Full text: Hessenland (14.1900)

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Friedrich befahl, es vorzulassen, und bald darauf 
erschien ein schwarzgekleidetes Frauenzimmer bürger 
lichen Standes, eine seine liebliche Gestalt, über 
deren bleiche, zartgeschnittene Züge tiefes Seelenleid 
einen besonderen Reiz breitete, und aus deren dunklen 
Augen allgewaltiger Zauber sprach. 
„Was ist Ihr Begehr, schönes Kind?" fragte der 
Prinz leutselig. 
„Gnade!" lispelte das Mädchen und sank vor 
dem Prinzen in die Kniee. „Gnade, Durchlaucht, 
für den Grenadier Hellwig!" 
„Wer ist Sie, die es wagt, für den Fahnen 
flüchtigen zu bitten?" fragte der Prinz, und der 
Ton seiner Stimme schien ein noch wohlwollenderes 
Interesse zu verrathen. 
„Ich bin die Agathe Merkel, um derentwillen 
der Unglückselige davon gegangen war, Durchlaucht!" 
seufzte Agathe und schlug vor dem durchdringenden 
Blicke des Prinzen die Augen nieder. Diese Ver 
wirrung verlieh ihren Zügen neue Anmuth, so daß 
der Prinz, der das arme Kind mit steigendem Wohl 
wollen betrachtete, dem neben ihm stehenden Oberst 
leutnant von der Boyneburg, den seine Soldaten 
nur den „alten Bemelburg" nannten, zuflüsterte: 
„Gelt, Alterchen, so ein Gesichtchen könnte Ihn auch 
schon einmal aus einige Tage fahnenflüchtig machen?" 
„Durchlaucht", antwortete der alte Haudegen, 
„lassen wir lieber die Probe! Bomben und Granaten! 
jetzt erst begreife ich den Burschen!" 
„Boyneburg, was meint Er, wenn Wir den 
Burschen begnadigten?" 
Der greise Haudegen schmunzelte, indem er mit 
Gönnermiene zu dem Mädchen hinüberblickte: der 
Prinz aber fuhr in seiner Rede fort: „Aber Strafe 
muß sein, eine recht empfindliche Strafe. Haha, 
Wir haben es! Unser'Spruch soll dem Urtheil 
weiland König Salomos nicht allzuviel nachstehen!" 
Ein jovialer Anflug erheiterte bei den letzten Worten 
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Airs aCter uv 
Die ältesten Beziehungen der Land 
grafen von Hessen zu den Hohenzollern 
fallen in die Zeit, in welcher die letzteren noch ein 
fache Burggrafen von Nürnberg waren. I o h a n n VI. 
von Nürnberg, Friedrich's Ill. Sohn, welcher 
im Jahre 1300 kinderlos starb, war mit Agnes, 
der Tochter Landgraf Heinrich's 1. von Hessen 
vermählt; Margarethe von Hohenzollern, Frie 
drich's V. von Nürnberg Tochter und Frie 
drich's VI. Schwester, wurde 1383 die Gemahlin 
Landgraf Hermann's des Gelehrten, des Nach 
folgers seines Oheims Heinrich 11. des Eisernen. 
die schönen Züge des Prinzen; dann sprach er, zu 
der Kleinen gewandt, weiter: „Stehe Sie auf, 
Jungfer, und höre Sie Uns an. Wir haben be 
schlossen, den Malefieanten zu begnadigen, jedoch 
nur unter der Bedingung, daß die Strafe umgewandelt 
wird. Ihr schönes Gesichtchen hat den Soldaten 
zur Fahnenflucht verleitet. Sie ist also die Mit- 
schuldige des Grenadiers und als solche ebenfalls 
strafbar. Sie wird also die Strafe zur Hälfte zu 
tragen haben. Wir ändern daher den Spruch des 
Kriegsgerichts dahin ab, daß Sie als Mitschuldige 
mitgestrast wird; demgemäß sprechen Wir den 
Grenadier Hellwig unter der Bedingung frei und 
los, daß Sie ihm noch in diesen! Augenblicke als 
Ehefrau die Hand reicht! Will Sie das?" 
Agathe erröthete bis zur Halskrause. Sie wollte 
sprechen, sie stammelte und brachte doch keine zu 
sammenhängenden zwei Worte über die Lippen. 
Das war etwas für die prinzliche Laune. Einen 
Augenblick noch weidete der Prinz sich an der 
Verwirrung des Mädchens, dann schnitt er jedes 
Weitere mit den Worten ab: „Nun, will Sie, 
Mademoiselle, oder will Sie nicht? Es bedarf 
blos des Wörtchens Ja oder Nein, und in Ihrer 
Hand liegt nur noch einen Augenblick lang Leben 
oder Tod des Verurtheilten!" 
Da hauchte ein leises „Ja" über die bebenden 
Lippen des Mädchens, und noch tiefer neigte es das 
hocherröthete Köpfchen. 
„Bravo! So ist es recht! — He, Boyneburg, 
wer hätte vor vier Wochen gedacht, daß dieses 
Trauerspiel heute so wunderlich mit einer Hochzeit 
schließen werde?! Aber noch sind wir nicht am 
Ende, die Ueberraschung kommt noch. Lassen Sie 
den Feldgeistlichen herbitten und alle sonst nöthigen 
Vorbereitungen zur Trauung sofort treffen, auch 
den Grenadier Hellwig Uns vorführen!" 
(Schluß folgt.) 
^ 
iö neuer Zeit. 
Friedrich V. hielt aus seinen Schwiegersohn so 
große Stücke, daß er in einem Hausgesetze von 
1387 verfügte, daß in seinem Lande ohne die 
Einwilligung des Landgrafen keine territorialen 
Veränderungen vorgenommen werden sollten. Be 
sonders nahe schlossen sich aber die beiden Schwäger 
Hermann der Gelehrte und Friedrich VI. an ein 
ander an. Sie reisten gemeinschaftlich auf die 
Fürstentage, welche der Absetzung des Königs 
Wenzel vorausgingen, sie wohnten beide den Be 
schlüssen der Fürsten vom 1. Februar 1400 zu 
Frankfurt a. M. bei, wonach der zu wählende
	        

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