Full text: Hessenland (14.1900)

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Wäre in solch' niederbeugenden Lagen nns 
nicht der Trost der Religion, der feste Glauben 
an einen ewig waltenden Lenker unserer Schick 
sale, an den allweisen und allgütigen Bater 
geblieben; wie würden wir nicht unterliegen 
müssen! Und doch ist es Pflicht, besonders mit 
dem Hinblicke auf die hinterlassenen Unmün 
digen , sich zu ermannen, zuversichtlich zu 
hoffen, daß der, der solch' Unglück über uns 
verhängte, dagegen wieder sorgen wird für die 
der Vorsorge Bedürftigen; seine Wege sind ja 
überall weise und aus das Beste gerichtet, wenn 
auch für uns dunkel und nicht zu ergründen. 
Daß der theure Hingeschiedene sein nahes Ende 
nicht geahnet, daß er nicht lange gelitten, ist 
eine Wohlfahrt für ihn; wie würde ihm nicht 
das Scheiden schwer geworden seyn aus dem 
liebenden Kreise der Seinen!" 
Kurz nach dem schreibt er an seine Schwieger 
tochter als Antwort auf einen Geburtstags-Gratu 
lationsbrief: 
„Meine geliebte Sophie! Bedürfte es einer 
Versicherung, daß Deine Zeilen vom 30. v. Ms. 
mir große, sehr große Frende machten, daß die 
bittenden Wünsche erfüllt würden, ja, es schon 
gewesen seyen, ich würde sie Dir hiermit auf 
richtig und aus dem Innersten meines Herzens j 
geben; doch so wenig ich glauben mag, daß 
Du daran zweifeltest, so wenig will ich weit- j 
läufiger mich äußern darüber, daß ich, der ich 
mit Dir den allzufrühen Hingang meines ge 
achteten, brüderlich geliebten Freundes tief und 
schmerzlich beklage, vom Eintritt dieses Trauer 
salles au fest entschlossen war. Dir, so viel ich 
dies vermag und die Verhältnisse es zulassen, 
nunmehr allein Vater im ganzen Sinne des 
Wortes seyn. Dir die Erinnerung an den Ver 
lust des theuren Verblichenen weniger bitter 
machen zu wollen; und so verbinde ich mit 
dieser kurzen herzlichen Versicherung nur meinen 
Dank für Deine Wünsche an dem Tage, der 
mich abermals ein Lebensjahr beschließen, ein 
nenes antreten ließ von denen Jahren, von 
denen man zu sagen pflegt: „sie gefallen uns 
nicht". Allein undankbar würde ich gegen die 
Vorsehung seyn, wenn ich nicht erkennen wollte, 
wie, im Vergleich zu meinen Zeitgenossen, ich 
nur mit wenigen derselben das Glück einer 
rüstigen, mit nicht vielen Beschwerden ver 
bundenen Gesundheit genieße. — Immerhin, 
meine liebe Sophie, wer weiß, wie lange 
meines Bleibens hinieden noch sein wird! — 
So lange es aber der Fall ist, bleibt Dir, bleibt 
meinem Carl meine väterliche Liebe, mein Beystand 
mit Rath und That unwandelbar gewidmet." 
Ein solcher Vater — das Werkzeug in den 
Händen einer Maitresse! 
Ehe ich in der Besprechung der oben ange 
führten Citate des vierten Theiles fortfahre, greife 
ich hier auf das die Person Meyseubug's be 
rührende des dritten Theils zurück. 
In dem dritten Theile des 26. Bandes der 
Staatengeschichte der neuesten Zeit steht Seite 534 
bezüglich Meyseubug's zu lesen: 
„Die beiden ehremverthen Minister Witzleben 
und Krafft forderten endlich angeekelt ihre Ent 
lassung. Nun blieben nur noch Minister 
Schminke, ein bequemer Schlemmer, und der 
zum Freiherrn von Meysenbug erhobene Cabi- 
netsrath Rivalier, der znweilen einmal eine Ge 
waltthat verhinderte, aber auch nur ein gefügiger 
Hofmann war." 
Ein wunderbarer Satz! Meysenbug war ein 
gefügiger Hofmann, dennoch aber gelang es ihm, 
einem „Despoten, der gänzlich verwildert, thierisch 
in seinem Jähzorn war", „vor dessen Mißhand 
lungen niemand sicher war" (111. Theil, S. 531) 
gegenüber „zuweilen einmal" eine Gewaltthat zu 
verhindern ! 
Wenn einem solchen despotischen Wütherich 
gegenüber ein Manu es durchsetzen würde, auch 
nur einmal eine Gewaltthat zu verhindern, daun 
sollte er dadurch für immer vor dem Vorwürfe, 
„ein gefügiger Hofmann" zu sein, Schutz ftnden. 
Meysenbug hat aber nicht einmal seine Stellung 
und das nur aus diese Stellung basirte Wohl 
seiner großen Familie auf's Spiel gesetzt, um den 
„Despoten" au „Ausführung einer Gewaltthat 
zu hindern", oder um ihm irgend eine dem 
Volkswohle zu gut kommende Maßnahme abzu 
ringen, nein, oft hat er mit männlichem Frei- 
muthe — hauptsächlich in Bezug auf die Be 
stimmungen der Verfassung —- dem „Despoten" die 
Stirn geboten, obgleich ihm hier nur in möglichst 
wegwerfender und seine Verdienste möglichst zu 
verringern suchender Weise ein „zuweilen einmal" 
zugestanden wird. 
Und wenn auch nur „zuweilen einmal" —, 
wo sind denn die andern Männer, die dies auch 
nur „zuweilen einmal" fertig gebracht hätten?! 
Diejenigen, die sich das billige Vergnügen 
machten, mit hochtrabenden Redensarten und un 
erfüllbaren Versprechungen die urtheilslosen Volks- 
Haufen für sich zu gewinnen und zu allerhand 
Ausschreitungen zu verleiten, wodurch sie nur er 
reichten, daß der „Despot" noch hartnäckiger und 
verstockter und schließlich von seinem Sohne, der 
„das Volk mit Skorpionen statt mit Ruthen 
züchtigte", abgelöst wurde, si e werden als Freiheits 
helden verherrlicht, während der Manu, der statt
	        

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