Full text: Hessenland (14.1900)

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hatte, wurde er von Landgraf Wilhelm IV., so 
lange er die Buchdruckerei betrieb, von allen 
bürgerlichen Lasten und Bürden befreit, also in 
seinem Gewerbe wesentlich gefördert. 
An dritter Stelle ist noch immer nicht Kassel 
zu nennen, sondern Hanau, dem sich ersterer 
Ort jedoch fast gleichzeitig anschließt. Der erste 
Hanauer Buchdrucker Wilhelm Antonius, 
vermuthlich aus Frankfurt a. M., richtete zu An 
fang des Jahres 1593 seine Offizin in Hanau 
ein und zwar in der Altstadt, mußte es aber un 
geachtet des ihm verliehenen Privilegium exclu- 
sivum leiden, daß sich in Neuhanau neben ihm 
noch eine Reihe anderer Drucker niederließ. Er 
muß schon gleich im Ansang seiner Thätigkeit 
in Hanau fleißig gedruckt haben, denn der Kata 
log der Frankfurter Fastenmesse dieses Jahres 
bringt drei von ihm gedruckte Bücher. 
Seit dem Jahre 1601 wird Antonius als Haus 
besitzer in Althanau genannt; unter dem 5. Sep 
tember 1601 erhielt er auf wiederholtes Ansuchen 
vom Grafen Philipp Ludwig ein Privileg, 
worin ihm, abgesehen von der Freiheit von 
bürgerlichen Lasten, noch jährliche Lieferung von 
Holz, von 6 Achteln Korn und ein Gehalt 
von jährlich 20 Gulden zugesichert wurde. Er 
war auch Althanauer Bürger und heirathete als 
Wittwer im Juli 1605 die Tochter des ver 
storbenen Hanauer Rathsherrn M. Georgius 
Rhöner. Diese Heirath beweist, daß er eine sehr 
geachtete Stellung in Althanau einnahm. 
Wilhelm Antonius besaß auch gelehrte Bildung, 
wie seine lateinischen und deutschen Briefe be 
weisen. Er starb im Jahre 1614. Er besaß 
eine größere mit deutschen, lateinischen, griechi 
schen und hebräischen Typen wohl eingerichtete 
leistungsfähige Druckerei. Die Meßkatalvge führen 
aus seiner Druckzeit von 1593 — 1614 mehr als 
250 Werkdrucke aus, welche fast ausschließlich 
für seinen eigenen Verlag gedruckt sind. Seine 
Erben setzten die Druckerei fort, bis sie sein 
ältester Sohn aus erster Ehe Wilhelm Antonius, 
ein Zögling der Schlnchterner Schule, im Jahre 
1615 übernahm, er ist bis zum Jahre 1624 
nachzuweisen. 
Wilhelm Antonius der Aeltere war aus der 
bekannten Druckerei von Wechel in Frankfurt her 
vorgegangen, wo er acht Jahre Korrektor ge 
wesen war. Diese Wechel'sche Druckerei ging 
dann auf die beiden Schwiegersöhne des In 
habers, Claude de Marne und Jean 
Aubry, über, von denen der letzte in Angliers 
geboren, 1584 Frankfurter Bürger geworden war. 
Da die Wechel'schen Erben, wie alle nach 
Frankfurt geflüchteten Niederländer und Franzosen, 
Kalvinisten waren, Frankfurt aber streng lutherisch 
und unduldsam, wandten sie sich von dort nach 
dem neugegründeten Neuhanau, welches bekannt 
lich der religiösen Unduldsamkeit der Frankfurter 
seine Entstehung verdankt. Im Jahre 1597 er 
warb Jean Aubry in Neuhanau ein Grundstück, 
auf welchem u. a. das Haus Langgasse 86 steht, 
welches heute noch nach dem Buchdruckcrzeichen 
der Wechel-Aubry Das fliegende Pferd heißt, 
und ein solches noch heute über seinem Thore 
führt. Die vollständige Einrichtung der Druckerei 
erlebte Aubry nicht mehr, er starb zwischen der 
Herbstmesse 1600 und der Herbstmesse 1601. 
Im Jahre 1602 war die Druckerei vollständig 
eingerichtet. Leiter war Claude de Marne 
(Claudius Marnins), Aubry's Schwager. Besitzer- 
waren neben ihm die Erben seines Schwagers, 
dessen Wittwe Margaretha, geb. Wechel und 
deren Kinder. 
Bald nach Eröffnung der Druckerei in Neu 
hanau wurde für die Arbeiter der Aubry'schen 
Erben eine Druckordnnng erlassen, welche aber 
nur für ihre eigene Druckerei Geltung erlangte. 
(Wortlaut s. Könnecke S. 130-134.) 
Der Betrieb der Druckerei in der neuen Heim 
stätte machte der alten Firma alle Ehre. Gegen 
150 umfangreiche, meist wissenschaftliche Werke 
brachten die Wechel-Aubry in der Zeit von 1602 
bis 1610 als Neuheiten aus die Frankfurter 
Messe. Claude de, Marne schied im Jahre 1610 
aus der Firma aus, zog wieder nach Frankfurt 
und starb dort kurz vor dem 5. April 1610. 
Die Firma Aubry aber blühte noch weiter, bis 
sie mit dein Jahre 1738 verschwindet, nachdem 
sie die letzten Jahrzehnte hindurch nur noch 
kümmerlich bestanden hatte. 
Der älteste dem heutigen Regierungsbezirk 
Kassel entstammende Buchdrucker war Johannes 
H a l b e y aus Gelnhausen, der in den Jahren 
1606—1610 in Alt-Hanau druckte. Auch sein 
Geschäft muß ziemlich bedeutend gewesen sein, 
da er in den Jahren von 1608 bis 1610 recht 
starke Folianten (Werke von Melchior Goldast) 
druckte. Seine Druckerei hatte er sich wahrschein 
lich 1598 mit der Wittwe des Frankfurter Buch 
druckers Wilhelm Harnisch erheirathet. Von Hanau 
zog er sich wieder nach Frankfurt zurück, wo er 
mit Frankfurter Drucken noch in den Jahren 
1613—1616 nachweisbar ist. Er war aber an 
dem Fettmilch'schen Aufstande in Frankfurt be 
theiligt und wurde im Februar 1616 deshalb 
proskribirt. 
Der erste Buchdrucker Kassels, Wilhelm 
Wessel, stammte vielleicht aus Bremen; zu be 
stimmen ist aber über den Geburtsort nichts.
	        

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