Full text: Hessenland (14.1900)

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entringt es sich seinem wundeil Herzen. Die 
fromme Beterin schreckt aus, starr, todtenbleich 
blickt sie ihn an, sie wankt, einer Ohnmacht nahe, 
da eilt er hinzu, sie liegt in seinen Armen, er 
fühlt ihren glühenden Athem, wie Feuer fällt es 
versengend in seine Seele, er küßt sie leidenschaft 
lich, hingerissen, der Sinne nicht mehr mächtig. 
Dann reißt er sich los; wie von Furien gepeitscht, 
die Hände vor's Gesicht geschlagen, eilt er zur 
Kirche hinaus tief in den Wald hinein. . . . 
(Schluß folgt.) 
Seine Augen. 
Mb die Augen grau und schlau 
Mder mild und himmelblau, 
Mb sic lächelnd um sich sch'u, 
Fromm verklärt zuin Fimmel fleh'n —, 
Mder dunkel wie die Nacht 
Neben ihre Zaubermacht, 
Rann für Thoren nur allein 
Michtig und bedeutsam sein. 
Jedes Aug' ist ein Gedicht, 
lvenn die Seele daraus spricht; 
Doch die wunderbarsten sind 
Deine Augen, liebes Rind; 
Denn aus ihrer dunklen Nacht 
Leuchten Mond und Sternenpracht, 
And der Schönheit Sonnenschein 
Glänzt aus Deinem Antlitz drein! 
Jir. Kwrnfeck. 
Airs ctl'ter urtò neuer: Zeit. 
Anfang des 19. Jahrhunderts in Hessen. 
Bekanntlich ist obrigkeitlicherseits der Beginn des 
neuen Jahrhunderts auf den 1. Januar 1900 
festgesetzt. Auf diese Weise hat das 19. Jahr 
hundert für das ehemalige Kurhessen ein Jahr zu 
wenig gehabt, selbiges wurde nämlich in Hessen 
nicht mit dem 1. Januar 1800, sondern mit dem 
1. Januar 1801 begonnen. Der Beweis für diese 
Aufstellung wird durch folgende Stelle der Hes 
sischen Z e i t n n g (4. Stück vom 7. Januar 1801) 
erbracht. Ans Hersfeld wird dort unter dem 
1. Januar berichtet: 
Heute wurde hier der Antritt des neuen 
Jahrhunderts festlich begangen. Bei dem vor 
mittägigen Gottesdienste hatte eine passende Predigt 
sowohl als die wohlbesetzte Vokal- und Instru 
mentalmusik Bezug auf die Feyer des Tages; am 
Abend wurde das Rathhaus durch die vortreffliche 
Anstalt des amtsführenden Herrn Bürgermeisters 
Schröder sehr geschmackvoll und besonders mit 
einigen transparenten Parthien erleuchtet, wo man 
folgende Inschriften las: Dem durchlauchtigsten 
Fürsten, Wilhelm dem Neunten, dem Vater des 
Vaterlandes, zur Feyer des neunzehnten 
Jahrhunderts in tiefster Dankbarkeit gewidmet 
von der Stadt Hersfeld — und Seegen ströme 
aus Hersfelds Bürger herab! Die Zöglinge des 
hiesigen Gymnasiums ließen ein Gedicht durch 
ihren würdigen Hrn. Conrector Kraushaar aus 
theilen, das sie Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht, 
dem regierenden Herrn Landgrafen überreicht hatten. 
Am Abend war auf dem Rathhanse großes Souper 
und Ball. 
Die sonst lediglich die amtlichen Bekanntmachungen 
enthaltende Casselische Policey- und kom 
me r z i e n - Z e i t u n g brachte in ihrer Nummer 
vom 29. Dezember 1800, 1801 tes Jahr, 1. Stück, 
zur Feier der Wende des Jahrhunderts folgenden 
„Unterthünigst ehrerbietigsten Wunsch an des Re 
gierenden Landgrafen Wilhelm des Neunten Hoch- 
fürstl. Durchlaucht von der Haupt- und Residenz- 
Stadt Cassel, 1801": 
„Da fließt zum Meere der Vergangenheit 
Der hundertjährge Tropfen hin der Zeit, 
Noch, ach! gefärbt mit Blut! das Jahr auf Jahr 
Der Thronen Graun, der Völker Jammer war. 
Du Schreckensbild! entweihe nicht den Tag, 
Der dieses Jahr zum Frieden weihen mag! 
O, steige Himmels-Kind, herab zum Fest, 
Das beßre Zeit die Menschheit feyern läßt! 
Noch liegt im Staube schmachtend manches Land. 
Die Hände Tausender nur eine Hand, 
Gefaltet ringend zu des Himmels Höhn; 
Hier Mütter, die den Gatten sich erflehn, 
Den Vater Kinder hier, er sich den Sohn, 
Bang' Völker ihre Aerndteu sich vom Thron. 
O Hessen! Dir hat Wilhelm ihn verliehn. 
Den Frieden — Ja! Dein Jubel feyre ihn! 
Beglücktes Volk! Aus deinen Hütten stieg 
Kein Seufzer auf. erpreßt durch Feind, durch Krieg; 
Es schlug kein Blitz in deine Vesten ein, 
Die Aerndte blieb in vollen Scheuren dein. 
Der Oelzweig, schön gewunden um Sein Schwerdt, 
War mehr Ihm als der blutge Lorbeer werth. 
Den, ach! so oft nur Schlacht, nur Raub, nur Brand 
Um kämpfender Erobrer Scheitel wand.
	        

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