Full text: Hessenland (14.1900)

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„Mir aber gäbest Du des Liedes Kraft, 
Mich zu befrei'« von allzu heißen Gluthcn, 
Von wilder Noth und sel'ger Leidenschaft, 
Tie uns'res Leibes schwachen Bau durchfluthen." 
Es ist ein bescheidener, einfacher Titel, den sie 
ihren neuen Liedern gegeben hat. Aber welche Fülle 
von Schönheit umschließt der Name. Es ist ein 
Buch voll weicher, inniger Melodik, ein Buch von 
unsagbarer Schöne. Da sind Perlen, die selten sind, 
Lieder, die sofort in uns wirken, die den Leser 
berauschen, sich leise, ob man will oder nicht, in's 
Herz einschmeicheln, die in uns klingen und singen, 
itvch lange nachher, als ob wir sie eben erst gehört 
hätten. Wohllautende, flüssige Musik steckt in 
allen ihren Liedern, und ich bitt überzeugt, 
daß manche direkt zu Volksliedern würden, wenn 
sie in die richtigen Hände sielen. Eittige darin 
sind so wunderbar sein und abgetönt, daß ich sie 
immer vor mich hinsagen möchte. 
Ein gottbegnadetes lyrisches Talent verrieth 
schon der erste Band ihrer Gedichte (Leipzig, 1898; 
7. Anst. 1900). In noch hervorragenderem Maße 
zeigen es ihre neuen Gedichte. Ein erhebliches 
Fortschreiten ist unverkennbar. Zwar von einer- 
eigentlichen Entwicklung kann keine Rede bei ihr 
sein. Sie trat als ausgereifte Dichterin auf den 
Plan, nachdem sie ihre frühesten Erzeugnisse, etwa 
150 an Zahl, vernichtet hatte. Nur in der noch hier 
und da ungeübten Form ließ sich ein Entwicklungs 
gang bei ihr konstatiren. Hingegen ist in ihrer 
neuen Sammlung das Stoffgebiet erheblich erweitert, 
die Gedankenfvlge ist stetiger, die Diktion ab 
geklärter, reiner geworden. Ihre ganze Poesie 
gemahnt mich an einen seltenen Herbsttag: mild, 
sonnig, klar, tiefes Glücksgesühl in uns weckend, 
und doch liegt schon eine leise Ahnung des Winters, 
des Todes darüber. Die sonnigen Sommertage 
sind vorüber mit ihrem leuchtenden Glück; die 
Dichterin hat einen großen Schmerz hinter sich, 
er ist zwar noch nicht ganz verwunden, aber er 
hat sie stärker und reifer gemacht. 
Ganz besonders ist an ihrem neuen Buch die 
gerade^: staunenswerthe Glätte und Sauberkeit 
der Form zu rühmen. Aus 273 Seiten ist 
mir kein einziger das Ohr beleidigender Reim 
oder eine sonstige Härte im Ausdruck aufgefallen. 
Nur in einem Punkt theile ich nicht ihren Ge 
schmack. Das sind die sich sehr häufenden Di- 
minutiva: „Wölkchen", „Bäckchen", „Nestchen", 
„Röckchen" und ähnliche „Kosewörtchen". Besonders 
in den sonst so grandios durchgeführte!: Natur 
stimmungsbildern verfehlen sie völlig ihre Wirkung, 
und gar im Reim sie anzuwenden, wie es sich 
einmal findet (S. 134), scheint mir nicht sehr- 
geschmackvoll. Den Rhythmus beherrscht die Künst 
lerin mit einer Meisterschaft, wie ich sie außer bei 
Goethe nirgends in solchem Maße erreicht finde. 
In Gedichten wie „Sieg der Lust", „Wanderer 
im Nebel", „Die Windsbraut", „Sturm 
nacht", „Schlittenfahrt" versteht sie es trefflich, 
den freien, natürlichen Rhythmus des augenblicklichen 
Affekts zu binden, ohne ihn irgend zu zwingen. Nur 
vollendete Sprachbeherrschung und feinstes musika 
lisches Empfinden ermöglichen eine solche Technik. 
Zweifellos ist sie in dieser Beziehung formell von 
ihrem großen Vorbild Goethe inspirirt. Auch 
inhaltlich ist sie von ihm nicht ganz unabhängig. 
Die Situation in „Sieg der Lust" und „Erlösung" 
erinnert leise an die Hexenküche im „Faust", in 
ersterem Gedicht klingt auch „Ueber allen Wipfeln 
ist Ruh" ziemlich deutlich herein: 
„Spürst Du der Flammen verzehrenden Hauch? 
Bälde, ach. balde packt sie Dich auch." 
Das sind unbewußte Anklänge, für die sie 
nichts kann, vielmehr beweist die Abhängigkeit 
gerade von Goethe, daß sie ihm wesensverwandt 
ist. Kleine Dichter haben ihn nie nachgeahmt, 
weil sie dem Fluge seines Genius nicht folgen 
konnten. Anna Ritter ist eine große Goethe 
verehrerin, sie beschäftigt sich täglich mit ihm, 
und sie liest ihn mit immer wachsendem Interesse. 
In einem Gespräche beklagte sie einmal, daß das 
Leben so kurz sei, allein um Goethe eindringender 
kennen und verstehen zu lernen, wünsche sie. daß 
ihr Leben noch mal sv lang sei. Das ist cha 
rakteristisch für sie. Auch hat sie in einem ihrer 
Gedichte „Auf dem Goethe weg zum Torf 
haus" dem Altmeister ein herrliches Denkmal 
gesetzt: 
„Weit hinter mir. von Nebeln eingehüllt, 
Liegt nun der Gipfel, der auch Dich empfangen! 
Dieselben Wege, die Du einst gegangen, 
Befreiung suchend, fern der lauten Welt, 
Beschreit' ich nun, und meinen Pfad erhellt 
Dieselbe Sonne, die Dein Haupt umfangen. 
.Du bist mir nah', ein still' Gedenken füllt 
Das Herz mir ans: Durch dieses Waldes Schweigen 
Seh' ich Dich einsam, kraftvoll aufwärts steigen: 
— ans weiß verbrämten Bogen 
Trittst Dn hervor, ein dunkler Mantel wallt 
Um Deines Leibes blühende Gestalt. 
Du hast den Hut tief in die Stirn gezogen. 
Als wolltest Tu. ganz in Dich selbst versenkt. 
Bon keinem Bild der Erde abgelenkt. 
Hinunter steigen in Dein eigen Leben, 
Den Räthselschatz der Tiefe aufzuheben." — 
Anna Ritter ist eine Dichterin, die alle Stiin- 
mungen, selbst die feinsten und flüchtigsten, zu 
haschen und zu halten weiß. Für alle, auch 
die unbedeutendsten Empfindungen findet sie den 
rechten Ton. Unter den 183 Gedichten findet
	        

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