Full text: Hessenland (14.1900)

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Rügegericht, zu dem jeder Bürger bei Strafe zu 
erscheinen gehalten war. unter anderen die Be 
stimmungen, nach welchen die Baupolizei gehand- 
habt wurde, neu verkündigt. 
Eine dieser Bestimmungen besagte, daß un 
mittelbar an der Straße nur gestattet war, 
mit Steinen zu bauen, selbst diese Bauten sollten 
aber nur mit Vorwissen und auf Anordnung des 
Baumeisters und seiner Mitbeamten vorgenommen 
werden dürfen, den Zimmermeistern war es über 
haupt untersagt, Holzbaue vorzulegen, es sei denn, 
daß besondere Erlaubniß dazu ertheilt wäre. 
Gegen diese Bestimmung hatte nun der Schmied 
Hektor Simon vor dem Neuen Thor*) gefehlt. 
Er hatte von einem Zimmermann in Quentel 
bei Hess. Lichtenau einen Holzbau gekauft und 
denselben von dort nach Kassel bringen lassen, 
wo er alsbald aufgeschlagen wurde, ohne daß 
vor der Aufstellung von dessen Vorhaben etwas 
bekannt geworden war. Simon saß mit seinen 
Zimmerleuten gerade beim Hebebier, als ein 
Bote der Obrigkeit erschien. Diesem erklärte 
Simon, daß er nicht bewußt sei, gegen die fürst 
liche Ordnung gefehlt zu haben, und wies ihm 
die Thür. Tags darauf schickte er dann seine 
Frau, um sein Benehmen gegen den Boten zu 
entschuldigen, sie mußte dasselbe auf starke Trunken 
heit ihres Mannes zurückführen und stellte dessen 
persönliches Erscheinen für den nächsten Tag in 
Aussicht. Er kam jedoch auch jetzt nicht selbst, 
sondern ließ nur durch seine Nachbarn zu seiner 
Entschuldigung sagen, er habe geglaubt, es sei 
nicht der Ordnung zuwider an der Mauer 
einen derartigen Bau zu errichten, brachte also 
die Mauer im Gegensatz zu der Straße (s. oben). 
Die über den Fall berichtenden Beamten der 
Baupolizei betrachteten den Fall auch nur im 
milden Lichte, indem sie dem Landgrafen schrieben: 
„Wir können ihn (Simon) wegen begangenen 
Exceß der Strafe halben nit unschuldig halten, 
ob er aber mit dem Bauen also fortfahren solle, 
steht zu Euer Fürstlichen Gnaden Verordnung." 
Simon selbst wandte sich unmittelbar an den 
Landgrafen. Aus dem Inhalt dieser demüthig 
gehaltenen Bittschrifft sei hier Einiges mitgetheilt, 
da sie uns einen Blick in die damaligen Ver 
hältnisse in Kassel thun läßt. Es heißt da, 
nachdem Simon hervorgehoben hat, sein Häuschen 
sei völlig baufällig gewesen, folgendermaßen: 
„Ich habe dann keinen andern Verdienst, damit 
ich mich und die Meinigen in diesen geschwinden 
Zeiten erhalten möge, als was ich täglich mit 
*) Zwischen betn Druselthurm und dem Zwehrenthurm, 
etwa in der Kegend der heutigen Garnisonkirche. 
meiner saueren Handarbeit erlange. Mit solcher 
aber dermaßen jetzo darniederliege, daß ich darzu 
mein Häuslein nicht vollends accommodiren noch 
schie Arbeit^ bei anderen, da ich mich auf einen 
Tag oder etliche eingebeten, verrichten kann, 
sondern mit meinem darauf gedingten Gesinde 
ganz ledig sitzen und darben muß. Als bitte 
ich ganz underthänig, um Gotteswillen, Eure 
Fürstliche Gnaden wollen mir als einem armen 
Laien („Leihen" schreibt Simon) meine Unvor 
sichtigkeit zu Gute hallen und in gnädiger Be 
trachtung meines Armuths mich mit der Strafe 
übersehen und mir in Gnaden erstatten, daß ich 
doch das aufgerichtete Bäulein vollends unter 
Dach bringen und mein Handwerk darin con- 
tinuiren möchte, will ich mich befleißigen und 
sehen, ob ich es erschwinden möge, daß ich davon 
von Jahren zu Jahren, weil es doch etwas so 
kurz auf die Stelle etwas von Steinen bauen 
könne." 
Der Landgraf entschied nicht sofort, sondern 
beauftragte seinen Generalaudienzirer Dr. Wolf- 
gang Günther, über den aus den Aufsatz im 
Jahrgang 1898 dieser Zeitschrift (Nr. 18, 20, 
21 — 23) verwiesen sei, wie aus der Eingabe der 
oben erwähnten Beamten beigefügter fürstlicher 
Bemerkung zu ersehen ist, dieselben zu ver 
nehmen und sich namentlich darüber Klarheit zu 
verschaffen, ob sie etwa Neigung verriethen, die 
Strafe aus den Zimmermeister und andere zu 
treiben. Beide scheinen bei ihm, wie wir bald 
sehen werden, schon Einiges aus dem Kerbholz 
gehabt zu haben. Auch den Schmied Simon zu 
vernehmen, dürste Günther beauftragt sein. 
Wolfgang Günther entledigte sich seiner Auf 
träge umgehend und erstattete dem Landgrafen 
am 26. Juni Bericht. Von den Beamten 
ist nur kurz die Rede, dagegen geht Günther auf 
die von Simon zu seiner Vertheidigung vor 
gebrachten Entschuldignngsgründe, sechs an der 
Zahl, näher ein. 
Außer mit dem bereits Vorgebrachten ent 
schuldigte Simon sich damit, daß keine Steine 
zu haben gewesen wären, wegen der Bausülligkeit 
seines Hauses sofortige Abhilfe äußerst dringend 
erforderlich gewesen, das neue Bäulein um ein 
„Liederliches" erstanden sei und er selbst dieses 
Geld noch habe borgen müssen. 
Darüber hinaus legte Günther dem Land 
grafen die milde Bestrafung des Schmiedes nahe. 
Es heißt in seinem Bericht: „Weil dieses ein 
armer Mann, so sich doch gerne ehrlich nähren 
wollte, und von der Stätte Grundzinsen aufs 
Rathhaus jährlich 5 fl. entrichten muß, so sein 
ihm doch auf E. F. Gn. gnädige Ratifikation
	        

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