Full text: Hessenland (14.1900)

8 
von Knyphausen und gleichzeitig als Brigade- 
adjutant den amerikanischen Feldzug in allen 
Ehren mitmachte. 
Enthielt der soeben von uns gewürdigte Passus 
des Rechtfertigungsversuchs mehr indirekt eine Un 
wahrheit, so muß es hingegen als eine direkte 
Lüge bezeichnet werden, wenn weiter behauptet 
wird, daß man vor der Desertion „den Abschied 
aus dem hessischen Dienst genommen". Man 
denke sich einen Soldaten, einen Offizier, der 
mitten im Kriege vor dem Feinde seinen Abschied 
nimmt! Fürwahr, starke Zumuthungen werden 
an die Leichtgläubigkeit der Leser des „Pennsyl- 
vania-Packet“ gestellt. Die Dreistigkeit, mit 
welcher hier in die Welt hinausgelogen wird, 
sucht ihres Gleichen! Lassen wir uns nicht etwa 
düpiren durch die Bestimmtheit, mit der die 
Lüge auftritt, durch die geuaue Angabe von Zeit 
und Stunde, ein ja nicht ganz unbekanntes 
und in derartigen Fällen beliebtes Manöver, 
welches jedoch bei der hier statthabenden Offen 
kundigkeit schlechterdings nicht verfangen kann! 
General von Knyphausen erwähnt denn auch, 
was andernfalls, schon der Kuriosität halber, 
ganz gewiß geschehen wäre, in seinem diesbezüg 
lichen Bericht an den Landgrafen vom 23. August 
1778 von einem „zuvor genommenen Abschied" 
nichts, bemerkt vielmehr, daß die Fähnriche F. und 
Kl. feit dem 7. August vermißt würden und, „da 
von feindlichen Deserteurs die Nachricht einge 
kommen, daß zwei hessische Offiziers zu White-Plains 
eingetroffen, wohl mit Zuverlässigkeit als Deser 
teurs anzusehen seien". General Washington aber 
macht er darauf aufmerksam, daß sie „wegen ge 
machter vieler Schulden desertirt unb ihrer Aus 
führung wegen kassationsfähig gewesen". 
Eben so wenig ist in dem am 28. Juni 1780 
von Port in Birginien aus an Knyphausen ge 
richteten Begnadigungsgesuch des Fähnrichs Kl. 
etwas zu finden, was auf einen „vorher genom 
menen Abschied" auch nur im Geringsten hin- 
deutete. 
„Sehr gewiß Versicherd" — so läßt sich der 
Deserteur, nachdem er etwa zwei Jahre lang mit 
Kamerad F. die doppelte Ehre, amerikanischer 
Bürger und Kapitän zu sein, getherlt, an die 
Großmuth derer appellireud, über die er s. Z. so 
unbarmherzig den Stab hatte brechen helfen, im 
Tone bitterster Rene vernehmen — „Sehr gewiß 
versicherd von Dero Großmüthigkeit . . . habe 
ich mich erkühnet, Dero hohe Gnade anzuflehen 
und . . . mit der Wahrheit umständlich zu be 
richten, wie daß ungefehr ein Jahr und Sechs 
Monath vergangen seynt, wann ein Fehndrich . . . 
mit Namen C. F. sich vorgenommen hatte, über 
zu den Amerikanern zu gehen ... wo mich der 
selbe als einen Freund überreden thäte, mit ihm 
in das Land zu gehen und heruachmals bey 
großen Vorstellungen und lustigen Anschlägen 
alles mein Geldt von mihr bekommen hatte und 
dann fälschlich persuadirte, mit ihm zu dem Feinde 
zu gehen, und wobey er mich zu einem ganz un 
glücklichen Manu gemacht hat ..." 
Nun, ich denke, das klingt eher nach allein 
Andern als gerade nach „vorher genommenen 
Abschied". Dieser wäre zudem, was noch mehr 
in die Waagschale füllt, auch von Kl. ganz ge 
wiß nicht unerwähnt gelassen; was General von 
Kuyphansen des Kuriosums wegen nicht über 
gangen haben würde, der reuige, um Gnade 
flehende Deserteur hätte es als mildernden Umstand 
geltend zu machen versucht. Denn, nehmen wir 
einmal an, das Ungeheuerliche sei dennoch ge 
schehen, der Abschied in der That eingereicht 
worden, aus welch anderem Grunde konnte dies 
dann geschehen sein als in dem Wahne, sich dck- 
durch zu entlasten? 
lFortsetzung folgt.) 
-¿giß*- 
Kin Kequiem. 
Novelle von Wilhelm Schoos. 
yfit tiefer Waldeinsamkeit versteckt liegt in der 
<& Rhön da, wo sie am höchsten wird, das 
Franziskanerkloster Kreuzberg. Ein unmuthiger 
Wiesenpfad führt, wenn man von Gersfeld kommt, 
durch den Oberweißenbrunner Wald zum heiligen 
Berge. Oben, aus halber Höhe, mündet der Pfad 
in eine breite, schöne Allee. Hier, vor einem 
mächtig ragenden Heiligenkreuz, schweift der Blick 
über Dörfer und Wiesen hin weit in das Land 
hinaus bis nach Thüringen und Hessen hinein. 
Bald umfängt den Wanderer Wald, herrlicher, 
dunkler Bergwald wie in Thüringen. Aber es 
ist nicht Thüringen, es ist die Rhön, die rauhe, 
herbe, die hier anheimelnd und lieblich zu werden 
beginnt. 
Noch wenige Schritte, und das Kloster mit keck 
aufragendem Thurm und dicken, handfesten Mauern 
taucht vor uns wie ein verborgenes Kleinod auf, 
daneben ein Wirthshaus mit ebenso festen Mauern. 
Der erste Eindruck ist durch und durch romantisch.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.