Full text: Hessenland (14.1900)

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Revanche für Speierbach. 
eine $oldatcn=6cfcbid)tc von Ludwig Mohr. 
(Schluß.) 
Nach kurzer Zeit erschien Fritz. Bei seinem 
Anblicke stieß Agathe einen lauten Schrei ans; denn 
kaum erkannte sie ihn wieder. Sein Haupthaar 
hing verwildert um den Kopf, die Gesichtsfarbe, 
sonst so frisch, war unter dem Einfluß der Kerker 
lust fahl geworden, und die Augen lagen tief in 
den Höhlungen. Nicht so bald hatte er die Ge 
spielin gehört und erkannt, als er in seinem Gang 
einhielt und mit beiden Händen das Gesicht be 
deckte. 
Da endete der Prinz das Peinliche des Augen 
blicks. „Wir haben Ihn herführen lassen," so be 
gann er in strengem Tone, „um Ihm seine Be 
gnadigung zu verkündigen, die jene Person, die Er 
ja wohl kennt, für Ihn erbeten hat, und die Wir 
unter dem ausdrücklichen Vorbehalt gewährt haben, 
daß sie Ihn aus der Stelle heirathe. Da aber 
Strafe sein muß, so befehlen Wir, daß nach der 
Trauung die junge Frau sich nach Hause begiebt, 
und daß Er sie in dem Zeitraum eines Jahres, 
von heute ab gerechnet, nicht wiedersehen soll! 
Herr Feldprediger!" wendete er sich dann an den 
mittlerweile erschienenen Geistlichen, „Wir bürgen 
für die nachträgliche Dispensation von den übrigen 
vorbereitenden Formalitäten; thun Sie so rasch als 
möglich jetzt das Ihrige." 
Und so geschah es. Nach zehn Minuten waren 
Fritz und Agathe Mann und Frau. Kaum aber 
hatte der Pastor den Segen gesprochen, kaum war 
sein Amen verhallt, so ertönte auch schon des 
Prinzen Kommandostimme: „Rechtsnmkehrt! Vor 
wärts marsch!" und ohne Abschied, ohne Kuß und 
Händedruck mußte der verblüffte Ehemann ab- 
marschiren. 
7. 
Ter Frühjahrs- und Sommerseldzug des Jahres 
1704 ging ohne besondere Ereignisse vorüber. Ta 
kam der Tag von Hochstädk, der dreizehnte August 
1704, der den reichen Siegeskranz der hessischen 
Waffen um ein frisches, unvergängliches Lorbeerreis 
bereicherte. Ter Erbprinz Friedrich durchbrach 
an der Spitze der Reiterei des linken Flügels 
die Schlachtlinie der Franzosen, und als er 
diese Waffenthat vollbracht hatte, sah er den 
Marschall Tallard, der sich dem Oberstleutnant 
von der Boynebnrg ergeben hatte, als Gefangenen 
vor sich. 
Am besten hatten sich von den hessischen Truppen 
wiederum die Grenadiere gehalten und den alten 
Ruhm der Waffe bewährt. An einer steilen 
Böschung, die von ihnen erstürmt war, lagen ihre 
Todten dicht geschaart. 
Friedrich, der das Schlachtfeld beritt, sah es 
und war der Bewunderung voll. Als er noch so 
staunend hinüberschaute, da richtete sich bei den 
Vordersten der Gefallenen ein von Blut über- 
strömter Verwundeter ans, hob den linken Arm tu 
die Höhe und die Bärenmütze schwenkend rief er 
laut mit der letzten Kraft seiner brechenden Stimme: 
„Vivat Fridericus! Revanche sürSpeierbach!" 
Dann sank der Todmüde wieder ans das Hänflein 
der gefallenen, todten Kameraden zurück. 
Friedrich hatte den Grenadier aus den ersten Blick 
erkannt und gab Befehl, den Verwundeten sofort 
nach dem nahen Verbandsplatz zu schaffen. Es 
war Fritz Hellwig, den, als Vordersten der Vor 
deren, beim Sturme ans die Höhe sechs feindliche 
Kugeln ereilt und zu Boden geworfen hatten. 
Seine Bravheit aber hatte zündend ans die 
Kameraden gewirkt, die Höhe wurde erstürmt und 
siegreich behauptet. — Von den Verwundungen des 
Gefallenen zeigten sich vier als unwesentlich, die 
beiden anderen aber verlangten die Abnahme des 
linken Unterschenkels! Fritz ertrug die Schmerzen 
der Amputation mit frischem Muthe. Alan schaffte 
ihn nach einem der besten Lazarethe, und ans die 
besondere Weisung des Prinzen ward ihm die aus 
gesuchteste Pflege zu Theil, so daß seine Genesung 
verhältnißmäßig rasch von statten ging. 
Ter Prinz aber leitete den Siegesbericht an 
seinen Vater in Kassel mit den Worten des Grena 
diers ein: „Revanche für Spei erb ach!" die 
seitdem eine stehende Redensart in Hessen und 
seinen Nachbarländern geblieben sind bis auf den 
heutigen Tag. 
Es war Mitte November und in der Dämmerung 
eines Sonntagabends, als durch das Stadtthor von 
Homberg ein junger Stelzsich gehumpelt kam und 
schnurstracks seinen Weg zur Stadtkirche nahm. Er 
besaß offenbar genaue Ortskenntniß; denn er trat 
an den Thurm heran, wo sich die Thür zum Auf 
gang befand und zog den Ring der danebenhängenden 
Glockenschnur. Noch einige Augenblicke ungeduldigen 
Wartens, und — in den Arinen lagen sich die 
beiden Ehegatten, die vor einem Jahre die Gnade 
des Prinzgenerals geschaffen hatte. 
Wir könnten die Beiden nunmehr dem Voll- 
genusse des Glückes, sich wieder zu sehen, überlassen, 
hätten wir nicht noch hinzuzufügen, daß der Prinz
	        

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