Full text: Hessenland (14.1900)

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wurde später zum Kriegsrath, Geheimen Refe 
rendarius und Geheimen Sekretarius bei der 
Kriegs-Kanzlei befördert. Im Laufe der Jahre 
gewann er sich durch seine Dienstleistungen und 
seine Charaktereigenschaften die besondere Gunst 
des Kurfürsten Wilhelm I., der ihn im 
Jahre 1818 zum Geheimen Kabinetsrath er 
nannte und ihn mehr und mehr an seine Person 
heranzog. 
Ich will hier besonders hervorheben, daß es Kur 
fürst Wilhelm der Erste war, welcher ihn mit dem 
verantwortungsreichen und im Hinblicke auf die 
Charaktere der beiden Kurfürsten, unter welchen 
er diente, außergewöhnlich schwierigen und dornen 
vollen Amte eines Geheimen Kabinetsrathes be 
traute. Fast alle Darstellungen der hessischen Ge 
schichte der damaligen Zeit lassen die Vermuthung 
zu, daß er seine schnelle Karriere und einfluß 
reiche Stellung der Gunst der Gräfin Reichen 
bach, der Geliebten und nachmaligen zweiten 
Gemahlin des Kurfürsten Wilhelm II., verdankt 
habe. Demgegenüber möchte ich nicht unterlassen, hier 
zu betonen, daß ihm bereits Kurfürst Wilhelm I. 
rücksichtlich seiner Amtsführung und feiner 
Charaktereigenschaften ein besonderes Vertrauen 
und Wohlwollen entgegenbrachte. 
Dies und die seinem Vater geleisteten Dienste 
anerkannte Kurfürst Wilhelm II. dadurch, daß 
er ihn unter Zulegung des kurz vorher mit dem 
Landrath Heinrich von Meysenbug ausgestorbenen 
althessischen Meysenbug'schen Namens in den 
Adelstand erhob, welchem Vorgänge bald die 
Verleihung des Freiherrnstandes durch den Kaiser- 
Franz I. von Oesterreich folgte. 
Ganz nebenbei sei hier bemerkt, daß eine 
Tradition der Rivalier'schen Familie zufolge 
diese in Frankreich bereits das Adelsprädikat 
besessen hat. 
Nach der Ernennung zum Geheimen Kabinets 
rath war die Familie zu ihrem großen Kummer- 
gezwungen, das schöne eigene, in der Bellevue 
straße in Kassel gelegene Haus aufzugeben und 
in die dem Kurfürstlichen Palais gegenüber 
liegende Dienstwohnung zu ziehen. 
Es bestand diese in dem Hause, in welchem 
Seine Majestät unser jetziger Kaiser und Seine 
Königliche Hoheit Prinz Heinrich während der 
Zeit, in welcher sie das Kasseler Gymnasium 
besuchten, wohnten. Vor diesem Hause spielten sich 
auch die Krawalle des Jahres 1831 ab. 
Die Stellung als Geheimer Kabinetsrath muß 
zu damaliger Zeit einen großen Wirkungskreis 
geboten haben. Ein Schreiben des Senates der 
freien Stadt Frankfurt spricht Meysenbug „den 
lebhaftesten Dank aus für die thätige und eifrige 
Mitwirkung, welcher wir das Zustandekommen 
des Handelsvertrages verdanken, eines Vertrages, 
dessen segensreiche Folgen mit jedem Tage sicht 
barer werden und deren jede uns Ihr Andenken 
aus das lebhafteste in's Gedächtniß rufen wird". 
Einen gleichen Dank für die „rege und förderliche 
Thätigkeit, mit welcher Sie an dem Zustande 
kommen des mitteldeutschen Handelsvereins Theil 
genommen haben", spricht das die Verleihung des 
Kommandeurkreuzes erster Klasse des weißen 
Falkenordens begleitende Schreiben des Groß 
herzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach aus. 
Meysenbug hatte sieben Söhne und vier Töchter, 
von welcher Kinderschaar nur noch die als Ver 
fasserin der „Memoiren einer Jdealistin" weitesten 
Kreisen bekannt gewordene, unverheirathet ge 
bliebene Tochter, Malwida von Meysenbug, 
in Rom lebt. 
Anfang des Jahres 1831 wurde Meysenbug 
zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
und bald darauf zum Minister in außerordent 
lichen Diensten und kurhessischen Gesandten in 
Wien ernannt. 
Nachdem er letzteren Posten nur kurze Zeit 
bekleidet hatte, blieb er dann bis an sein Lebens 
ende als Minister in außerordentlichen Diensten 
an der Seite des Kurfürsten Wilhelm II., der, 
nachdem er den Kurprinzen zum Mitregeuteu 
ernannt hatte, sich ganz von der Regierung 
zurückzog. Meysenbug starb am 30. Dezember 
1847 in Frankfurt am Main. 
Nähere Mittheilungen aus der späteren Zeit 
seines Lebens und seiner Thätigkeit enthalten die 
folgenden, zur Widerlegung der Angaben der 
„Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert" ge 
machten Auszeichnungen, die ich mit dem meiner 
seits an die Adresse des Herrn von Treitschke 
gerichteten Briefe einleiten werde. 
Schreiben 
an den Verfasser der „Deutschen Geschichte im 19. Jahr 
hundert", 
Herrn von Treitschke in Berlin. 
Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich, folgende Mit 
theilung ergebenst zu unterbreiten. 
In dem Vorworte des vierten Theiles Ihrer „Deutschen 
Geschichte im 19. Jahrhundert" sagen Sie: 
„Die Vorwürfe, die mir in zahlreichen Briefen zu 
kommen. habe ich ernstlich erwogen, ohne sie immer be 
herzigen zu können." 
Ich gedenke, Ew. Hochwvhlgebvren in diesem Briefe 
keine Vorwürfe zu machen. 
Dagegen wünsche ich, an den Gerechtigkeitssinn Ew. 
Hvchwohlgebvren zu appelliren und die ernstlichste Be 
herzigung meiner anbei folgenden Darlegungen nachdrück 
lichst zu empfehlen. 
Durchdrungen vvn herzlicher Verehrung für einen 
Mann, von dessen edler Denkungsart und reinem Herzen
	        

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