Full text: Hessenland (14.1900)

M 11. 
XIV. Jahrgang. Kaffel, 1. Juni 1900. 
Walüesrast. 
gleich fern dem Bimmel und der Grdenmelt, 
ln einer Dämm'rung trunkener Gefühle, 
Lieg' ich auf grünem, moosgefchwelltem Pfühle, 
Bis mid) der Schlummer heimlich überfällt. 
Gin schöner Craum tritt aus dem Wald hervor, 
In einem weitem himmelblauen Kleide, 
Setzt sich vertraulich an des Schläfers Seite 
Und raunt ein klingend Märd-en ihm in's Ohr. 
6s ist ein holdes Schlafen, wenn der Cag 
Um's Lager schreitet und der Vögel Lieder 
Wie Blumen fallen auf den Schläfer nieder 
Und über feinem Haupte rauscht der Hag. 
Und wenn er aufwacht, hegt er im Gemüthe 
Poch einen Schatz von wunderlichen Dingen, 
Gr kann verstehen, was die Vöglcin fingen, 
Und was im Kelch der Blume heimlich blüht. 
Die ihr dem Cräumcr freundlich seid gesinnt 
0 wollt auch mir so holde Weisheit geben, 
Ihr Waldesfcelcn, daß mein täglich Leben 
Die Poesie mit goldnem Deß umspinnt. flnna Ritter> 
Vor -em Chore 
Ich bin heut' früh durch die Stadt gegangen 
Und habe zu suchen angefangen, 
Die Straßen lief ich wohl auf und ab 
Und fand doch Keinen, der Antwort gab, 
Wo all meine Lieben 
Geblieben. — 
Da hab' ich all’ meine stummen Klagen 
Zum alten Stadtthor hinaus getragen — 
Und draußen lagen sie, Grab an Grab, 
Die ich vor Zähren besessen hab' . . . 
Cief unter den Steinen, 
Die Meinen. Anna Ritter.
	        

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