Full text: Hessenland (14.1900)

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sich manches Gedicht, das dem Inhalt nach 
vielleicht unbedeutend zu nennen ist, das aber 
jedenfalls durch die Art der Behandlung reiz 
voll wird. Die werthvollsten Gedichte enthält 
meiner Meinung nach der zweite Abschnitt: „Es 
grub der Tod ein Kämmerlein." „Das tiefe 
Kämmerlein", „Gefaltete Hände", „Ich 
träumte heut'", „Autodafe", vor allen aber 
„Dein Sessel am Kamin" sind unvergleich 
lich tief und schön. Auch die übrigen Abtheilungen 
enthalten wahre Perlen der Lyrik. Gedichte wie 
„Brautring", „Am See", „Der graue 
Gast", „Abschied von Berlin", „Schlitten 
fahrt", „Enge Gasse", „Philistcrglück", 
„Ueberraschende Bekanntschaft". „Beim 
Weine", „In Sturmes Reich", „Sturm 
hymnus", um nur einige herauszugreifen, ge 
hören zum Besten, was wir in der deutschen 
Lyrik auszuweisen haben. Wohl sind einige 
schwächere in der Sammlung, etwas rasch gereimter 
Durchschnitt von weniger tiefgehender Wirkung, 
doch kaum eins, das mir gar nichts gegeben Hütte. 
Anna Ritter's Lyrik hat einen starken Zug 
zum Symbolischen, zur Naturbeseelung. Besonders 
in ihren Naturbildern herrscht grandiose An 
schauung und üppiges Phantasieleben. Es sind 
Visionen von großer Erhabenheit. Sv läßt sie 
die Sonne am Himmel einschlafen, der Erde den 
Flannnenmantel um die Glieder schlagen, oder 
dem Tag ihr leuchtendes Roth um seinen Sarg 
streuen. Die Mondenfee schreitet mit leisem, 
schleppendem Gang an den Büschen des Parks 
entlang und streut weiße Rosen über den Weg; 
die Nacht kommt als eine blinde Bettlerin herbei 
geschlichen und wartet unter grünen Zweigen, bis 
des Tages Glanz verblichen ist, oder sie sitzt am 
Ufer, senkt das Nebelnetz in des Tages klare 
Fluthen und singt ein wunderliches Lied, um die 
gold'nen Sonnenfische zu erhaschen; der Nebel 
mann spinnt aus seinem flächsernen Bart schim 
mernde Fäden, wie Seide zart, und hängt sie 
heimlich von Baum zu Baum, oder die Nebel 
srauen binden inl Tann zarte, wehende Tüchlein 
an; die Büsche haben eine grüne Schürze vor, 
einen Blüthenstrauß hinter'm Ohr; die Tannen 
stehen graubürtig am Weg; die Kiefern ducken 
sich, und gebückte Erlen umdrängen den Weg. 
In immer neuen Variationen weiß sie den Sturm 
symbolisch darzustellen: er hat eine gute Lunge, 
er johlt und stöhnt, er jauchzt und pfeift wie ein 
wilder Gassenjunge, er eilt in tollern Lauf den 
Bergeshang hinauf und reißt an den zitternden 
Bäumen, die Linden winden sich unter seiner- 
knorrigen Faust und die Blumen erschrecken intb 
verstecken ihre schönen Kinderaugen unter dem 
grünen Gras; der Frühlingssturm klopft an die 
Fenster und tropft die Winternebel von den 
Scheiben, oder steckt sich des Frühlings schimmernde 
Blüthe an die Erdenbrust. Ganz allerliebst er 
scheint der Frühling als Knabe in dem ent 
zückenden „Abschied von Berlin": 
„Sie haben mir heute den Frühling gezeigt. 
Er stand verdrossen am Leipziger Platz, 
Trug einen seidenen Busenlatz, 
Ein Sträußchen Trcibhausblüthen darin 
Und sah so übernächtig aus, 
Als käm' er grade verschwürmt nach Haus. — 
Ich wollt's nicht glauben, daß er es wär'! 
Da sah ich, wie über das Häusermeer 
Sein blaues Auge in's Weite strich. 
Bis ans den Zügen die Starrheit wich 
Und eine große, brennende Thräne 
Ihm heimlich über die Wangen schlich." — 
Das Gegenstück dazu bildet „Ueberraschende 
Bekanntschaft". In beiden Gedichten, die 
unbestritten zu den schönsten des Buches gehören, 
wird der Frühling sogar redend eingeführt. 
Auch sonst begegnen uns seltene Allegorien und 
Vergleiche. Die Jugend trügt in ihren goldnen 
Haaren eilt Krünzleitt grün und roth und singt 
ein Lied, das Glück schlügt die blauen Augen auf, 
die Ewigkeit steht int Strahlenkleid hinter räthsel- 
vvllen Thüren, Jahrhunderte schauen aus alten 
Fenstern heraus, die Sorgen hocken am Wege in 
keuchender Noth, der Tod erscheint nicht in dem 
abgedroschenen Bild eines Sensenmanns, sondern 
im langwallenden Kleid, das' schwarz wie die 
Nacht ist, um seinen Mund gräbt sich die Schwer- 
muth ein, und Amor vollends erscheint in einem 
ganz neuen Bilde: 
„Fein und sittsam wie ein Engel 
Schreitet er, die gold'nen Locken 
Glatt gescheitelt, voll Pomade. 
Sammt'ne Pluderhosen decken 
Tugendhaft des Bübchens Blöße. 
Und die kleinen Füße stecken 
Bis zur rundlich festen Wade 
Ehrbar in gestrickten Socken." 
Gleich schön ist das Bild von der Königin 
„Herzeleid": 
„Einen Kranz von weißen Narzissen 
Und ein weißes, schleppendes Kleid 
Trägt die Königin Herzeleid. — 
Sie kommt aus schweigenden Gärten her, 
Da schimmern die Rosen wie Blnt, 
Da fließt im Grase der Thränenbach, 
Der weiß eine alte Mär: 
Bon der Hoffnung, die mitten im Spiel 
In böse Träume zerfiel, 
Und keiner bekommt sie wach . . . 
Bon Blumen, die immer im Schatten gestanden, 
Bon Seelen, die nie eine Heimath fanden, 
Und von einem hölzernen Schrein, 
Darinnen die selige Liebe ruht. 
Der Bach, der wandert tagaus, tagein, 
Trägt tausend Wellen in's Meer hinein 
Und wird doch niemals leer."
	        

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