Full text: Hessenland (14.1900)

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So wurde für Brandenburg vorläufig am Nieder 
rhein nichts Greifbares erreicht, zumal Landgraf 
Moritz von seinen eigenen Ständen im Stich ge 
lassen wurde, die keine Anhänger von dessen Groß- 
machtspolitik waren. Der Kaiser ließ die Jülich- 
schen Lande durch Tilly sequestriren. Das Ver 
hältniß zwischen Johann Sigismund und Landgraf 
Moritz blieb aber dennoch das alte freundschaftliche. 
Der Landgraf unterstützte den Kurfürsten noch immer 
mit seinem Rathe und vermittelte n. a. die Ver 
mählung König Gustav Adolfs von Schweden mit 
der brandenburgischen Prinzessin Marie Eleonore. 
Hier ist auf die Haltung des Landgrafen im 
Jülich-Kleveschen Erbsolgestreit deshalb soweit ein 
gegangen, weil derselbe auf die Eigenart der 
politisch-diplomatischen Thätigkeit des Landgrafen 
einiges Licht wirft. (Wegen der berührten That 
sachen s. Wachenfeld, „Die politischen Beziehungen 
zwischen den Fürsten von Brandenburg und Hessen- 
Kassel", Hersseld 1884, S. 30-40.) W. K. 
Freiherr Kart Urvalier von Meysenbug, 
Kurfürstlich hessischer Stuatsministrr. 
Bon Hermann Freiherrn von Meysenbug-Lauenau. 
(Fortsetzung.) 
achdem Meysenbug von Wilhelmshöhe nach 
T\. Kassel hereinkommend zur Verlobung seines 
1 ältesten Sohnes mit einer Harnier seine 
Zustimmung gegeben hatte und am Abend nach 
Wilhelmshöhe zurückgekehrt war, richtete er noch 
folgende Zeilen an seinen Sohn: 
„Da wir und jetzt so selten sehen und 
— wenigstens ausführlicher — sprechen, lieber 
Fritz, und ich die Aussicht habe, auch morgen 
vielleicht nur wenige Augenblicke mit Dir zu 
sammen zu seyn, so muß ich in diesen Zeilen 
meinem Herzen Lust machen und Dich versichern, 
daß ich gestern einige der frohsten und glück 
lichsten Stunden zugebracht habe. Der Wahl, 
welche Dil getroffen hast, kann ich nur meine 
vollkommenste Zustimmung geben und darüber 
die zuversichtliche Erwartung aussprechen, daß 
Deine Caroline Dein Lebensglück begründen wird. 
Herzlichst linb innigst freue ich mich, eine solche 
Tochter in unseren Familienkreis aufzunehmen, 
für welchen sie eine wahre Zierde seyn wird. 
Ich werde stolz daraus seyn, sie meine Tochter 
nennen zu können; sie hat mich wahrhaft ent 
zückt. Mache Du Dich, mein lieber Fritz, ihres 
Besitzes werth! 
Der gütige Himmel, welcher alle mir An 
gehörigen bisher so sichtbar schützte und be 
glückte, möge auch über Euch, meine Geliebten, 
seinen reichsten Seegen ausschütten und mich 
die Freude erleben lassen, Zeuge Eurer glück 
lichen Verbindung zu seyn! Empfiehl mich 
Deiner theuern Caroline aufs zärtlichste und 
halte Dich der ewigen Liebe versichert Deines 
treuen Vaters." — 
Bei einer andern, traurigen, Gelegenheit, als 
der Schwiegervater seines dritten Sohnes gestorben 
war, schreibt er an den letzteren: 
„Unsere Correspondenz wieder anzuknüpfen, 
habe ich heute den traurigsten Anlaß! 
Die gestern durch Malwida erhaltene Nachricht 
von dem so unvermutheten Hintritte Deines 
redlichen Schwiegervaters, mein lieber Carl, hat 
mich tief ergriffen! 
Genoß zwar der Hingeschiedene keiner dauern 
den Gesundheit, hatte er gleich öfters mit 
schmerzlichen Leiden zu kämpfen, so war er 
doch noch in einem Alter, in welchem gewöhnlich 
die Natur noch widerstrebt und Manches er 
duldet. Grade sein Uebel läßt oft, wenn gleich 
kränkelnd, alt werden. 
Die Vorsehung hat es anders gewollt! 
Nur zu häufig, zu unbegreiflich für uns 
Kurzsichtige nimmt sie die Edlen früher von 
hier als so manche unnütz — ja schädlich 
Scheinende! 
In ihm, den nun Verklärten, verlor die 
Welt, verloren die Seinigeu, verloren wir Alle, 
die ihn näher kannten, einen Biedermann von 
echtem Schrot und Korn, einen guten Men 
schen, deren Zahl leider immer seltener wird. 
Als ich Deinen verstorbenen Schwiegervater 
kennen lernte, fühlte ich mich gleich näher zu 
ihm hingezogen; sein offener, redlicher, grader 
Charakter sagte mir eben so sehr zu, als wie 
— so glaube ich — er an mir Gefallen fand. — 
Meine größte Achtung folgt ihm in's Grab. 
Den Seinen, Sophien, Dir, Deiner Schwieger 
mutter meine aufrichtigste, gerührteste Theil 
nahme! Die letztere hat wahrlich harte Prü 
fungen zu bestehen. Kaum sind die Thränen 
über des Bruders schrecklich überraschenden Ver 
lust getrocknet und schon weint sie über den 
härtesten Verlust — den des geliebten Gatten, 
des Vaters der nun verwaisten Kinder!
	        

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