Full text: Hessenland (14.1900)

150 
in Lich tu der Grafschaft Solms. Nach Greben 
stein gelangte Ketzel wohl durch seine Braut, 
spätere Frau, die dort ansässig und begütert war. 
Seine Druckerei tu Grebenstein hat jedenfalls in 
den Jahren 1630 und 1632 bestanden. In den 
folgenden Jahren druckte er in Kassel, vermuthlich, 
weil Grebenstein für ihn kein geeignetes Arbeits 
feld war, zumal dort noch eine zweite Druckerei 
bestand. In Kassel starb er 1635. Seine Wittwe 
zog wieder nach Grebenstein, wo sie 1636 wieder 
druckte. Sie wohnte dort mindestetts bis 1644, 
aber nicht als Inhaberin einer Druckerei, sondern 
als Buchhüildlerin (Buchbinderitt). Es druckte für 
sie Salomon Schadewitz aus Wittenberg, 
der in Grebenstein von 1631 bis 1644 sein Ge 
schäft betrieb. Er zeichnete sich dadurch aus, daß 
er viel unerlaubten Nachdruck trieb. Er verzog 
von Grebensteüt nach dem nahen Hofgeismar, 
blieb dort aber nur bis 1650, um dann nach 
Kassel überzusiedeln. Seine Druckthätigkeit war 
schon in Hofgeismar eine bedeutende. Bald nach 
ihr drucktett dort Friedrich Hertzog und Hans 
Mathias Hedewig, die 1665 von Rinteltt 
dorthin übersiedelten. Sie hatten in Rinteln die 
Druckerei der Anfang März 1665 verstorbenen 
Wittwe Lucius erworben, tnußten aber alsbald 
die Stadt verlassen. Auch in Hofgeismar scheint 
ihres Bleibens nicht gewesen zu sein, denn seit 
dem Jahre 1666 ist wenigstens Friedrich Hertzvg 
in Kassel als Bürger ansässig. 
In Grebenstein ist seit dem 17. Jahrhundert 
niemals wieder eine Druckerei erstanden, in Hvf- 
geistttar erst int Jahre 1838. 
Dieser kttrze Abriß über die ältesten Drucker 
in Hessen lehrt, daß auch früher nur da leistungS- 
fähige Druckereien mit Aussicht aus Erfolg cut= 
stehen konnten, wo attdauernd geistiges oder 
wirthschaftliches Lebett blühte. Marburg, Kassel 
und Hanau stehen dementsprechend auch jetzt wieder 
oben an. W. G. 
Anna Aitter's „Aefremng"?> 
ine Hauptaufgabe der modernen Lyrik ist es, 
nach ttenen Ausdrücken zu suchen, neue 
dichterische Werthe zu prägen, weil die 
alten Formeln und Wortverbinduitgen abgebraucht 
und geschmacklos geworden sind, weil die alten 
Instrumente keinen rechten Klang mehr haben. 
Die deutsche Sprache ist im Laufe der Jahrhunderte 
so schmieg- und biegsam geworden, daß heute ziem 
lich jeder mit etwas Sprachsinn begabte Mensch 
im Stattde ist, einigermaßen leidliche Reime int 
Fahrwasser althergebrachter, dichterischer Anschau- 
itngen zu Stande zu bringen. Die mcifteu dieser 
Durchschnittsdichter sehen sich alle daher so ver 
zweifelt ähnlich. In gleichen Bildertt, die sie oft aus 
dritter und vierter Hand entlehnt haben, jammern 
sie über ihre Liebesschmerzen und ihre getäuschten 
Hoffnungen. Sie vermögen wohl zu ergreifen 
mit einem oder dem aitbertt Liede, oft auch zu 
blenden, aber nachhaltigen Einfluß auf die Mit 
welt und Nachwelt auszuüben sind sie nicht im 
Stande. Ihre Empfindungen sind tticht stark 
genug, um selbstständig wirken zu können, sie müssen 
sich ihre Kunst erborgen. Sie kommen und gehen in 
der Literatur wie die Eintagsfliegen. Oft ver 
mag ihr Name kaum das Erscheinungsjahr ihres 
Buches zu überdauern. Wer nach des Tages Last 
und Arbeit sich in den Zaubergärten der Poesie 
*) Befreiung. Neue Gedichte von Anna Ritter. 
1. u. 2. Aufl. Stuttgart (Cotta) 1900. 
ergehen will, bei diesen Dichtern stndet er selten 
Erholung und Freude. Nicht unberechtigt ist 
daher vielfach die Gleichgültigkeit gegen alles, was 
Lyrik heißt. 
Seit Anna Ritt er's Auftreten fangen die 
Zeiten für die Lyrik an besser zu werden. Ihre 
Kunst geht in's Volk. Wie anders wirkt dies Zeichen 
auf uns ein! Es sind eigene Töne, die sie an 
schlägt , keine abgelauschten, nachentpfundenen. Da 
ist keitt ängstliches Tasten und Suchen nach fremden 
Mustern, nichts Gemachtes und Angequältes. Keck 
und frisch, wie sie dem Innern entsteigen, singt 
sie ihre Lieder, unbekümmert daruttt, ob sie modern 
sind oder nicht. Sie singt, weil sie muß, weil 
es in ihrem Busen quillt und rauscht und nach 
Gestaltung drängt. Der große, heilige Schmerz 
hat ihr die Zunge gelöst, hat sie zur Künstlerin 
geweiht. Sie selbst schreibt darüber in einent 
Briese: „Ich habe, so lange ich im Glück lebte, 
nie eine, Zeile geschrieben. Erst der Schmerz, der 
mich durchwühlte, erst der Zusammenbruch alles 
dessen, worauf ich meine Zukunft gebaut, hat das 
Samenkorn, das wohl lange in meiner Seele 
schlief, an's Tageslicht gefördert." 
Alle echte Kunst läutert und befreit. So 
hat Anna Richter ihr neues Gedichtbuch, das sie 
ihrem Volke geschenkt, sehr feinsinnig „Befreiung" 
genannt. In einem ihrer schönsten Gedichte 
„Künstlerberuf" sagt sie darüber:
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.