Full text: Hessenland (14.1900)

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Mit den einfachsten Mitteln werden hier die 
größten Wirkungen erzielt. Nirgends ein Wort 
zuviel, nirgends ein nnnöthiger Aufputz mit 
Wortbrocken in der Beschreibung von Scenen und 
Personen, kein unschönes oder unmögliches Bild, 
kein schiefer oder schielender Ausdruck zerstören 
den Eindruck. Und dabei eine Plastik und Ur 
sprünglichkeit, die bewundernswerth ist. 
Neben großartigen Natur- und Sturmliedern, 
die eine Königsseele athmen, finden wir reizende 
kleine Liebeslieder von einer Anmuth und Innig 
keit, die ihres gleichen suchen. Dies tritt gleich 
in einem der ersten, „Brautring", hervor: 
„Als über den Flieder das Mondlicht rann, 
Da steckt' er mir heimlich ein Ringlein an, 
Und küßte den Ring und die Hand dazu 
Und lauschte selig dem ersten ,Du'. 
Das Mondenlicht sah in den Ring hinein. 
Das gab einen fröhlichen, hellen Schein. 
Der Fliederbanm neigte die Blüthen stumm. 
Die Gräser raunten: Das Glück geht um." 
Auch hier wieder mit einfachsten Mitteilt die 
größten Wirkungen. Man ist berückt von dem 
Wohllaut und der Schlichtheit der Sprache und 
Reime. Besoilders der Schluß ist lauter Musik. 
Ueberhaupt gelingt ihr jenes stimmungsvolle Ans 
klingen des Liedes großartig, zumal hier zu feiner 
Empfindung die souveräne Herrschaft über bie 
Sprache, den Rhythmus und den Reim konnnt. 
Als Muster in dieser Art möchte ich das Gedicht 
„Schlittenfahrt" bezeichnen, das schon durch 
den Rhythmus äußerst fein die gallze Stimmung 
und Beweglichkeit einer Schlittenpartic wieder- 
giebt, und dann meisterhaft die Weihnachts- 
stimmung wiedergebend ausklingt: 
„Zu Thale geht's, es stäubt der Schnee, 
Die Silberschellen klingen. 
Am Wege blitzen Lichter auf, 
Der Lärm der Stadt wacht brausend auf 
Und kleine Buben singen: 
Morgen kommt der Weihnachtsmann ..." 
Der übrige Theil der Sammlung enthält 
gemüthvolle Heimathlieder, unter denen ich dem 
Zyklus „Heimath" den Preis zuerkennen möchte, 
ferner schöne Wanderlieder über ihre vorjährige 
Harzwanderung, anmuthende, oft unbedeutende 
Episoden ans dem Familienleben („Ferien", 
„Boerenschlacht", „Mein Kadet", „Einsegnung", 
„Geburtstag", „Nesthäkchen"), humoristische Perlen 
(„Papa", „Verschiedene Wirkung", „Unglücksrabe", 
„Philisterglück", „Der lahme Franz", „Ent- 
werthete Ideale"), auch tiefernste Betrachtungen, 
die aber nie des Gedankens Blässe tragen, sondern 
aufgelöst sind in die Glnth der Empfindung, in 
die Plastik und Bildlichkeit der Anschauung („Vom 
Schmerz", „Höhenwege", „An die Schönheit", 
„VomTode", „Räthsel", „Künstlerbernf"). Gleich 
sam als Grundakkord durchklingt die Sammlung 
das schöne Gedicht „Bekenntniß": 
„Was zerrt ihr mich hinein in Kampf und Streit! 
Ich hab' so viel des Glückes schon begraben — 
Wollt ihr den letzten, schönen Rest noch haben. 
Die lieben Tränme meiner Einsamkeit? 
Es dringt ein dumpf verworrenes Geschrei 
Von außen her in meine stille Kammer 
Ich kenn' euch nicht lind euren blinden Jammer, 
Und dennoch wird mir seltsam weh dabei. 
Ihr drückt mir wild die Laute in die Hand. 
Mit meinem Liede soll ich euch begleiten, 
Ich aber finde auf den gold'nen Saiten 
Die Töne nicht, die Haß und Streit verwandt 
Wohl trag' auch ich ein Leiden im Gemüth. 
So tief wie eures; doch ein Gott verklärte 
Die Flamme, die mich ruhelos verzehrte. 
Daß sic nun sanft in meinen Lieder» glüht 
Wir werben beide um des Lebens Preis: 
Ihr draußen, im Gewühl und Lärm der Menge, 
Und ich in eines Dichterstübchens Enge, 
In selbstgezog'ner Schranken engem Kreis." 
Anna Ritter geht ihre eignen Wege. Sie ge 
hört keiner „Schule" all. Am ehesten möchte 
ich sie mit Goethe vergleichen. Ihre Gedichte 
werden nach hundert Jahren genau so ursprünglich 
und frisch wirken wie noch heute die Goethes. 
Darin liegt ihre Bedeutung, daß sie nicht nur in 
der Literaturgeschichte, daß sie auch in dein Volke 
fortleben werden. Wir Hessen aber haben ganz 
besondere Ursache, auf die Dichterin stolz zu seilt 
und ihre Lieder schätzen linb würdigen zu lernen. 
Ich wünsche einem jeden, daß er Anna Ritter's 
neue Lieder einmal zu lesen bekommt, und daß 
sie ihn nach des Tages Arbeit in jene Zauber- 
gärten tragen, 
„Wo auf den Müden sich die Schönheit neigt, 
Wo tausend Rosen der Erinn'rung steh'». 
Wo sich die Sehnsucht wiegt auf gold'nen Flügeln 
Und von des Abends lichtumglänzten Hügeln 
Des Jenseits Winde kühi hcrüberweh'n . . ." 
Wie ein erquickender Regen in diesen heißen, 
sommerschwülen Tageil, so werden die Lieder 
Anna Ritter's erfrischend und labend auf jedes 
Gemüth wirken und tausendfältigen Widerklang 
im Volke wecken unb ihren Namen unsterblich 
machen. 
Dr. Wilhelm Schoo f.
	        

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