Full text: Hessenland (14.1900)

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Mannspersonen darin noch erträglicher sind als 
die Frauenzimmer. Jene kleiden sich doch einiger 
maßen nach ihrer Rolle, ob man gleich einen 
Bauer in schwarzatlassenen Hosen, weißen seidenen 
Strümpfen und schönen neumodischen Steinschnallen 
unter den Bandrosen nicht eben erfreulich finden 
kann. Aber bei den Frauenzimmern ist es vollends 
ganz toll. Die legten die Reifchen und Poschen 
nicht ab, und wenn sie den Sündensall vorzustellen 
hätten. Können Sie denken, ich komme einmal in 
la belle Arsene, worin die Bildsäule eines Mäd 
chens, welches vor mehr als 100 Jahren in Stein 
verwandelt worden war, wieder lebendig wird; 
stand nicht die Bildsäule im Reisrock da? Wahr 
haftig im Reifrock unter einem weißen tasteten 
Kleide mit Perlen garnirt, Frisur ä la coeur 
(oder wie sie sonst heißt) mit Blumen daraus, 
geschminkt wie die Morgenröthe, geschnürt zum 
Umspannen, genau in der dritten Position, die 
eine Hand nachlässig aus eine Säule gestützt, in 
der andern bedeutungsvoll einen Fächer. Solche 
Bildsäulen sollte unser Oeser arbeiten, und dann 
nach 1000 Jahren die alten Perikles, Abcibiades 
u. s. w. wieder kommen und unsere Meisterstücke 
ausgraben, wie diese dann die herrliche deutsche 
Menschengestalt bewundern würden! 
Ans allem bisher Erzählten läßt sich von selbst 
abnehmen, was für ein Geschmack in der Musik 
herrscht. Von der großen Oper zum kleinsten 
Bierhaus tönt alles französisch. Gluck kennt man 
noch, weil er französische Opern gesetzt hat, aber 
Bach's Name ist ihnen barbarisch. Es ist mir 
widerfahren, daß man auf meine bewundernde 
Erwähnung des großen Bach's mit einem gewissen 
hohen mitleidigen Wesen, für welches die Sprache 
keine Worte hat, ob es gleich den Herren Kasselern 
bei dem, was ihnen angehört, eigen zu sein scheint, 
antwortete: Bach's Werk ist Organistenwerk, steif 
und ungelenksam wie ein Choral. Man könne 
ihn nur schön finden, so lange man keine fran 
zösische Musik gehört habe. Die Herren glaubten 
vermuthlich, man könne nur in Kassel französische 
Musik hören. Aber überhaupt kann die Gallomanie 
schwerlich weiter getrieben werden als hier. Glauben 
Sie wohl, daß man die ersten deutschen Schrift 
steller, z. B. Wieland, nur aus französischen Ueber- 
setzungen kennt und ihn wässericht findet, wie 
stch's gehört?" Soviel vom Theater. 
Es fragt sich bei all der Bestimmtheit, mit 
welcher unser Briefschreiber seine absprechenden 
Urtheile von sich giebt, ob sie nicht doch in Einzel 
heiten mindestens einigermaßen übertrieben sind. 
Auch heute noch werden selbst über die am höchsten 
stehenden, den weitesten Ansprüchen genügenden 
Knnstinstitute von nörgelnden oder in ihrer Eitel 
keit sich verletzt fühlenden Kritikern Urtheile ge 
fällt, die in einem ähnlichen Ton gehalten sind. 
Die Geschichte des Kasseler Hoftheaters weiß davon 
auch zu erzählen. 
Daß wie die größten Regenten seiner Zeit so 
auch Landgraf Friedrich II. für französisches 
Wesen schwärmte, ist zu bekannt, um es leugnen 
zu wollen oder zu können. Der Schreiber dürste 
aber doch von Vorurtheilen gegen Kassel nicht 
freizusprechen sein, das läßt sich u. A. aus folgen 
den Stellen seiner Briefe schließen. So sagt er 
z. B.: „Ueberhaupt scheint schöne Literatur für 
Hessen, einige wenige Literatoren von Profession 
ausgenommen, noch ein wahres unentdecktes Land. 
Ich weiß nicht, ob ich sehr irre, wenn ich das 
schon aus dein äußern Anblicke des Volkes schließen 
zu können glaube. Ohne Zweifel haben Aufklärung 
und Verfeinerung der Empfindungen und des Ge 
schmacks einen beträchtlichen Einfluß auf Gesichts 
bildung, Kleidung, kurz auf das Aeußerliche über 
haupt. . . . Man kann sich keine rohern, eckigtern, 
plumbern Züge, keine unförmlichern Körper und 
keine häßlichere Kleidung denken als des gemeinen 
Volks in Hessen und selbst in Kassel, wie auch 
der Verfasser der vortrefflichen Briese eines Fran 
zosen über Deutschland angemerkt hat. (Unser so 
kritisch veranlagter Freund scheint die oben an 
gegebenen Briefe, die bislang nicht bekannt geworden 
sind, kritiklos ausgeschrieben zu haben. D. Red.) 
Man darf also wohl ohne Ungerechtigkeit ver- 
muthen, daß Hessen im Ganzen noch ziemlich weit 
in der Verfeinerung zurück ist. Und da der Unter 
schied selbst in der Hauptstadt nicht eben merklich 
ist, so wird man die Vermuthung noch immer mit 
Recht auch auf die höheren Stände ausdehnen 
können. Dieses bestätigt sich durch die Erfahrung. 
In den besten Gesellschaften (wenige ausgenommen) 
besteht die Unterhaltung noch aus Familienanekdoten 
und Stadtneuigkeiten: es ist schon sehr viel, wenn sich 
der Dialog aus kurze Zwischenzeiten zur Zeitungs 
politik oder zum heutigen Schauspiel erhebt. . . ." 
Kassel findet in den Angen unseres Kritikers 
überhaupt in keiner Beziehung Gnade. Auch das 
Aeußere der Stadt gefällt ihm nicht. 
Das Urtheil des Briesschreibers über die Theil 
nahme der hessischen Truppen an dem Feldzuge 
nach Amerika und das Verhalten des Landgrafen 
ihnen gegenüber ist, den bisher mitgetheilten Bei 
spielen entsprechend, ebenfalls aus Wahrheit und 
Dichtung gemischt. Davon vielleicht in anderem 
Zusammenhange. M. ch.
	        

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