 
Zeit: 
„Krafft ist ans dem Ministerium nach Mar 
burg als Direktor des dortigen Obergerichts 
versetzt worden. Krafft ist sehr unzu 
frieden mit seiner Versetzung. Einstweilen 
ist er auf einige Tage nach Marburg gereist, 
um sich eine Wohnung zu miethen." — - — 
Also, der „ehreuwerthe" Minister, der „an 
geekelt" seine Entlassung fordert, ist „sehr un 
zufrieden", als er seinen Ministerposten auf 
geben muß! Ich will hier noch einschalten, daß 
Krafft ein intimer Freund Meysenbug's war, daß 
also weder ein Grund vorliegt, zu glauben, die 
Meysenbug'sche Familie sei nicht genau über die 
Art, wie Krafft ans dem Ministerium schied und 
wie er seine „Versetzung" aufnahm, orientirt 
gewesen, noch auch, daß sie einer absichtlichen 
Entstellung der Thatsachen sich schuldig gemacht 
habe. 
Ich nehme jetzt die Besprechung der Citate aus 
dem vierten Theile wieder aus, die Meysenbug als 
Parteigänger der Gräfin Reichenbach hinstellen. 
Ich habe schon erwähnt, daß Meysenbug durch 
seine Stellung als Geheimer Kabinetsrath häufiger 
wie jeder andere in die Lage kommen mußte, 
mit den intimen Verhältnissen der kurfürstlichen 
Fanülie sich zu beschäftigen. Daß er die Lage 
derselben tief beklagte und stets beflissen war, die 
Mitglieder der kurfürstlichen Familie in versöhn 
licher Weise einander zu nähern, geht aus allem 
hervor, was ich noch von schriftlichen Auszeich 
nungen aus der damaligen Zeit besitze und was 
mir durch mündliche Ueberlieferungen bekannt ge 
worden ist. Daß er die Gräfin Reichenbach nicht 
beseitigen konnte, daß er wohl gar gezwungen 
war, zur Vermeidung noch ärgern Skandals und 
größerer Konflikte, sich ans ein Paktiren mit solchen 
Verhältnissen einzulassen, lag in seiner Stellung. 
Ich möchte einmal wissen, ob es jemals einen 
Kabinetsrath irgend eines Fürsten gegeben hat, 
der es gewagt Hütte, sich in die Herzensangelegen 
heiten seines Herrn zu vertiefen und das Ablassen 
seines Herrn von seinen Herzensneigungen er 
trotzen zu wollen! Ebensowenig wie es einen 
solchen gegeben hat, wird man einen finden, der 
init redlicherem Bemühen, mit mehr männlichem 
Muthe den traurigsten Verhältnissen sich gegen 
überstellte, wie Meysenbug dies gethan hat. Nie 
mand Geringeres, wie die Kurfürstin selbst hat 
dies anerkannt, indem sie zu Meysenbug bis an 
ihr Lebensende ein wohlwollendes Verhalten be 
obachtete. Würde die Kurfürstin „den Wider 
willen der Frau, den Stolz der Hvhenzollerin", 
dem Parteigänger, dem Vertranten ihrer bittersten 
Feindin gegenüber soweit zu überwinden im Stande 
gewesen sein, mit ihm in wohlwollendster Weise 
zu verkehren? 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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