Full text: Hessenland (14.1900)

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hatte und sich dessen Angriffe von der Seite 
entziehen wollte. 
Der hessische Fürst erschien am 24. Dezember 
(3. Januar) spät Abends auf Rheinsels in dem 
Drange, die tapfere Besatzung baldigst zu sehen und 
ihrem heldenmüthigen Führer Anerkennung auszn- 
sprechen. Der folgende Tag war ein Sonntag, der 
Landgraf und seine Krieger gaben Gott die Ehre, in 
der Stadtkirche zu St. Goar erklang das Io äsuin 
laudamus, von den Wällen der Festung gaben 
alle Geschütze und die ganze Musketerie drei 
Freudensalven ab. Darnach besichtigte der Fürst alle 
Werke, deren mehrere in Schutt und Trümmern 
lagen. Alsbald begann er auch die Herstellung 
der Festung in Angriff nehmen zu lassen. Den 
26. Dezember verließ Landgraf Karl Rheinfels 
und St. Goar. 
Tie Kriegsgeschichte des kleinen hessischen Heeres 
war um ein leuchtendes, herrliches Beispiel reicher. — 
(Wird fortgesetzt.) 
Freiherr Karl Wvalier von Meysenbug, 
Kurfürstlich hessischer Mimtsminister. 
Von Hermann Freiherrn von Meyfenbug-Lauenau. 
(Fortsetzung.) 
J ch habe schon wiederholt auf den starren, 
eigenwilligen Charakter des Kurfürsten hin- 
t gewiesen. Mit diesem hatte Meysenbug täg 
lich, stündlich, ja, jede Minute seines Lebens zu 
rechnen. 
Diesem Trotze, diesem im höchsten Grade auto- 
kratischen Wesen des Kurfürsten gegenüber erhob 
sich das Frühlingswehen der auf freiheitlichere 
Gestaltung des Staatswesens gerichteten Wünsche 
seines Volkes. — Nach den Auslassungen der 
„Geschichte des 19. Jahrhunderts" erscheint Meysen 
bug als erbitterter Gegner und Nichtachter solcher 
Wünsche. Denn es heißt dort: „Während die 
Minister in Kassel redlich an den neuen organischen 
Gesetzen arbeiteten, bildeten der Kurfürst mit der 
Gräfin und ibrem Mevsenbua eine geheimniß 
volle, absolutistische Gegenregierung im schönen 
Schlosse Philippsruhe am Main." 
Gewiß war Meysenbug ein Mann von streng 
konservativen Grundsätzen nach den Anschauungen 
der damaligen Zeit. Er war aber zugleich ein 
streng rechtlich denkender Mensch und stets be 
flissen, die Erfüllung aller berechtigten Wünsche 
des Volkes mit Nachdruck zu vertreten. Daß 
er das, soweit er dies seiner Stellung und dem 
schwer zur Nachgiebigkeit zu bestimmenden Cha 
rakter des Kurfürsten nach vermochte, gethan hat, 
ist sicher. Es ist mir dies von mehreren Personen, 
welche in damaliger Zeit in Kassel gelebt haben 
und über diese Vorgänge unterrichtet sein konnten, 
mitgetheilt und zugleich versichert worden, es sei 
als ein Akt der Gerechtigkeit anzusehen, daß die 
kurhessische Verfassung neben dem Namen des 
Kurfürsten nur den Meysenbug's als einzigen 
kontrasignirenden Ministers trage. 
Meysenbug hatte nie nach Erlangung von 
äußeren Ehren getrachtet. Er war stolz auf 
seinen Namen „Rivalier" und auf seine Vor 
fahren dieses Namens, welche Reichthum und 
Ansehen, die sie in ihrer alten Heimath im süd 
lichen Frankreich besaßen, ihrer Ueberzeugungs 
treue zun: Opfer gebracht hatten, indem sie als 
Protestanten nach der im Jahre 1685 erfolgten 
Aufhebung des Ediktes von Nantes auswanderten. 
Daß ihm bei seiner Nobilitirung der Meysen- 
bug'sche Name zu Theil wurde, hatte seinen 
Grund in der väterlichen Freundschaft, welche 
ihm, der als kleines Kind verwaist war, der letzte 
treffliche Sproß eines alten hessischen Geschlechtes, 
der am Anfange dieses Jahrhunderts verstorbene 
Landrath von Meysenbug gewidmet hatte. 
Ebenso wie Meysenbug nicht nach Erlangung 
äußerer Ehren strebte, so war er auch weit ent 
fernt davon, sich die enge Verbindung des Kur 
fürsten mit den: Rothschild'schen Hause zu Nutze 
zu machen zu eigener Bereicherung. Seine strenge 
Rechtlichkeit und die völlige Unzugänglichkeit be 
züglich aller auch nur entfernt nach einem Vor 
theil oder einer Begünstigung hinweisenden Winke 
entlockten dem alten A. v. Rothschild einst den 
für beide Theile charakteristischen Ausruf: „Gott, 
was ist das für ein Mann! Von dem Manne 
nehme ich lieber eine Ohrfeige, wie von einem 
andern einen Kuß!" 
Meysenbug trat als vermögender Mann in 
den Staatsdienst und starb, trotzdem er ein vor 
züglicher Haushalter gewesen war, wofür seine 
zum großen Theil dem Schreiber dieses aus seinen 
Kontobüchern bekannt gewordene Geschäftsführung 
Zeugniß ablegt, arm. Was er besessen, hatte er 
seiner Stellung und der Erziehung seiner zahl 
reichen Kinder zum Opfer gebracht. Mit seinen 
sieben heranwachsenden Söhnen und später mit 
deren Familien, sowie auch mit denen der ver-
	        

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