Full text: Hessenland (14.1900)

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vvn ihr Besitz nahm. Als er vom Pferde ge 
stiegen war, zwang ihn sein Unwohlsein sich als 
bald wieder zu Bette zu legen, doch behielt er die 
Oberleitung, ließ sich über alles Meldung machen 
und ertheilte dann die Befehle. Das Gefecht 
des ersten Tages ging aus einer Erkundung 
hervor, die der französische Oberbefehlshaber 
unternahm; General Tallard, ein tapferer 
feuriger Manu näherte sich der Stadtbefestigung 
bis auf etwa 300 Schritte, ein Bürgerschütze, 
der mit anderen die hessischen Kriegsleute bei 
Vertheidigung der Vaterstadt unterstützte, erblickte 
vom Thurme der evangelischen Kirche ans in 
mitten des Gefolges einen durch glänzende Tracht 
und Federhut ausgezeichneten Reiter, nahm mit 
Recht an, daß dieser von Bedeutung sei, und 
sandte ihm aus seinem Doppelhaken eine Kugel 
zu. Sie durchbohrte die Brust und fuhr an der 
Seite wieder heraus; die Thätigkeit des Feld 
herrn fand gleich im Beginne ihr Ende, er 
mußte sich aus dem Lager fortschaffen lassen. 
Der Schütze, welcher durch den verhängnißvollen 
Schuß seiner Vaterstadt einen großen Dienst 
leistete, war der Drechslermeister Johannes 
Kretsch. 
Die Thätigkeit des Belngerungsheeres war 
zunächst gelähmt, dagegen rückten in der Nacht 
zum 7./17. die Grenadierkompagnie des Haupt 
manns Karl Ludwig von Bülow und die Kom 
pagnie des Hauptmanns Johann Christoph von 
Berlepsch, beide vom Leibregiment zu Fuß, in 
Rheinfels ein, eine Verstärkung von 160 Manu. 
Im französischen Lager traf der General 
de Choisy ein, Ingenieur von Ruf, um den 
Befehl zu führen. Sofort begann am 7./17. die 
Vorbereitung des Erdangriffs; Abends gegen 
7 Uhr rückte ein starkes Corps bis aus 300 Schritt 
von der Contrescarpe vor, unter dessen Schutze 
Arbeiterabtheilungen die Aushebung der ersten 
Parallele begannen. Den heranmarschirenden 
Regimentern wurde Befehl nach St. Goarshausen 
geschickt: sie sollten, wenn bei ihrer Ankunft der 
Feind sich der Stadt St. Goar noch nicht be 
mächtigt habe, sogleich zur Neustadt sich über 
setzen lassen und recta auf's Schloß marschiren; 
habe der Feind aber St. Goar genommen, was 
ihnen durch eine Rackete angezeigt werden würde, 
so hätten sie in der Nähe von St. Goarshausen 
stehen zu bleiben. Görz wollte also St. Goar 
nicht gegen einen kräftigen französischen Angriff 
vertheidigen, sondern im Falle eines solchen seine 
geringen Streitkräste in der Feste vereinigen. 
Allein der Feind unternahm nichts aus die 
Stadt; du Mvnt blieb mit seinen 4 Kompagnien 
in derselben. Am Nachmittage des 8./18. traf 
ein Fähnrich vorn Regimenté Görz mit der 
Meldung ein, daß dieses am Abende Rastetten 
erreichen werde. Major de Copes rückte bereits 
mit 2 Kompagnien Abends auf Rheinfels ein, 
Major von Sacken mit seiner Kompagnie des 
Leibregiments zu Fuß noch in der stacht, dank 
den Gewaltmärschen der Truppen. 
Während der Nacht zum 9./19. wurde aus der 
Festung unablässig in das vorliegende Gelände 
gefeuert, nur den Feind an den Arbeiten zu 
hindern; doch vollendete er die erste Parallele 
und erbaute in dieser die 1. Batterie für 6 halbe 
Karthaunen (24 Psünder-Kanonen) gegenüber der 
Schanze „Speyfeuer". Am 9./19. Abends trafen 
2 Kompagnien vom Regiment Görz und zwei 
vom Leibregiment zu Fuß ein urtb „ nunmehr» 
beguute man sich nach und nach in bessern 
Defensionsstand zu setzen, die Posten zulänglich 
zu besetzen, die Officiers, auch zum Theil die 
Gemeinen, wechselsweis abzulösen, jedoch ineommo- 
dirte der Tag und Nacht anhaltende Regen 
überaus sehr, weiln dadurch das Gewehr über 
und über naß wurde und den Leuten kein 
trockener Faden am Leibe bliebe", heißt es. 
Die Lage der Franzosen in dem knietiefen Morast 
der Approchen war aber fast schlimmer als die 
der Hessen. 
Durch äußerste Anstrengungen war es dem 
Feinde gelungen, seine 1. Batterie mit 6 halben 
Karthaunen zu bewaffnen und früh am 11./21. 
das Feuer zu eröffnen; das Ziel war haupt 
sächlich der große Schloßthurm, auch wurden 
Leute der Besatzung verwundet. Eingebrachte 
Gefangene sagten aber aus, daß ihnen schon 
400 Mann getödtet oder verwundet seien, die 
Stärke ihres Heeres gaben sie zu 18 000 Mann an. 
Görz hatte die Krankheit soweit überstanden, 
daß er die Werke in Augenschein nehmen konnte, 
sodaß er dem Obersten von Tettau, der im Auf 
träge des Landgrafen am 11./21. erschien, über 
die Lage und die Aussichten der Vertheidigung 
persönlich Aufklärung zu geben vermochte. Der 
Feind begann die 2. Batterie für 4 halbe Kar- 
thauneu und einen Kessel für 2 Mörser, beide 
in der ersten Parallele. Gegen die von den 
Bomben drohenden Gefahren wurden nun die 
Dächer herabgeworsen, das Pflaster ausgenommen, 
die Magazin- und Pulverhäuser mit Mist be 
schüttet. 
Die Hessen in St. Goarshausen warfen auf 
dem Patersberge am rechten Rheinufer eine 
Batterie für 6 Stück auf, in welche die von dem 
Kurfürsten von Trier gesendeten Karthaunen ge 
bracht wurden und von da auf die französischen 
Linien feuerten, ihr Fortschreiten erschwerend.
	        

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