Full text: Hessenland (14.1900)

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stunden dahin gerichtet, daß es mir beschieden 
seyn möge. Euch allen noch eine gute Erziehung 
zu geben, wenn es mir nicht glücken sollte. 
wenigstens die Aeltesten auch noch versorgt und 
in ihnen eine Stütze für die Anderen zu 
sehen. —" 
(Fortsetzung folgt.) 
Kassel und sein französisches Tkeaten unter lian-grat Frk&rich II. 
jiii dem Aufsatze von Joses Wolter über ,.das 
yy Kasseler Theater zur Zeit des Theater 
direktors Groß mann" ist bereits darauf hin 
gewiesen, wie Landgraf Friedrich II. als echter 
Sohn seiner Zeit bei seiner großen Vorliebe für 
französisches Wesen auch dafür Sorge getragen 
hat, daß alles, was zum Theater gehörte, aus 
Franzosen bestand („Hessentand" 1898, S. 166). 
Nur die höchst vollkommene Kapelle machte eine 
Ausnahme. Ueber die damaligen Kasseler Theater 
verhältnisse erhalten wir aber ausführlicher Aus 
kunft aus von nicht genannter Hand stammenden 
Briefen aus Kassel im „Deutschen Museum", 
Bd. I, von 1784'(S. 77 ff.), die also als völlig 
gleichzeitig gelten können. Da heißt es in Bezeig 
aus die Schauspiele: „An Händen fehlt es zwar 
auch nicht, aber in hohem Grade an Köpfen. 
Ta läßt sich leicht begreifen, daß ein wirklich guter 
großer Schauspieler sein Vaterland und das ge 
liebte Paris nicht verlassen wird, um nach Kassel 
zu gehen. Aber der Landgraf hat sich einmal in 
den Kops gesetzt alles französisch zu machen und 
glaubt seinen Zweck am ersten durch ein französi 
sches Theater zu erreichen. . . Seit einiger Zeit 
wird nichts mehr gegeben als Opern, Operetten 
und Ballets. Alls Ersparniß, wie man sagt, 
wurden die übrigen Schauspieler abgeschafft . . . 
Die jetzigen französischen Schauspieler (soll wohl 
heißen Sänger?) sind größtentheils wirklich er 
bärmlich. Mlle. Saunier hat zwar eine seine, 
sanfte Stimme, aber sie scheint nicht immer bieg 
sam genug; und ihr Spiel ist todt. Sie ist auch 
auf dem Theater nur Konzertsängerin. Die voll 
kommenste ist eine Mlle. Rousselois, welche mit 
einer reineil ziemlich biegsamen Stimme viel naive 
Handlung verbindet. In artigen muntern Bauern 
mädchen u. dergl. ist ihr, Spiel recht angenehm, 
uild ihr Auge so ausdrucksvoll, als wenn sie ihre 
eigene Rolle spielte. Naivetät scheint ihr Charakter. 
Sie hat übrigens einen sehr langen Athem, 
welches sie bei jeder Fermate dem Ohre des Zu 
hörers zu beweisen nicht ermangelt, ohne die 
entsetzliche Unnatürlichkeit darin zu fühlen. Madaine 
Brabant kann sich mit manchem deutschen Bettel- 
mädchen im Singen messen, spielt aber alte 
zänkische plauderhaste Weiber sehr natürlich. 
Mr. Silin ist zu niedrig komischen Rollen gut, 
die er aber doch leicht übertreibt, uild hat keine 
üble Baßstimme. Mr. de Lille singt einen ziein- 
lich reinen, aber schwachen Tenor und spielt 
meistens zärtliche Rollen. Seine Empfindurg sitzt 
ihm im Unterleibe, denn er äußert den Schmerz 
der Liebe, als wenn cs Bauchgrimmen wäre . . . 
Bon dem übrigen Troß will ich nichts sagen, nur 
einen Sänger muß ich »och erwähnen. der erst 
neulich von Nr. Io Marquis de Luchet, Sur- 
intendanl, des spectacles, empfohlen und für 
500 Thaler auf ein halbes Jahr angenommen 
worden ist. Dieser hat in der That seines 
Gleichen nicht. Er ist in Kassel unter dein Namen 
des Eseltreibers bekannt. Das mag gelten, so 
lange man ihn sieht; wenn man ihll nur hört, 
sollte mail ihn für den Esel selbst halten. Seiner 
ganz unglaublichen Erbärmlichkeit kommt nichts 
gleich als die rasende Frechheit, mit welcher man 
ihn dem Landgrafen empfehlen lind dem Publikum 
aufdringen konnte. Eine unerträglichere Stimme 
habe ich nie gehört . . . 
Eine Ursache des elenden Zustandes des Kasseler 
Theaters ist auch wohl mit, daß es gauz und 
gar nicht vom Publikum abhängig ist. Der Land 
graf bezahlt die Schauspieler, und sie spielen. Ist 
es ihm recht, wie sie spielen, wem dürste es nicht 
recht sein? Und was würde es Helsen? 
So ein Theater hat seine Vorzüge, es kann 
mehr unternehmen und ausrichten; aber es hat 
auch ansehnliche Mängel. Der Eifer in der Kunst 
geht ganz verloren. Hier lebt man vom Brod 
allein; das Wort des Beifalls ist entbehrlich; es 
ist sogar verboten. Niemand darf Beifall klatschen 
oder Tadel pfeifen, wenn der Landgraf im Schau 
spiel ist. Das wäre um desto mehr zu ver 
wundern, weil diese Kritik doch in Paris erlaubt 
ist, wenn es der einzige Fall wäre, da wir Deutsche 
das Gute der Franzosen unverletzt lassen, um ihre 
Thorheiten desto emsiger nachzuahmen. 
Wie es aus einem solchen Theater um das 
Costume aussieht, können Sie sich leicht vorstellen. 
Fremde Kleider giebt es genug, voll Seide und 
Gold und Silber, aber vernünftige Beurtheilung 
des Schicklichen suchen Sie vergebens. Das habe 
ich bisher aus allen Theatern gesunden, daß die
	        

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