Full text: Hessenland (14.1900)

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und Charakter ich unwiderlegliche Beweise habe, fühle ich 
die Verpflichtung, das Meinige zu thun, damit sein 
Namen nicht in der Beleuchtung auf die Nachwelt kommt, 
in welche er durch Ihr Werk gerückt worden ist. 
Denn diese Beleuchtung wird nicht durch das reine 
Licht der Wahrheit und Unparteilichkeit bewerkstelligt, 
sondern durch den schein des Lichtes, welches durch die 
von ungerechtem Hasse und böswilliger Verläumdung ge- 
trübten Scheiben der Quellen, die Ihnen bei Abfassung 
Ihres Werkes zu Gebote gestanden haben, dringt. 
Ich befürworte, daß ich meine nachfolgenden Aus 
einandersetzungen jedem, wer immer es auch sei, gegenüber 
auf das Nachdrücklichste zu vertreten bereit und Willens 
bin, und zeichne mit dem Ausdrucke vollkommener Hoch 
achtung als 
Ew. Hochwohlgeborcn 
ergebener 
Frhr. von Meysenbug-Lanenau. 
Im zweiten Abschnitte des vierten Theils der 
„Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert" finden 
sich bei Besprechung der „Verfassung und Mit- 
regentschast in Kurhessen" folgende Sätze, die ans 
den weiland kurfürstlich hessischen Staatsminister 
Freiherrn von Meysenbug Bezug haben: 
1. auf Seite 136—137. „In den nächsten 
Tagen mußte er (Kurfürst Wilhelm II.) noch, 
halb gezwungen durch drohende Schreiben der 
Bürgerschaft, ein konstitutionelles Ministerium be 
rufen, dessen Leitllng Frhr. Schenk von Schweins 
berg übernahm, und den Vertrauten der Reichen 
bach, Meysenbug, mit dem unpolitischen Amte 
des Hansministers abfinden." 
2. „Sobald der Landtag geschlossen war, 
am 10. März, verschwand der Kurfürst mit 
seinem Meysenbug aus Wilhelmshöhe und fuhr 
nach seinen Schlössern im Hananerlande, wo er 
mit seiner Geliebten zusammentraf." 
3. „Während die Minister in Kassel redlich 
an den neuen organischen Gesetzen arbeiteten, bil 
dete der Kurfürst mit der Gräfin und ihrem 
Meysenbug eine geheimnißvolle, absolutistische 
Gegenregierung im schönen Schlosse Philippsruhe 
am Main; die Bürgerfeste der Kasseler wurden 
durch allerhand rohen Muthwillen gestört. Jeder- 
mann argwöhnte, daß die Unruhestifter ihre 
Weisungen von der Reichenbach empfingen." 
In dem 3. Theile des 26. Bandes steht Seite 
534: „Die beiden ehrenwerthen Minister Witz- 
lebelk und Krafft forderten endlich angeekelt ihre 
Entlassung. Nun blieben nur noch Minister 
Schminke, ein bequemer Schlemmer, und der zum 
Freiherrn von Meysenbug erhobene Kabinetsrath 
Rivalier, der zuweilen einmal eine Gewaltthat 
verhinderte, aber auch nur ein gefügiger Hof- 
mann war." 
Diese Ausführungen charakterisiren die Persön 
lichkeit Meysenbug's als eines Mannes, der als 
Minister eines Staates und als Geheimer 
Kabinetsrath des Staatsoberhauptes nicht etwa 
den Interessen dieses Staates und seines Ober 
hauptes gedient habe, sondern der als Werkzeug 
in der Hand einer fürstlichen Maitresse nur be 
flissen und bereit gewesen sei, den ans die Durch 
führung der ehrgeizigen Pläne dieser Maitresse 
angezettelten, gegen den Frieden des fürstlichen 
Hauses und des Landes gerichteten Intriguen 
Vorschub und Hilfe zu leisten. 
Der menschliche Gesichtskreis hat sich, wie in 
jeder Beziehung, so auch in der Politik geweitet. 
Der Blick ist ein größerer geworden; alles 
Kleinliche verschwindet mehr und mehr. Daher 
muß es um so nothwendiger erscheinen, ein 
Werk, welches sich mit den Entwicklungsphasen 
Deutschlands in dem nach den Freiheitskriegen 
folgenden Abschnitte der ersten Hälfte des 19. Jahr 
hunderts und mit den derzeit in den einzelnen 
deutschen Staaten sich abspielenden Vorgängen be 
schäftigt, mit der peinlichsten Genauigkeit zu ver 
fassen und, wo es nöthig ist, das Verfaßte 
richtig zu stellen. — Es bleibt möglicherweise 
das einzige, — es wird Geschichte. 
Ich würde es mir nie verzeihen können, wenn 
ich nicht den Versuch unternähme, zu verhindern, 
daß die Persönlichkeit meines Großvaters in der 
oben geschilderten Form der Geschichte überliefert 
wird. 
Seine Persönlichkeit ist — besonders für unsre 
Augen und unsern Maßstab — nicht von be 
deutender Wichtigkeit für den Gang der geschicht 
lichen Ereignisse. Wohl aber ist es von großer 
Wichtigkeit für alle die, welche seinen Namen 
tragen, daß seine Persönlichkeit nicht entstellt, 
sein Name nicht beschimpft der Nachwelt über 
liefert wird. Von allem, was aus dem oben 
bezeichneten Werke angeführt wurde, kann ich nur 
den zweiten Satz als der Wirklichkeit entsprechend 
anerkennen, den Satz, welcher besagt, daß der 
Kurfürst mit „seinem Meysenbug" aus Wilhelms 
höhe abgefahren sei. Meysenbug war nicht allein 
Geheimer Kabinetsrath des Kurfürsten Wilhelm II., 
nicht allein sein treu ergebener, redlicher Diener. 
Er war auch, wie der Kurfürst noch auf seinem 
Sterbebette selbst äußerte, sein treuester Freund, 
von Jugend auf ihm nahe stehend, Zeit seines 
Lebens beflissen, so viel in seinen Kräften stand, 
alles zum wahren Besten seines Herrn zu lenken. 
— Das war bei einem so eigenwilligen, starren, 
trotzigen Charakter, wie ihn der Kurfürst, gleich 
seinem Vater und seinem Sohne besaß, eine 
schwere Ausgabe. — Daß es Meysenbug nicht 
gelang, dieser Aufgabe in befriedigender Weise 
gerecht zu werden, war traurig sowohl für den
	        

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