Full text: Hessenland (14.1900)

JTo 12. 
XIY. Jahrgang. 
Kassel, 16. Juni 1900. 
Sommerabend. 
€s steigt aus märchenstillem Cbalc 
Gcbcimni^üoll die Nacht heraus. 
Löst aus den bergen ihre Schleier 
Und schiägt die müden .Hugen aus. 
Stolz rieht sie weltverlor'ne Straßen, 
Mondgold als Krön' und halsgeschmeid', 
Lraumsterne in den schwarten Locken. . . . 
.Hls Königin der Einsamkeit. 
Gin letzter Duft entschwebt der Haide. 
6in letzter Lon bebt durch das Seid 
Und ahnungsreich klingt durch die Stille 
Das Lied von einer höhern Welt . . . 
Kauschenberg. Valentin Brandt 
0n rauher wettertag. 
War das ein rauher Wettertag 
Mit Wirbelsturm und hagelschlag! 
lerfetzt aus thränenscuchter Haid' 
Liegt Frühlings maiend Bliithenklcid. 
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Doch Frühlings Blut quillt jung und stark. 
Noch spannt die Lebenskraft sein Mark. 
6r lacht im Leid ganz frohgemut!): ^ 
, Geduld! Cs wird noch alles gut!“ 
— „Geduld, Geduld!“ das herz oft spricht. — 
Vcrwund'nes Leid vergißt }id) nicht. 
— .Hls Sonne reifend zog durch's Land. 
Die Frühlingssaat verkümmert stand. 
Marburg. Franz IN. Litterscheidt. 
Die Sterbende. 
„Was klingt doch durch die Nacht so leise? 
Ich höre eine eigne Weise 
Wie Glocken“ ... — Glocken sind das nicht! 
Die tönen nicht zu dieser Stunde 
Der tiefen, tiefen Mitternacht, 
Wo alles schweigt in weiter Kunde. — 
„Ich meine auch, id) seh' ein Licht 
Dort durch's verhang'ne Fenster funkeln" .... 
Nein. Mutter! Wir sind ganz im Dunkeln. — 
„Sag', träum' ich? ... Id) bin doch erwacht . 
Und horch! wer ist's, der aus der Luft 
So herzlich mir nach Hause ruft?" . . . 
Nicht Glocken. Sterne, Stimmen find’s; 
's ist, Mutter, nur das Wehn des Winds. — 
„Nein, Kind . . . Gin .Hnd’rcs . . . Leben . . . 
Cod . . . 
Gut' Nacht, lieb' Kind . . . Ich geh' in's 
Morgenroth" . . . 
Ober-Klingen. Karl Ernst Knodt.
	        

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