Full text: Hessenland (14.1900)

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„Ew. Liebden allzeit dienstwilliger getreuer bestän 
diger und lieber Bruder bis in meinen Tod", 
erklärte auch, was der Landgraf für ihn gethan, 
sei dem Hause Brandenburg bisher von keinem 
Freunde geschehen. 
Durch diese diplomatische Thätigkeit des Land 
grafen Moritz wurde der Kaiser nicht von that 
kräftigem Handeln zurückgehalten. Erzherzog Leopold 
erhielt am 14. Juli die kaiserliche Vollmacht als 
Kommissar nach Jülich zu gehen und die erledigten 
Reichslehen in kaiserliche Verwahrung zu nehmen. 
Er rückte in Jülich ein und setzte die Stadt in 
Vertheidigungszustand, verfehlte aber nicht, die 
Wappen und Patente der Verbündeten abzureißen, 
die sich nun am 21. August an den Landgrafen 
wendeten und ihn um Waffenunterstützung gegen 
die erzherzoglichen Gewaltmaßregeln angingen. 
Moritz kam erst jetzt in die Lage, die von Kur 
fürst Christian von Sachsen beim Kaiser gethanen 
Schritte zu erfahren, die er alsbald tadelte, weil 
sie geschehen waren, ohne daß der Kurfürst sich 
mit den erbverbrüderten Häusern vorher verständigt 
hatte. Ungeachtet der gemachten Übeln Erfahrungen 
hörte der Landgraf nicht auf, Sachsen gegenüber 
den Weg der Verhandlungen weiter zu wandeln, 
wurde aber von diesem, das sich dadurch nicht ab 
halten ließ, im folgenden Monat Oktober seine An 
sprüche in einer Druckschrift ausführlich und scharf 
darzulegen, dilatorisch behandelt. Moritz hatte noch 
am 25. September dem Kurfürsten von Branden 
burg gerathen, sich mit Sachsen abzufinden, aber 
andererseits doch nunmehr auch gleichzeitig daraus 
hingewiesen, daß es sich empfehlen werde, sich fest, den 
Katholiken gegenüberzustellen und der Union bei 
zutreten, auch den Pfalzgrasen beiRhein in sein Interesse 
zu ziehen, sich zum Vertheidigungskriege zu rüsten 
und sich der Hülse Frankreichs, Englands, Däne 
marks und der Generalstaaten zu vergewissern, ohne 
jedoch selbst mit in den Krieg zu ziehen. Vielmehr 
möge man erst noch einen Versuch unternehmen, 
die Zwistigkeiten durch ein unparteiisches Gericht 
entscheiden zu lassen. 
Allem Anschein nach war Moritz bis dahin aus die 
Bitte der Verbündeten von Jülich-Kleve-Berg um 
Unierstützung nicht eingegangen. Erft ein zweites 
energischer gehaltenes Gesuch um Hülfe vom Oktober 
veranlaßte ihn mit Kurfürst Johann Sigismund in 
die protestantische Union einzutreten, wenn auch unter 
ausdrücklichem Vorbehalt ihrer Erbverbrüderung und 
Erbeinigung mit Sachsen. Auf die Union war 
jedoch kein Verlaß; man habe, sagte man, nur die 
Gebiete der Theilnehmer zu vertheidigen, nicht neue 
Gebiete zu erwerben. Da die kaiserliche Macht 
weiter drohte, setzte sich der Landgraf jetzt mit 
König Heinrich IV. von Frankreich als der einzigen 
Macht, die im Stande war, der spanischen und 
kaiserlichen Politik die Spitze zu bieten in Ver 
bindung. Schon gebot Heinrich IV. seinen Truppen 
an den Rhein zu rücken, um die Oesterreicher aus 
den Jülichschen Landen zu vertreiben, und war im 
Begriff, selbst zur Armee zu reisen, als der Dolch 
des Meuchelmörders seinem Leben ein Ende inachte/ 
zur großen Betrübniß des Landgrafen. Weitere 
Verhandlungen führten nicht zum Ziel, der Kurfürst 
von Brandenburg sah sich vielmehr von österreichischer 
und sächsischer Seite durch einen Einfall in Schlesien 
und die Lausitz bedroht. Er erhielt auf seine Bitte 
um Hülse vom Landgrafen die Zusage, mit Leib, 
Gut und Blut beizustehen bereit sein und die 
Sache Gott befehlen zu wollen. Im letzten Augen 
blick aber zog der Landgraf seine Zusage zurück und 
erbot sich statt dessen, noch einmal unter den Erb 
verbündeten zu vermitteln, ehe er sich bestimmt 
gegen Sachsen erkläre. 
Als der Kaiser darauf den Kurfürsten Christian II. 
von Sachsen mit den Jülichschen Landen ungetheilt 
in der That belehnte, weil dieser sich an ihn ge 
wandt hatte, wollte der Kurfürst von Brandenburg 
gegen Sachsen in's Feld rücken und ging Landgraf 
Moritz um seinen Beistand an. Auch unter diesen 
Verhältnissen zog derselbe sich wieder zurück wegen 
seiner nahen Beziehungen zum Hause Sachsen, die 
ihm nicht erlaubten aus seiner Vermittlerrolle 
herauszutreten. 
Unterdessen nahmen die inzwischen begonnenen 
kriegerischen Unternehmungen am Niederrhein ihren 
Fortgang. Mit französischer, niederländischer und 
englischer Hülfe wurden die Truppen des Erzher 
zogs Leopold aus den Jülichschen Landen vertrieben. 
Schon rüstete der Erzherzog und die Liga von 
Neuem, als hauptsächlich durch Vermittelung des 
Landgrafen ein vorläufiger Waffenstillstand zu 
Stande kam. 
Auch rieth der Landgraf im Einvernehmen mit 
den auswärtigen Mächten dem Kurfürsten von 
Brandenburg, mit Kursachsen ein Sonderabkommen 
zu treffen. Er erreichte im März des folgenden 
Jahres (1611) in Jüterbogk den Abschluß eines 
solchen. Leider war aber der Pfalzgras Wolfgang 
Wilhelm damit nicht einverstanden, es sei denn daß 
ihm Kursachsen zur Verwaltung der Kurpsalz ver 
helfe. Alle Unterhandlungen führten 31t keinem 
endgiltigen Abschluß, da Brandenburg und Pfalz- 
Neuburg aus die Dauer auseinandergeriethen, an 
dererseits aber Sachsen aus Moritz' Einwirkung 
zwar Erbeinigung und Erbverbrüderung mit Hessen 
und Brandenburg im Jahre 1614 erneuerte, zu 
einem einmüthigen Handeln mit beiden in der 
Jülichschen Erbangelegenheit aber dennoch nicht zu 
bewegen war.
	        

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