Full text: Hessenland (14.1900)

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Landgraf (Dortfz rin- den Jülich - Kleve-Bcrgschc CrbfolgcsIrcU. 
Ms'elche Bedeutung die Erwerbung der Laude Kleve, 
Mark und Ravensberg für die Markgrafschaft 
Brandenburg gehabt hat, insbesondere wie Branden 
burg durch diese neuen Provinzen im Westen des 
deutschen Vaterlandes, zumal am Rheinstrom festen 
Fuß faßte, bedarf keiner Erläuterung. 
Weniger bekannt ist, daß es gerade Landgraf 
Moritz der Gelehrte war, der des branden- 
burgischen Kurfürsten Johann Sigismund 
(1608 — 1619) treuester Bundesgenosse in der 
Kleveschen Angelegenheit gewesen ist. 
Am 25. März 1609 war der geistesschwache 
Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg 
zn Düsseldorf kinderlos gestorben. Auf die Erb 
schaft erhoben Ansprüche Kurfürst Johann Sigis- 
mund als Gemahl der Tochter der Herzogin Marie 
E l e o n o r e v o n Preußen, ältesten Schwester des 
verstorbenen Herzogs, sowie der Pfalzgras Wolf- 
gang Wilhelm von Psalz-Neuburg, der Sohn 
der zweiten Schwester Anna des Erblassers, trotz der 
Verzichtleistung derselben bei Eingehung ihrer Ehe. 
Erstere war bereits todt, letztere noch am Leben. 
Als dritter Bewerber trat Kurfürst Christian von 
Sachsen auf, doch ließ er von seinen Ansprüchen 
zunächst selbst seine Erbverbrüderten, die Fürsten 
von Brandenburg und Hessen (S. 128—129 dieses 
Jahrgangs), nichts wissen, beschränkte sich vielmehr 
darauf, seine Ansprüche in einer Denkschrift vom 
28. April 1609 dem Kaiser Rudolf II. in Prag 
zur Entscheidung zu unterbreiten. Ter Kaiser selbst 
suchte die Angelegenheit für sich auszunutzen, 
er gedachte die in Betracht kommenden Lande als 
heimgefalleue Lehen einzuziehen, bezw. dem Erzher 
zoge Leopold, also einem Angehörigen seines 
Hauses, Bischof von Passau und Straßburg, zu 
zuwenden. Im Widerspruch mit seinen eigenen 
Absichten verbot er am 24. Mai als oberster Richter 
und Lehensherr jede gewaltsame und eigenmächtige 
Aneignung der erledigten Herzogthümer und forderte 
die Prätendenten auf, ihre Sachen binnen 4 Monaten 
an den kaiserlichen Hof zu bringen. 
Inzwischen war Kurfürst Johann Sigismund 
bereits selbständig vorgegangen, indem er sich schon 
am 1. April mit der Bitte an den Landgrafen 
gewendet hatte, „der Oerter" ein wachsendes Auge 
zu haben und aus alles zu achten, um alle Angriffe 
aus seine Rechte abwehren zu können, auch dem 
brandenburgischen Gesandten mit Rath und That 
an die Hand zu gehen. 
Der Landgraf ging sofort darauf ein und begann 
auf seine Art einzugreifen, nämlich durch diplomatische 
Verhandlungen. Er begab sich alsbald nach Dresden 
und Berlin, um mit den erbverbrüderten Fürsten 
von Brandenburg und Sachsen sich zu besprechen. 
Es spricht nicht gerade für den politischen Scharfblick 
des Landgrafen, daß er von den sächsischen eigenen 
Absichten bei dieser Gelegenheit nichts bemerkte. 
Weiter befürwortete er die Sache des Kurfürsten 
von Brandenburg bei den kaiserlichen Gesandten, 
dem Kurfürsten von Köln und den Jülichschen 
Ständen, und als er merkte, wohin die kaiserliche 
Politik steuere, schlug er dem Psalzgraf von Pfalz- 
Neuburg und dem Markgrafen Ernst von Branden 
burg, dem Bruder des Kurfürsten, als dessen Stell 
vertreter, vor, sich dahin zu einigen, daß bis zu 
einer rechtsgiltigen Entscheidung einer dem andern 
einstweilen die Administration der Erblande unter 
gewissen Bedingungen überließe, oder daß sie sich 
über eine abwechselnde Verwaltung verständigten 
oder aber „der Landesunion unabbrüchlich" der 
eine von ihnen der Kanzlei zu Düsseldorf, der 
andere der zu Kleve vorstehen sollte. Beide In 
teressenten waren schon vorher darüber einig, daß 
sie sich bis zur endgültigen Entscheidung unter 
einander vergleichen wollten, ohne fremde Einmischung 
zu gestatten. 
Der unermüdliche Vermittlungseifer des Land 
grafen brachte dann am 31. Mai 1609 zu Dort 
mund einen Vertrag zu Stande, nach welchem die 
beiden Fürsten von Brandenburg und Pfalz-Neu- 
burg unbeschadet der Erbrechte anderer bis zum 
rechtlichen Austrage ihres Streites sich gemein 
schaftlich in dem Besitze der Jülich-Kleveschen Länder 
behaupten und dieselben durch die Räthe des ver 
storbenen Herzogs unter Zuziehung der Stände 
verwalten wollten. 
Dieser Vertrag war allerdings von hoher Wich 
tigkeit für die Betheiligten, falls es gelang, ihn 
wirklich durchzuführen. Johann Sigismund fühlte 
sich verpflichtet dem Landgrafen seine Dankbarkeit 
zu bezeugen und unterzeichnete deshalb fortan alle 
seine Briese an den Landgrafen mit den Worten:
	        

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