Full text: Hessenland (14.1900)

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Fürsten, den die Schuld dafür trifft, wie für das 
Hessenland. Meysenbug ein Verbrechen daraus 
machen und ihn als Kreatur der Gräfin Reichen 
bach hinstellen zu wollen, ist ebenso falsch, wie ! 
im höchsten Grade ungerecht! 
Meysenbug war in der Zeit, welche den 
Wirren der Jahre 1830 und 1831 vorausging, 
Geheimer Kabinetsrath des Kurfürsten. Nur in 
der letzten Zeit der Regierung desselben bekleidete 
er das Amt eines Ministers der äußeren Ange 
legenheiten. 
Als Geheimer Kabinetsrath hatte Meysenbug 
sich naturgemäß mit den persönlichen Angelegen 
heiten seines Herrn zu befassen. Daß er auf 
diesem Gebiete häufig der von dem Kurfürsten 
über alles geliebten Gräfin Reichenbach be 
gegnete, daß er dieser und den Verhältnissen, 
welche die Verbindung der Gräfin mit dem 
Fürsten nach sich zog, nicht auszuweichen ver 
mochte, ja, daß er — den Befehlen seines Herrn 
folgend — wohl gar in den Schriftstücken, welche 
er zu verfassen hatte, ihrer Sache das Wort : 
reden mußte, das brachte seine Stellung als Ge 
heimer Kabinetsrath mit sich. — Es läßt sich I 
da jetzt leicht moralisiren und der Stab über : 
derartige Verhältnisse brechen. Man sollte aber 
nicht vergessen, die Zeit und die Anschauungen, 
in welchen die damalige Generation groß ge 
worden war, in Betracht zu ziehen, ehe man ein 
Urtheil fällt. 
Dem Kurfürsten Wilhelm II. war das Glück 
nicht zu Theil geworden, als auf den Thron Be 
rufener eine Herzens-Heirath schließen zu können. 
Seine Herzensneigung war die Gräfin Neichenbach 
und daß er, seinem starren Eigenwillen folgend 
und allen äußeren Rücksichten Trotz bietend, diese 
offen bekennen und ihr nngeschent sich überlassen 
wollte, war das Unglück seines Gebens, kostete 
ihm den Thron und den Frieden mit seinem 
Volke. 
Abgesehen von dieser Neigung und seinem durch 
das auf heftigsten Widerstand stoßende Festhalten 
an derselben im höchsten Grade ausgebildeten 
Eigensinne und Trotze wäre Wilhelm II. nicht 
der schlechteste Regent gewesen. Er besaß manche 
gute Eigenschaften und überragte in mancher 
Beziehung seinen Vorgänger sowohl wie seinen 
Nachfolger bei Weitem. 
Es liegt mir fern, die Handlungsweise des 
Kurfürsten in Bezug aus sein Verhältniß zur 
Gräfin Reichenbach vertheidigen zu wollen; nur 
möchte ich denjenigen, die ihn deswegen als 
„empörend liederlich und gewissenlos" verdammen 
und verdammt haben, die Sache auch in einer- 
anderen, und zwar der richtigen, Beleuchtung 
zeigen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Revanche für Speierbach. 
€ine Soldaten=6eicbicbte von £ u ciwig IHobr. 
(Fortsetzung.) 
o. 
Der fünfzehnte November des Jahres 1703, der 
Tag nach dem Verschwinden des Grenadiers Hellwig, 
war ein heißer, ein schrecklicher Tag für die braven 
hessischen Grenadierbataillone. An diesem Tage näm 
lich entbrannte am Speierbach eine der heftigsten 
Schlachten des spanischen Erbfolgekrieges. Tallard, 
der französische Marschall, griff in gewaltigem 
Andränge die Verbündeten an,' und das Kriegsglück 
war mit ihm. Der Erbprinz Friedrich von Hessen, 
bekannt als späterer Landgraf und König von 
Schweden, ein wegen seiner ritterlichen Tapfer 
keit und glänzenden Feldherrntalente hochgeseierter 
Kriegsheld, führte den rechten Flügel der befreundeten 
Armee; er ward geworfen. Die ganze Armee schien 
verloren! Ta stellte sich der Prinz an die Spitze 
seiner Grenadierbataillone und stemmte sich Tallard's 
Andrang entgegen. Wie eine Granitmauer stand 
die schlachtenerprobte Linie ihrer Kolonnen, keinen 
Fuß breit wichen sie zurück. Nie hielt der Tod 
ehrenvollere Ernte! In Reihe und Glied lagen 
die Kämpfer von Morea und dem Rhein, selbst für 
die Gegner ein Anblick sprachloser Bewunderung.— 
Tie Bataillone wurden fast gänzlich aufgerieben; 
aber der Zweck war erreicht — die Armee gerettet. 
Acht Tage nach dieser Schlacht finden wir den 
Erbprinzen in einer Bauernstube eines Dorfes nahe 
der französischen Grenze und vor ihm einen Mann, 
der sich tief gebückt auf seinen Stab stützte. 
„Er ist also der Vater des Grenadiers Hellwig, 
der am Vorabend der Schlacht am Speierbach seine 
Fahne aus Feigheit verließ?" 
„Erlauben, Durchlaucht, nicht aus Feigheit; Gott, 
dieser Schimpf wäre für mich alten Mann um so 
größer; nein, aus blinder Leidenschaft zu der Tochter 
meines Freundes", antwortete der Angeredete, der
	        

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