Full text: Hessenland (14.1900)

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heiratheten Töchter blieb er fortwährend in enger 
geistiger Verbindung. Die zahllosen noch vor 
handenen Briefe, die er, aller Entwicklung auch 
in der Ferne mit treuester Fürsorge überwachend, 
mit ihnen wechselte, legen Zeugniß dafür ab. 
Diese Fürsorge und das leuchtende Vorbild, 
welches der Vater gab, trugen ihre Früchte. 
Alle Söhne, mit der einzigen Ausnahme eines, 
welcher noch im jungen Alter verstarb, leisteten 
sehr Tüchtiges aus den verschiedensten Gebieten 
des menschlichen Wirkens. 
Im Folgenden gebe ich einige Belege für meine 
Angaben. — Diese Angaben, die ich ohne Wahl 
den Stößen von Familienbriesen, die noch in 
meinem Besitz sind, entnehme, gewähren einen 
Einblick in das Familienleben des Mannes, einen 
Einblick in sein inneres Fühlen und Denken, der 
wohl einen Rückschluß ans seinen Charakter er 
laubt. 
1. Brief Meysenbug's an seinen ältesten Sohn, 
als derselbe die Universität bezog: 
„Unsre innigsten Wünsche, mein herzlicher 
väterlicher Seegen, lieber Fritz, folgen Dir nach. 
Reise mit Gott! halte Dich fest an Religion 
und Tugend, bleibe offen und bieder, fleißig 
und ordnungsliebend, wie bisher, und Tn wirst, 
wie bis jetzt in geringerem Maaße, einst in 
höherem Grade Deiner Eltern Freude und 
Stolz werden. 
Ja, mein guter Sohn, wie ich Dir schon 
mündlich äußerte, jetzt oder nie mußt Du den 
Grund legen zu Deinem künftigen Gluck; ist 
diese kostbare Jugendzeit ungenutzt verstrichen, 
ist sie wohl gar misbraucht, dann ist es zu 
spät. Tausendfache Reue, die bittersten Vor 
würfe des eignen Gewissens und anderer Menschen 
können das Verlorene, das unwiederbringlich 
Verlorene, nicht ersetzen. — 
Doch Du hast bereits gezeigt, daß man hoffen 
kann, einen brauchbaren Mann einst in Dir 
zu finden; wandle den Weg fort, den Tu 
bisher betratest, bedenke, daß hierdurch Deiner 
Eltern mancherley Sorgen um vieles erleichtert 
und Dir selbst frohe Tage bereitet werden. 
Menschlichem Ansehen nach kann ich zwar noch 
mehrere Jahre mit Dir, mit Deinen Geschwistern 
hier zubringen, kann Dir vielleicht manchen 
Beistand geben, welchen andre nicht haben. — 
Doch verlasse Dich daraus nicht, lieber Fritz, 
wie ich Dir schon sagte: Tie beste Stütze ist 
das eigene Wissen; Kenntnisse mit einem red 
lichen Charakter verbunden führen unter allen 
Umständen sicher durch die Welt. — 
Und sollte — was ich noch abzuwenden die 
Vorsehung bitte — mein Ziel etwa früher 
gesteckt seyn, dann, guter Fritz, bist Tn ja 
Deiner theuern Mutter sicherste Hoffnung. 
Deiner Geschwister erste Stütze. — 
Ich hoffe, daß Du immer gute Gesellschaft 
finden, alle böse fliehen wirst; diese können 
auch den besten jungen Mann verderben, be 
sonders bey einem weichen, gefühlvollen Herzen, 
wie das Deinige ist. Darum gieb Dich nicht 
zu leicht hin, prüfe erst die Menschen, ehe Du 
Dich ihnen näher anschließest; ans der andern 
Seite aber sey auch nicht zu mistrauisch; be 
sonders, wenn Tn einen bewährten Freund 
gesunden, sey ihm auch ganz Freund! — denn 
die Jugendfreundschast erhält sich durch das 
ganze Leben und gewährt uns auch in den 
späteren Jahren noch manche frohe Genüsse. 
Gute Gesellschaften, besonders auch gute ge 
mischte Gesellschaften, d. h. solche, an denen 
auch gebildete, sittsame Frauenzimmer Theil 
nehmen, fliehe nicht; sie geben dem jungen 
Manne die Regeln des Benehmens in der Welt, 
welche wir nicht unbeachtet lassen dürfen, wenn 
wir demnächst mit Beifall unter Menschen auf 
treten wollen. 
Sey bescheiden, wie es jungen Leuten vor 
zugsweise geziemt; dagegen sey aber auch nicht 
schüchtern und blöde; wisse Deinen eignen 
Werth zu achten, ohne jedoch durch Eigendünkel 
Dich lächerlich zu machen. 
Ordnung und Pünktlichkeit ziemt vorzüglich 
dem Mann! In dieser Hinsicht hat es mich 
gefreut, daß Du heute zur Abreise pünktlich 
Dich einfandest; halte es immer so, bey der 
Arbeit, wie bey der Erholung; dann kannst 
Du Deine Zeit gehörig eintheilen und Tn 
erweckst dadurch bey anderen ein gutes Bor- 
nrtheil für Dich. — Glaube mir, daß mir die 
Befolgung des Grundsatzes .nie zu spät zu 
kommen' schon manches Lob, manche Zufrieden 
heit gebracht hat. Es ist dieses anscheinend eine 
Kleinigkeit; oft sind aber die Folgen wichtig. — 
Alles Gesagte kommt aus dem Herzen Deines 
Dich zärtlich liebenden Vaters, mein guter 
Fritz; des Vaters, der nur aus Dein Wohl 
sinnt und dem es eine der herrlichsten Aus 
sichten gewährt, wenn er Dich im Geiste neben 
sich wirken sieht zum Besten des Vaterlandes, ge 
achtet vom Fürsten und von seinen Mitbürgern. 
Guter Saamen ward ausgestreuet, lasse gute 
Früchte ausgehen! — 
Bleibe gesund und denke, daß wir uns bald 
wieder umarmen werden, einen Augenblick, den 
niemand sehnlicher herbeywünscht als Tein 
treuer. Dich liebender Vater." 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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