Full text: Hessenland (14.1900)

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auch kein Zeitereigniß rauben kau». — Bedeute 
überdem, daß Du durch Fortgehen auf dem 
bisherigen Wege mir unaussprechliche Freude 
machen wirst. — Doch ich bin davon über 
zeugt, daß Du es daran nicht wirst fehlen 
lassen und ich schätze mich glücklich, solche 
Kinder zu haben. 
Denn nicht blos von Dir erhalte ich so gute 
Nachrichten; auch Fritz ist jetzt mit guten 
Zeugnissen hier angekommen, und von Otto, 
dessen Examen gestern beendigt ist, sagt mir 
Major Rieß, daß er der vorzüglichste unter- 
allen Kadetten und ein ausgezeichneter junger 
Manu sey. Gewiß wird es Dir doch Ver 
gnügen machen, dies zu hören. — Und auch 
von den Dir nachfolgenden Geschwistern kann 
ich Dir nichts als Gutes sagen; Emil wird 
jetzt recht gesetzt und sogar die kleine, dicke 
Malwida schreibt und liest fleißig. 
Wie steht es um Dein Taschengeld? Ver 
muthlich hat die Messe Dir etwas gekostet; 
darum bemerke ich Dir, daß ich Dir als Taschen 
geld vierteljährlich eine Karolin zu geben be 
stimmt habe und Dir deshalb für das nächste 
Quartal beikommenden Coupon von 12 Va fl. 
zur Erhebung schicke, welcher freilich etwas mehr 
ausmacht, als eine Karolin; indessen ist dieses 
der kürzeste Weg der Uebermachnng. Du wirst 
nun, wie ich hoffe, über diesen Betrag ver 
nünftig disponiren und Rechnung führen, damit 
ich ermessen kann, in wiefern Du mehr bedarfst, 
was ich Dir nicht versagen werde, wenn es 
nöthig ist. Es versteht sich, daß Du mir 
schreibst, wenn Du Bücher bedarfst und daß ich 
Dir diese besonders zahle." 
— „Wie könnte ich den 1. Mai sich nähern 
sehen, mein lieber Carl, ohne Deiner mit der 
herzlichsten Theilnahme zu gedenken! Wenn 
gleich weit von Dir entfernt, sind meine Ge 
danken, meine wärmsten Segenswünsche Dir 
nahe! — Abermals ein Jahr Deines Lebens 
dahin; — es kehrt nie wieder. Mehrere, 
immer schneller und schneller, werden Dir dahin 
schwinden, und webe Dir, wenn Du bey dem 
Rückblicke auf dieselben Dir sagen müßtest, sie 
gingen unbenutzt vorüber. — 
Doch das ist bey Dir, das ist bei Deinen 
Geschwistern der Fall nicht; und ich fühle tief 
das Glück, welches mir die Vorsehung in Eurem 
Besitze beschieden hat. 
Bald, lieber Carl, tritt für Dich eine sehr 
wichtige Lebens-Periode ein; denn, wenn gleich 
der Schulunterricht die Grundlage aller weiteren 
Ausbildung ist, so beginnst Du doch mit dem 
Eintritt in das academische Leben die Lauf 
bahn, welche Deiner ganzen Zukunft eine feste 
Richtung geben muß. Sammle Dir nicht blos 
die nöthigen Kenntnisse — und das wirst Du 
bey dem bisher bewiesenen Eifer gewiß — 
sondern bewahre auch Dein Herz und Deinen 
Charakter unbefleckt. Das ist ja das beste 
Erbtheil der Rivaliers! Deine ältern Brüder 
bewähren es. Bleibe auch Du, wie Du jetzt 
bist, mein guter Sohn, und Du wirst immer 
einen treuen Freund finden in Deinem Dich 
ewig liebenden Vater." — 
„Hoffentlich bist Du noch immer mit Deiner 
dortigen Lage so zufrieden, wie bisher; hoffent 
lich gefallen Dir die Collegia täglich besser und 
Du gewinnst immer mehr Geschmack daran; — 
denn je tiefer man in die Wissenschaften ein 
dringt, um so lieber gewinnt mau sie und 
Deine guten Anlagen, Dein Eifer, etwas Ordent 
liches zu lernen, werden Dich ohne Zweifel 
bald tiefer in Deine Studien eindringen lassen. 
— Tie jetzige. Jahreszeit und besonders das 
anhaltende Regenwetter, welches uns heimsucht, 
ist zum Studium ganz gemacht; benutze es 
dazu und richte es so ein, daß Du die Weih- 
nachtsferien uns widmen kannst — eine Zeit, 
aus welche wir uns alle herzlichst freuen, da 
wir alsdann hoffentlich alle wieder vereint 
sein werden. 
Denn Fritz wird ohne Zweifel in der Kürze 
zurückkehren, da die Beamtenstelle, welche er 
bis jetzt versieht, dem vormaligen Oberbaurath 
Wiudemuth übertragen wurde, welcher seinen 
Posten bald beziehen wird. Fritz scheint zu 
frieden zu sein. Er schreibt mir, daß er zwar 
Viel zu thun, aber doch in den Mußestunden 
auch Unterhaltung habe; indessen wird es ihm 
doch nicht unangenehm seyn, wieder zurück 
zukehren und theils bey uns, theils bey seinen 
hiesigen Bekannten zu verweilen. Er kann 
auch noch einen Theil der Wintervergnügungen, 
zu welchen ich hauptsächlich die Oper zähle, 
die manchen Genuß gewährt, mitmachen. Wir 
haben eine sehr gute Darstellung des Wasser 
trägers gesehen und erwarten in diesen Tagen 
den Othello, worin Wild besonders glänzt. 
Tlle. Schweizer hat im Credit des Publikums 
sehr verloren, seitdem Herr von Haenlein 
(Anm. des Vers.: der preußische Gesandte!) 
ihr so ausfallend den Hos macht." 
„Es war mir sehr erfreulich, lieber Carl, 
durch Deinen Brief vom 30. v. Ms. einmal 
wieder ein unmittelbares Zeichen von Deinem 
und Emil's Leben und Befinden zu erhalten; 
doppelt erfreulich, da er mich von Deinem fort 
dauernden Eifer in Deinen Studien und von
	        

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