Full text: Hessenland (14.1900)

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Ein heiliges Wehen geht nm bcii Berg .... 
Stimmungen der Andacht, Schauer einer seltenen 
religiösen Empfindung durchrieseln uns, unwillkür 
lich wird das Herz ernst gestimmt. 
Dicht an den Klosterhvf schmiegt sich die kleine, 
einfache Kirche an, hinter deren abschüssiger, dicht 
an eine aufsteigende Flanke des Berges gelehnter 
Seitenmauer vorbei der Weg abwärts zum Bor- 
hof führt. Die Pforten der Kirche stehen weit 
geöffnet. Fromme Beter sind drinnen auf's Knie 
gesunken . . . Kein Laut, selbst nicht das wüthende 
Gebell der Klosterdoggen, welche die Ankunft neuer 
Wanderer verkünden, vermag ihre Andacht zu 
stören. 
Der Glvckenzug dröhnt schrill in die klösterliche 
Ruhe hinein, und nach einer Weile raschelt ein 
schlürfender Tritt inwendig über die Steinfliesen. 
Bruder Severus, der Pförtner des Klosters, den 
riesigen Schlüsselbund in der Hand, erscheint in 
der Thür, eine hagere, bleiche Gestalt mit ab 
gehärmten Zügen. Ein erster Blick auf den Mönch 
giebt uns zu rathen. Diese hohe, gewölbte Stirn, 
über der sich ein schwerer Ernst lagert, die dunkeln 
tiefliegenden Augen, aus denen ein geheimnißvolles 
Weh spricht, der Mund mit den schmalen Falten, 
ein Mund der Entsagung, dazu die dunkle, härene 
Kutte, das ganze Wesen des stillen Bruders, wecken 
ein leises Mitgefühl in uns. Die Phantasie spiegelt 
sich gleich ein ganzen Roman als Kommentar 
dazu vor. 
Herzlich klingt sein „Gott segne Euren Eingang. 
Gelobt sei Jesus Christ" allzeit dem Wanderer 
entgegen. Dann schließt sich die Pforte wieder 
hinter den weltlichen Gästen. 
So kommen in den Sommermonden fast täglich 
Leute hier oben an, seien es fromme Wallfahrer, 
die ans weiter Ferne kommend Unterkunft in den 
gastlichen Räumen suchen, seien es lustige Sommer 
vögel aus der Umgegend, die an schönen Sommer 
tagen hier oben hinausgeslattert kommen, um die 
weit und breit bekannte Gastlichkeit der Mönche 
für ein paar Stunden in Anspruch zu nehmen. 
Besonders an Sonntagen ist es ein beliebter Aus 
flugspunkt für Gesellschaften, welche die Sekundür- 
bahn bis an den Fuß des Berges trägt. Auch 
frische frohe Studenten, junges Blut mit leichtem 
Sinn, aus den umliegenden Universitäten Würz 
burg, Gießen, Marburg, pflegen gern ihren Durst 
an dem riesigen Klostersaß zu stillen. Die stimmen 
wohl ab und zu auch ein weltlich Liedlein hier 
oben an, das schallt gar seltsam in den ernsten 
Klosterräumen. Aber im Winter, bis in den 
Frühling hinein, wenn der Schnee sich fußhoch 
um die Klostermauern thürmt, und ein kalter, 
eisiger Wind um die Fenster pfeift, wenn des 
Winters Macht sich in seiner ganzen elementaren 
Strenge hier oben zeigt, dann liegt das Kloster 
einsam und verlassen da, wie eine in Schnee uitb 
Eis begrabene Welt, dann sind die Mönche ganz 
allein mit Gott und der winterlichen Landschaft. 
* * 
* 
Seit einem halben Jahr befindet sich Bruder 
Severus oben im Kloster. Ein Zufall hat ihn 
aus den bairischen Alpenfirnen in seine heimath 
lichen Berge der Rhön zurückverschlagen, eigentlich 
gegen seinen Wunsch, Denn die Erinnerungen 
an die Heimaty sind ihm schmerzlich . . . 
Severus ist der fleißigste Beter des Klosters. 
Des Morgens in aller Frühe, wenn die Glocken 
zur Matutine rufen, ist er der erste in der Kirche, 
des Abends, wenn die Vesper längst geläutet ist 
und die Mönche sich zu traulichem Plaudern an 
der langen Tafel des Refektoriums versammeln, 
liegt er noch vor dem Altar in stillem Gebet und 
dankt seinem Gott für den Tag, den er ihm heute 
wieder geschenkt: 
„O wie reichlich strömte mir Gottes Gnade 
heute wieder zu. Nie werde ich Deine Liebe ver 
gessen, o mein Gott. Wie schrecklich sind Deine 
Gerichte, wie unendlich ist aber auch Deine Barm 
herzigkeit. Ich hab' es beschlossen, ich will mich 
in Ewigkeit nicht wieder von Dir trennen." 
Bruder Severus hat entsagen gelernt. Er hat 
entsagt der Welt und ihrer Fleischeslust. Nicht 
leicht, er hat lange kämpfen müssen. Ein Name, so 
unendlich süß, schallte in das Flüstern des Gebets, 
ein Name, der tausend Erinnerungen an die Jugend 
zeit in ihm wachruft, eine lockende Frauengestalt, 
schön wie die Mutter Gottes, stieg immer wieder 
vor ihm aus. Nach ernstem Ringen hat er endlich 
Gnade gesunden vor dem Barmherzigen. Abgesondert 
von den Brüdern, lebt er seiner Arbeit und dem 
Glauben an seinen Erlöser. Nur einen Freund 
hat er hienieden, die Natur. Allabendlich, bei 
Sonnenuntergang, wenn ihm sein Pförtneramt 
nichts zu thun giebt, sieht man ihn die Stufen, 
die vom Kloster aus, in den Rasen gefügt, aus 
den Gipfel des heiligen Berges führen, hinanf- 
wandeln. Tort in der poetischen Einsamkeit, am 
Denkmal des Rhöntroubadours, inmitten einer 
unmuthigen Gruppe von dichtem Gebüsch, ist sein 
Lieblingsplatz. Weit, unermeßlich weit schweift 
hier der Blick hinunter in das tief zu Füßen 
liegende Land, das auch am lichtesten Tage kein 
Blick ganz übersehen kann, gestalt- und farblos. 
Wiesen, auf denen sich weiße Nebel ballen und 
jagen. Berge, die wie träumende Riesen lagern. 
Dort sitzt er allabendlich und sieht, wie die 
Sonne stirbt aus dem öden Gebirge. Sie geht
	        

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