Full text: Hessenland (14.1900)

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Kantor Hellwig von Homberg, der in der kurzen 
Zeit, seitdem wir ihm nicht begegneten, um zwanzig 
Jahr gealtert schien. 
„Welche Bürgschaft hat Er dafür zu bieten, daß 
dem so ist?" fragte gedehnt der Prinz. 
„Keine, Durchlaucht, als das Wort des Mannes, 
der seinen leiblichen Sohn — sein einziges Kind — 
der Fahne wieder zuführt, um seine Soldatenehre 
rein zu waschen, indem er gleichzeitig das Kriegsrecht 
für ihn fordert!" 
„Weiß Er auch, daß Er damit den Tod für Seinen 
Sohn verlangt, der, wie Er sagt, Sein einziges Kind 
ist?!" 
„Ich weiß es, Durchlaucht, denn ich war Soldat! 
Ich würde meinem Kinde die heißesten Thränen 
nachweinen, wüßte ich es unter den am Speierbach 
in Ehren gefallenen braven Grenadieren; so aber 
werde ich mit gebrochenem Herzen, jedoch thränenlosem 
Auge, dem Vollzug des Kriegsgerichts entgegensehen!" 
Als Hellwig geendet, trat der Generaladjutant 
des Prinzen in das Zimmer. 
„Wie fanden Sie den Burschen?" fragte der Prinz. 
„Er weist entschieden die Beschuldigung von sich, 
die Fahne aus Furcht verlassen zu haben, Durchlaucht. 
Sehnsucht nach der Heimath habe seine Seele er 
faßt, ihm die Sinne umnebelt und ihn wie mit 
eisernen Armen von dannen gezogen. Er fordert 
das Kriegsgericht und Sühnung der Kriegsgesetze 
durch den Tod!" 
Der Prinz durchmaß ein paar Mal mit großen 
Schritten das Zimmer, dann vor Hellwig stehen 
bleibend, fragte er: „Wie lange hat er gedient?" 
„Fünfundzwanzig Jahre, Durchlaucht!" 
„Wie ist er zu dem Ehrenzeichen gekommen?" 
Jetzt erst erinnerte sich Hellwig, daß er immer 
noch Merkels Auszeichnung auf der Brust trage, 
und er erzählte kurz die Vorgänge vom Sturme 
auf den Marabut bis zu seiner Aussöhnung mit 
Merkel im Rathskeller zu Homberg, indem er sich 
schließlich entschuldigte, daß er infolge der sich 
jagenden Ereignisse nicht mehr daran gedacht habe, 
daß er ein Ehrenzeichen trage, das ihm zu tragen 
nicht gebühre. 
Der Prinz bewunderte im Stillen den soldatischen 
Geist dieses Mannes, der sv zu Fleisch und Blut 
geworden war, daß er selbst über dem natürlichen 
Gefühle der Kindesliebe stand, und beschloß, dem 
alten Soldaten ben dem Kriegsrechte verfallenen 
Sohn zu erhalten Aus diesem Grunde fragte er 
Hellwig: „Eine Auszeichnung für Seine That ist 
ihm also noch nie geworden?" 
„Nie eine, Durchlaucht!" antwortete der Kantor. 
„Nun, so ist es Unsere Pflicht, das, was von 
Unserm Vater und Uns versäumt wurde, nachzu 
holen. Erbitte Er sich eine Gnade!" 
„Eine Gnade?" sagte Hellwig und wurde nach 
denklich. „Eine Gnade?" wiederholte er. Man sah 
es ihm an, daß er in seinem Herzen einen schweren 
Kamps kämpfte. Plötzlich aber warf er sich in die 
Brust, stolz erhob er den Kops und zum Erstaunen 
des Prinzgenerals sagte er: „Ich war hessischer 
Soldat, Durchlaucht. Ich bitte um Herstellung 
meiner Soldatenehre; ich fordere das Kriegsrecht 
für den Fahnenflüchtigen!" 
Der Prinz konnte eine tiefe Bewegung nicht 
verbergen. Sein ernstes Auge leuchtete in feuchtem 
Schimmer, und er brach in die Worte aus: 
„Wahrlich, so Uns künftig Einer über den Geist 
Unserer hessischen Truppen etwas Uebeles sagt, 
werden Wir ihm diesen Spartaner an den Hals 
schicken", und sich noch einmal an Hellwig wendend 
„Ist das alles, was Er von Uns erbittet?" 
„Alles!" sagte dieser; aber seine Stimme bebte, 
seine Lippen entfärbten sich, seine Knie zitterten, er 
fing an zu straucheln und sank ohnmächtig zu 
Boden. 
Die Liebe des Vaters zu seinem Kinde hatte 
ihre Rechte verlangt. 
6. 
Das unerbittliche Kriegsgericht hatte gesprochen. 
Angesichts der heldenmüthigen Todten am Speier 
bache konnte das Urtheil, trotzdem es nicht un 
bekannt geblieben war, daß der Prinzgeneral Milde 
wünschte, nicht anders fallen. Es lautete aus Tod 
durch Pulver und Blei ; doch ward der Verurtheilte 
der Gnade des Prinzen empfohlen. 
Lautlos hörte der Grenadier in seinem Gefängniß 
die Verlesung des Urtheils an, und als man ihn 
schließlich bedeutete, die Gnade des Prinzen anzu 
flehen, da forderte er in wildem Trotze, ohne 
Aufschub Vollstreckung des Spruches seiner Kame 
raden. 
Damit aber hatte es gute Wege; denn gerade 
der Prinz war es, der die Ausführung des Spruches 
hinhielt, und in der ganzen Armee ging es von 
Mund zu Munde, Durchlaucht warte aus Gelegen 
heit. den Grenadier begnadigen zu können. 
So ging ein Monat vorüber, und die Winter 
quartiere wurden bezogen. Um etwas Leben in 
das Hauptquartier zu bringen, hatte der Prinzgeneral 
einst seine Offiziere in froher Gesellschaft um sich 
versammelt. Er selbst hatte die rosenfarbenste Laune 
von der Welt und riß durch sein heiteres Wesen 
seine Gäste mit sich fort, so daß ein immer munterer 
Pulsschlag alle beseelte. Da, als die Stimmung 
am heitersten war, wurde dem Prinzen gemeldet, daß 
sich draußen ein Mädchen befinde, das ihn durch 
aus zu sprechen verlange nnd sich nicht abweisen 
lasse.
	        

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